Vierunddreissigster Brief aus Deutschland

Guten Tag, Schweiz.

 

Ja, es muss leider sein: unser Exklusivvertrag mit tink.ch sieht schon wieder einen Brief an die Schweiz vor. Wir haben genau so wenig Lust darauf wie Sie, also reißen wir uns alle zusammen und stehen das gemeinsam durch. Hinterher können wir ja zusammen ein Bier trinken gehen. Aber bis dahin kämpfen wir uns durch diesen Brief. So!

 

Und eigentlich gibt es ja wieder genügend Gründe, auf Sie einzudreschen. Um sie kurz aufzuzählen: Ecopop, Delikatessen aus Katzenfleisch, Elternurlaub und natürlich ihr maßlos arroganter nördlicher Nachbar.

 

Der Reihe nach, auch wenn wir alle keinen Bock darauf haben: wir müssen uns kurz mit der Ecopop-Initiative auseinandersetzen. Von uns aus können Sie sie gerne annehmen, dann wird Ihr Land schneller Bankrott gehen als Sie “Oh, warum ist denn unsere schöne Stadt so dreckig?” oder “Putz die Toilette, Du ******** *********!” sagen können. Nebenbei wird die wirtschaftliche Stärke der EU noch deutlicher und die Schweiz kann sich über mehr einheimische Touristen freuen, die vorher vielleicht erst fünfmal in Graubünden waren. Damit ist doch wirklich allen geholfen.

 

Ehrlich, wir würden jetzt am liebsten auch aufhören, aber was soll’s: nächstes Thema ist die Katzenfleischsucht der Schweizer. Keine Sorge, danach kommt nur noch ein Thema und damit hat es sich endlich.

 

Wie wir der Presse entnehmen durften, stehen mehr als 230.000 Schweizer regelmäßig auf den Genuss von Katzenfleisch. Eine Petition eines durchgeknallten Tierschützers will das gesetzlich verbieten lassen. Wir appellieren dringlichst, an dieser kulinarischen Tradition weiter festzuhalten. Wie jedermann weiß, enthalten Katzen sehr viel Proteine, Eisen und Vitamin D. Wenn dank Ecopop demnächst die Preise für Importe weiter steigen werden, werden Sie froh sein, eine solch nahrhafte Fleischquelle direkt auf Ihrem Hof, Ihrem Dachboden und unter Ihrem Auto zu haben. Tipp: dünsten Sie die Katze, dann verliert sie nicht so viel Fett. Bald kommt der Winter.

 

Jetzt haben wir es bald geschafft. Das Thema Elternurlaub steht noch aus. Wir lasen, dass die Schweiz als einziges Land im entwickelten Teil Europas auf eine vorsintflutliche Regelung bzgl. Elterngeld, Elternurlaub und überhaupt Frauenpolitik setzt. Machen Sie jetzt bloß keinen Fehler! Belassen Sie alles, wie es ist! Wenn bald Ecopop umgesetzt wird, werden Sie um jede Frau froh sein, die Zuhause bleibt und die Katzen kocht, während Sie (uns lesen eh nur Männer) hart arbeiten und nach Feierabend noch die Straßen kehren müssen.

 

So, jetzt ist es geschafft. Brief zu Ende.

 

Freundliche Grüße,

Ihr Deutschland

 

 

Risikofreudiger Träumer

“Scheisse.” Das dachte der Nachwuchsskirennfahrer Nils Mani, als er am 20. Oktober dieses Jahres bei einer Trainingsfahrt stürzte und ein Knacken in seinem Arm hörte. Dieser Bruch wirft ihn noch weiter zurück, da dieser neben einer Entzündung im Knie bereits die zweite Verletzung ist, die er sich in diesem Jahr zugezogen hat. Aufgrund dieser Entzündung, die ihn seit Anfang dieses Jahres plagt, konnte der 22-Jährige in diesem Sommer nicht optimal trainieren. Jetzt bremst der Bruch seine Karriere noch mehr. “Im Augenblick selber sind solche Verletzungen natürlich ein riesiger Anschiss”, sagt Nils ehrlich, während er entspannt an der Bar vom Sportzentrum in Magglingen sitzt.

