Kultur | 04.11.2014

Lohn für Imperfektion

Text von Sofiya Miroshnyk | Bilder von Ice Graf)
3.7 Millionen Dollar Vorschuss hat Lena Dunham auf ihr Erstlingswerk kassiert. In ihrem Buch "Not That Kind Of Girl" erzählt sie uns, was sie vom Leben gelernt hat.
Lena Dunham erinnert uns immer wieder daran, dass Barbies in der Realität nicht überleben könnten. (
Bild: Ice Graf)

Sie ist Autorin, Regisseurin und gleichzeitig die Hauptdarstellerin der Serie “Girls”.  Als  Protagonistin Hanna Horvarth streckt sie ab und dann mal ihren vollschlanken Körper in die Kamera. Wahlweise auch nackt und auf allen vieren. Ihr Körper sei ein Instrument, mit welchem sich Geschichten erzählen lassen, meint Lena. Und verweist darauf, dass sie dabei nur deshalb als mutig bezeichnet wird, weil sie ihren Körper in die Kamera streckt.

In “Girls” überzeugt sie aber mit mehr als nur ihrem Mut: Humor, Cleverness, aber vor allem mit ihrer Ehrlichkeit. Einer Ehrlichkeit, die auch in ihrem Buch genauso präsent ist, wie verträumte Poetik.

 

Ratgeberfunktion?

Es ist kein langsamer Prozess, sondern vielmehr ein ehrlicher Schlag ins Gesicht.: “I am twenty years old and I hate myself.” Mit diesen Worten beginnt Lena die Geschichte(n) ihres jungen Lebens zu erzählen. Dabei hält sie sich vor allem an solche aus ihrer Pubertät, so dass man meinen könnte, sie hätte das “Heranreifen zur Frau” noch nicht  ganz verarbeitet. Sie lässt keine noch so seltsame Erfahrung aus und thematisiert ihre Vergewaltigung genauso offen wie die kindlichen (sexuellen) Liebesspiele unter Schwestern. Um das Buch aufzulockern, oder zu strecken, ergänzt sie das Werk mit einigen Listen und einem Diättagebuch. Manches davon ist witzig, beispielsweise die Notiz vom letzten Tag der Diät: “I went totally nuts and ate all the things.” Andere sind schlichtweg uninteressant. (Bsp. Liste : “What is in my bag?”) Und doch gelingt es der jungen Autorin zu unterhalten, ohne die Botschaft aus den Augen zu verlieren. Und diese Botschaft kann sich sehen lassen.  Ob beabsichtigt oder nicht, gibt uns Lena ein tolles Lesegefühl. Ihre Imperfektion, ihre Fehler, ihre Ängste und Neurosen, ihre Hypochonderkrankheit – all dies macht sie liebenswert und lässt uns die Fehler des eigenen Ichs verzeihen.

 

Das Buch ist wie ein Ratgeber aufgebaut, aber keinesfalls als ein solcher zu verstehen. Abgesehen von der Anleitung zum “Bed Sharing” und einigen sinnvollen Ratschlägen ihrer Eltern: “Barbie is disfigured. It`s fine to play with her just als long as you keep that in mind”, finden sich kaum konkrete Tipps für eine junge Frau. (Jedoch einige für Mädchen.)

 

Was wirklich wichtig ist

Auch wenn man den hohen Vorschuss auf das Buch kritisieren könnte, so hat die Dame unumstritten den Nerv der Zeit getroffen. Neben mageren Supermodels und chirurgisch optimierten Schauspielerinnen ist sie zu einem nennenswerten Vorbild für junge Frauen geworden. Eine Frau mit vielen Talenten und einer verträumten, phantasievollen Sprache. Eine Frau, die sich was traut und zugibt, dass sie dabei Angst hat. Eine Frau, die zu ihren Unsicherheiten und Selbstzweifeln steht. Eine, die ihre Schwächen in  Stärken umwandelt und dabei keine Rücksicht auf Verluste nimmt. Nicht zuletzt ist Lena Dunham eine Frau, die sich nicht verstellt oder versucht perfekt zu sein. Und ihre Imperfektion ist zumindest 3.7 Millionen Dollar Wert.

 

Meine Top 5:

5. “…To spoon or not to spoon” (Über bed sharing)

4. “We worked hard to impress and even harder to seem like we didn`t care.”

3. “What they want to take from you is way worse than your thong in the back of their Lexus.” (Über die Herausforderungen der Frauen in Hollywood)

2. “I can`t find a goddamn fucking job and I`m too fat to be a stripper.”

1. “I’ve always had a talent for recognizing when I am in a moment worth beeing nostalgic for.”