Gesellschaft | 07.11.2014

Einunddreissigster Brief aus Deutschland

Wenn Deutsche fremde Hauptstädte besuchen, führen sie oft nichts Gutes im Schilde. Was sich vor Jahren als Merksatz etablierte, gilt auch noch für die heutige Zeit. Oder?
War noch nie in Paris: Die deutsche Friedensbrieftaube von Eine Zeitung. (
Bild: Katharina Good)

Hallo liebe Schweiz,

 

in den vergangenen Wochen erreichten uns immer wieder Briefe, Mails, Anrufe und SMS von Schweizer Lesern. Wir wissen nicht, woher sie unsere Adresse oder gar unsere Telefonnummern haben, aber viel wichtiger ist, was da von uns verlangt, bzw. gewünscht wird.

 

Denn viele Schweizer wollen angeblich, dass wir in Ihrem Land auftreten und unsere Briefe vor Publikum präsentieren.

 

Das überrascht uns ein wenig und wir haben das Gefühl, unsere wöchentlichen Ratschläge an Sie werden nicht ganz Ernst genommen. Wir machen das alles doch nicht, um Sie zu unterhalten oder  – Gott bewahre – zu amüsieren.

 

Wozu wir jedoch bereit wären, ist eine offizielle Rede an die Nation. Sie wissen schon, wo wichtige Politiker anwesend sind, der Präsident, vielleicht auch noch ein paar ausländische Staatsminister und natürlich ein Millionenpublikum. Wir stellen es uns so vor, dass Ihr Bundespräsident Herr Burkhalter uns in einer bewegenden Laudation ankündigt und wir anschließend unter tosendem Applaus (Standing Ovations wären auch nicht verkehrt) die Bühne betreten.

 

Mit Bühne meinen wir den Bundesplatz. Das Ambiente muss absolut staatstragend sein und darf an der Wichtigkeit unserer Rede keinen Zweifel lassen. Im Hintergrund Ihr scherzhaft “Parlament” genanntes Bundeshaus, dahinter die majestätischen Gipfel der Alpen, zu unseren Füßen ein goldgepflasterter Boden, vor uns die 10.000 wichtigsten Schweizer und los geht’s.

 

Daheim vor den TV-Geräten: Millionen unterprivilegierte Bürger Ihres Landes. Landesweit stehen in allen Städtenriesige Leinwände, die die Rede übertragen. Als Support wünschen wir uns übrigens Metallica. Oder zumindest Eric Clapton.

 

Unsere Rede würde die Nation aufrütteln. Sie wäre so laut, dass sie noch in Frankreich zu hören wäre (die haben gute Ratschläge auch mehr als nötig). Wir würden nicht eher aufhören, bis auch endlich der letzte Schweizer Hochdeutsch spricht, seine Grenzen öffnet, ausländisches Vermögen mit dem Vermerk auf die Unredlichkeit abweist, zur Kollaboration der Schweiz mit den Nazis in der Vergangenheit steht und so weiter.

 

Und nach rund dreieinhalb Stunden würden wir erschöpft die Bühne verlassen und noch ein kurzes Bad in der Menge nehmen, bevor wir dann auf dem Weg zu unserer Kutsche, die uns noch durch die Schweizer Prärie führen soll, von einem hysterischen Fan erschossen werden.

 

Ok, über den Abgang können wir vielleicht nochmal reden, hier herrscht auch unter den Autoren noch keine klare Einigung. Die andere Variante, die diskutiert wird, wäre, dass nur einer erschossen wird und der andere danach aus Verzweiflung Selbstmord begeht und dabei die halbe Schweiz mitnimmt. Darüber diskutieren wir noch.

 

Doch der Rest sollte wohl problemlos zu machen sein.

 

So, jetzt sind Sie dran, die ganze Sache zu organisieren. Wir nehmen übrigens ein Auftrittshonorar, das sich am BIP der Schweiz zum Zeitpunkt der Rede bemisst.

 

Wir freuen uns!

 

Herzlichst,

 

 

Ihr Deutschland