Gesellschaft | 06.11.2014

Der etwas andere Unterricht

Text von Tabita Zaugg | Bilder von Yves Haltner)
Was genau ist Homeschooling eigentlich? Es erscheint vielen Aussenstehenden befremdlich, wenn Eltern ihr eigenes Kind unterrichten. Allerdings gibt es dafür viele verschiedene Gründe. Tink.ch sprach mit einem Pädagogen.
Homeschooling ist bislang noch eine Randerscheinung. (
Bild: Yves Haltner)

Homeschooling bedeutet, dass sich Eltern dafür entscheiden, ihr Kind nicht in die öffentliche Schule zu schicken. Sie wollen es selbst daheim unterrichten. Für manches Schulkind klingt dies erstmal, als würde ein Traum in Erfüllung gehen. Kein Schulweg, später aufstehen, und wenn man die Hausaufgaben nicht macht, ist es ja “nur” die Mutter oder der Vater, der einen tadelt. Allerdings fehlen einem auch Freunde und Klassenkameraden, die gemeinsamen Pausen und Schulwege. Die Integration ist je nachdem, wie viel das daheimunterrichtete Kind mit Gleichaltrigen zu tun hat, auch schwieriger. Das ewige Erklären, warum man nicht wie die anderen Kinder in die «normale« Schule geht, kann ebenfalls unangenehm sein – vor allem, wenn eben diese Kinder mit Unverständnis und gar Eifersucht reagieren.

 

Top oder Flop?

Der Pädagoge Michael Zaugg unterrichtete seine Tochter selbst sechs Jahre lang zu Hause und beschäftigt sich seither intensiv mit diesem Thema. Homeschooling hat aus seiner Sicht sowohl positive als auch negative Aspekte. So könne man dem Kind zwar einen lebensnaheren Bezug zum Lernstoff ermöglichen, als dies in der Volksschule möglich sei. Die enge Betreuung ermögliche zudem, gezielter auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Ein vorsichtiges Abwägen im Vorfeld sei aber wichtig: Ist Homeschooling eine dem Kind entsprechende Schulform? Denn im persönlichen Umfeld stosse diese Unterrichtsform in vielen Fällen auf Unverständnis. Dies kann für Eltern wie auch für das Kind unter Umständen zur Belastung werden. Zudem wird einem Kind, das zu Hause unterrichtet wird, ein wichtiger Aspekt der Volksschule vorenthalten. Zaugg spricht sogar davon, dass einem Kind durch Homeschooling möglicherweise der gesellschaftliche Zugang erschwert oder gar versperrt werden könnte: “Öffentliche Bildung verfolgt nicht nur den Zweck, dass die Schüler Rechnen und Schreiben lernen, sondern auch, dass sie in die Gesellschaft und Kultur hineinwachsen. Aus diesem Aspekt ist es fraglich, wie sinnvoll Homeschooling bei einem normal bildungsfähigen Kind ist.” Wo liegen denn die Chancen von Homeschooling? “Es gibt Forscher, die in den Raum stellen, ob Homeschooling möglicherweise für Kinder mit besonderen Bedürfnissen eine Chance sein könnte”, so Zaugg. “Diese könnten von der individuellen Betreuung und dem angepassten Lerntempo profitieren.”

 

 

Wieso die Lehrerrolle übernehmen?

Wieso entscheiden sich Eltern für diesen Bildungsweg? Zaugg nennt dafür mehrere Faktoren: So sei einerseits eine Tendenz zur Privatisierung des Bildungssystems festzustellen, die auch individuelleren Bildungsmöglichkeiten Platz böte. Andererseits habe sich auch die Haltung der Eltern geändert: “Soziologen stellen fest, dass sich Eltern heute intensiver mit dem Aufwachsen ihres Kindes auseinandersetzen und dieses aktiv mitgestalten wollen. Viele Eltern wollen auch die Bildung ihrer Kinder nicht dem Zufall überlassen. Homeschooling scheint in diesem Fall eine geeignete Möglichkeit, dem Kind eine individuelle Bildung zu ermöglichen. Zudem kann dadurch auch die gemeinsame Familienzeit verlängert werden, die durch die frühe Einschulung zunehmen verkürzt wird.”

 

In Studien zu den elterlichen Motiven für Homeschooling zeige sich, dass ein nicht zu vernachlässigbarer Teil der Eltern aus ideologischen Gründen ihre Kinder selbst unterrichte. Eine bedeutend kleinere Gruppe von Eltern unterrichte die Kinder aus Not, also quasi als letztes Mittel daheim: “Mobbing oder Schulverweigerung können Gründe dafür sein. Für diese Familien ist das oft eine Art Timeout. Wenn sich die Situation wieder normalisiert hat, gehen diese Kinder zumeist wieder in die reguläre Schule”, so Zaugg.

 

Schweizer Haushalt

Durch das föderalistische Bildungssystem der Schweiz wird Homeschooling auf kantonaler Ebene geregelt. Im Kanton Zürich beispielsweise müssen seit dem neuen Volksschulgesetz die Pflichtstunden von einer anerkannten Lehrperson abgehalten werden. In liberaleren Kantonen wie Appenzell Ausserrhoden dürfen die Eltern das Kind auch ohne Lehrerausbildung zu Hause unterrichten. In manchen Kantonen der Schweiz ist Homeschooling dagegen überhaupt nicht erlaubt. In Sankt Gallen zum Beispiel wird als Grund für die ablehnende Haltung die fehlende Sozialisation genannt. Allgemein können aber die Eltern ihre Kinder nicht nach Belieben  unterrichten, sondern müssen sich an die Lehrpläne halten. Zudem werden in allen Kantonen, in den Homeschooling möglich ist, die Eltern mindestens jährlich besucht oder die schulischen Leistungen der Kinder werden geprüft.

 

Wie viele Kinder in der Schweiz besuchen die Schulstube  zwischen Töpfen? Johannes Reich, Assistenzprofessor für Verwaltungsrecht an der Universität Zürich, berichtet in einem Artikel aus dem Jahr 2012, dass zum Publikationszeitunkt 501 Kinder ihre Schulpflicht durch häuslichen Privatunterricht erfüllten. Weil Eltern nicht in allen Kantonen melden müssen, dass sie Homeschooling praktizieren, gibt es keine offiziellen Zahlen. Aus diesem Grund mussten alle kantonalen Bildungs- und Erziehungsdepartemente zur Erhebung angeschreiben werden. Das entspricht lediglich 0,05 Prozent aller schulpflichtigen Kinder in der Schweiz. Diese Erhebung liefert die aktuellsten Zahlen zur Grösse der Homeschooling-Bewegung. In den letzten Jahren lässt sich gemäss Reich zwar eine gewisse Zunahme von Homeschooling verzeichnen, dennoch ist Homeschooling in der Schweiz bisher eine pädagogische Randerscheinung. Doch wie lange noch?