Politik | 16.11.2014

Ich bin kein Rassist, aber…

Text von Maximilian Hofmann | Bilder von Matthias Käser
Nur weil Rassismus nicht sichtbar ist, heisst das nicht, dass er in unserer Gesellschaft kein Thema mehr ist. Die Angst vor Fremdem ist bis heute viel tiefer in jedem von uns verwurzelt, als man denkt.
"Eigentlich sind alle Menschen Rassisten.", sagt Tiziano Terzani.
Bild: Matthias Käser

Tiziano Terzani, ein bedeutender italienischer Journalist und Schriftsteller, behauptete einst: “Eigentlich sind alle Menschen Rassisten.” Viele von uns würden diese These unvermittelt und bestimmt von sich weisen. Rassismus spiele doch zumindest in unserer westlichen Gesellschaft heutzutage keine Rolle mehr: Die bitteren Lehren aus dem dritten Reich seien gezogen; das Nazitum, das die europäische Gesellschaft mit seiner Ideologie verseucht hatte, längst überwunden.

 

Es war der staatlich bewilligte Rassismus der Nationalsozialisten, der Menschen aufgrund politischer Willkür, religiösen, ethnischen und nationalen, nicht haltbaren Begründungen verfolgen liess. So etwas ist für junge Menschen im 21. Jahrhundert – zumindest hier – nur noch schwer vorstellbar. Doch wenn rechte Gruppierungen in vielen europäischen Ländern an Wichtigkeit gewinnen, so ist es in erster Linie nicht der Rassismus, den sie sich zu eigen machen, sondern die Sorgen der Menschen. In der Gesellschaft Ängste schüren gegenüber Ausländern, die angeblich Arbeitsplätze wegnehmen, ist das, was Marine Le Pen in Frankreich und Nigel Farage in Grossbritannien mit ihren EU-skeptischen Parteien versuchen.

 

Ist der Affront von Terzani also haltbar? Was auffällt ist der hinkende Vergleich vom Staat und den einzelnen Mitgliedern, aus denen er besteht. Es lässt sich nicht ohne weiteres von einem Staat, und wie er nach aussen hin auftritt, auf die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft schliessen. Gibt sich ein Land weltoffen und tolerant, sagt das noch nicht viel über die Bevölkerung in diesem Staat aus. Rassismus ist auch in den Köpfen der Menschen verankert. Manchmal historisch, manchmal bedingt durch gesellschaftliche Umstände. Denn Rassismus kann nicht nur in seinen extremen Formen sichtbar werden.

 

Differenzierter Rassismus

Wenn man offen gezeigte Diskriminierung, Verachtung, Benachteiligung und Ausgrenzung als “aktiven Rassismus” bezeichnen will, so lassen sich latent rassistische Verhaltens- und Denkweisen wie Intoleranz und wertende Vorurteile, die wir nur zu gerne bestätigt sehen, als “passiver Rassismus” deklarieren. Um auf die Definition von Rassismus zurückzugreifen, ist dies die Grundlage, anderen Menschen die Gleichrangigkeit absprechen zu können und im Extremfall ihre Existenzberechtigung in Frage zu stellen.

 

Toleranz bewusst leben

Wie es ist, auf der anderen Seite als der Vorverurteilte, dem Intoleranz entgegengebracht wird, zu stehen, wird erst durch einen Perspektivenwechsel sichtbar. In die Rolle des Ausländers oder Neuankömmlings in einer unbekannten Umgebung zu schlüpfen, macht deutlich, dass Rassismus nicht zwangsläufig immer offensichtlich sein muss. Einfacher gesagt als getan. Es ist ein ständiges “sich selbst daran erinnern”, dass andere die eigene Intoleranz und die Vorurteile auch ohne Verbalisierung treffen.

 

Fremdheit gleich Bedrohung?

Nach dieser Einordnung ist man den Gedanken des italienischen Schriftstellers etwas näher. Abstreiten lässt sich nun einmal nicht, dass bestimmt Vorurteile und in einigen Situationen eine gewisse Intoleranz unser Denken zumindest beeinflusst. An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die Evolution: Etwas Fremdes abzulehnen, kann als “ureigener Instinkt” verstanden werden. Fremdheit bedeutet Unsicherheit. Fremdheit bedeutet potentielle Gefahr. Auch wenn das offensichtlich eine wenig reflektierte Denkweise ist, die uns in den Kopf schiesst, so ist es zumindest im ersten Moment nichts Ungewöhnliches, sondern etwas, das durch die menschliche Entwicklung bedingt ist. Dies ist jedoch keine Rechtfertigung, in diesem Denken zu verweilen.