 

Bodenständiger Berner

Selbst diese Worte wählt Mani ruhig und gelassen. Kein bisschen ist von der Aufregung oder der Verärgerung zu spüren, von der er spricht. Seine Worte spiegeln seine überlegte, unaufgeregte Art. Er sagt kein Wort zu viel, doch das, was er sagt, hat Hände und Füsse. In dieser Hinsicht entspricht der Skirennfahrer genau dem Klischee des langsamen Berners.

Nils Mani wuchs am Fusse des Skigebiets Grimmialp im Diemtigtal auf und stand schon mit drei Jahren das erste Mal auf den Brettern. Nils, der im Jahr 2013 von der Schweizer Sporthilfe zum Nachwuchssportler ausgezeichnet wurde, ist auch äusserst bodenständig: Vor zwei Jahren schloss er seine Berufsausbildung als Landmaschinenmechaniker ab. “Ich wollte etwas Sicheres in der Hand haben”, begründet der naturverbundene Mani diese Entscheidung. Er habe damit einen Plan B, falls es mit dem Sport nicht klappen sollte. Doch das hatte einen hohen Preis: “Ich hatte keine Ferien und nur sehr wenig Freizeit”, sagt er über die Folgen der Doppelbelastung. Jetzt hat er wieder mehr Zeit, um sich mit Kollegen zu treffen oder als Ausgleich dazu auf dem Bauernhof mitzuhelfen.

 

Risikofreudiger Speedspezialist

Nils Mani durchlief alle Juniorenkaderstufen in seinem Skiklub sowie bei Swiss Ski, wo er auf diese Saison hin in der Abfahrt ins A-Kader aufsteigen konnte. Der zielstrebige Nils Mani konnte vor allem in der Abfahrt viele Erfolge feiern, unter anderem ist er in dieser Disziplin aktueller Juniorenweltmeister. Dazu kommen sieben Einsätze im Weltcup. Der Skisport fasziniert Mani. Wenn er von seiner grossen Leidenschaft erzählt, blüht er auf: “Ich liebe die Geschwindigkeit und die Sprünge”, meint er. Diesen Adrenalinkick, den man in jedem Rennen erlebe, sei für ihn das Grösste. Genau dieses Tempo und der schlechte Schutz sind aber auch die Faktoren, die Skifahren zum Risikosport machen. Angst habe Mani nie auf der Piste: “Ich bin sehr risikofreudig. Während dem Rennen will ich immer schneller und schneller fahren”, sagt Nils Mani. Diese Risikobereitschaft führe halt zu Verletzungen. “Ohne Risiko stürzt du nie- aber du gewinnst auch nie ein Rennen.”

 

Träumen erlaubt

Deshalb will er weiterhin Vollgas geben, ohne Rücksicht auf Verluste. Er träumt von einer Medaille an einem Grossanlass. Nils Mani ist überzeugt davon, dass er weiter kommen kann, als alle anderen denken. “Ich lasse nicht zu, dass Andere bestimmen, wo die Grenzen meiner Träume sind”, erklärt der eigenwillige Mann lächelnd sein Lebensmotto. Im Moment versucht Nils Mani, positive Seiten an dem Trümmerbruch der Elle des linken Arms zu sehen. “Jetzt habe ich viel Zeit, um gezielt an meiner Kondition zu arbeiten”, meint er. So könne er vielleicht noch stärker zurückkommen, wenn er frühestens Ende Dezember wieder an Rennen teilnehmen kann.

Trotz weniger Reichen mehr Einnahmen-¨

Reiche Ausländer, die sich in der Schweiz niederlassen, kommen hier oft in den Genuss der Pauschalsteuer und werden nicht wie üblich nach Einkommen, sondern nach ihrem Lebensaufwand besteuert. Die Behörden betrachten oft lediglich den Wert der Wohnungsmiete, berechnen diese mal zwölf und interessieren sich dafür nicht für die Einkünfte oder Vermögen der Begünstigten. Jemand der doppelt so viel verdient wie ein Anderer kann also sogar weniger Steuern zahlen, wenn er günstiger wohnt.

 

Wenn das Einkommen steigt, nimmt bei Normalbesteuerten auch die Steuerlast zu. Nicht so bei den Pauschalbesteuerten. Die Angst einiger Politiker, dass die Begünstigten bei Annahme der Initiative ins Ausland abwandern könnten, ist gross. Doch so rentabel scheint das Geschäft gar nicht zu laufen, wie einige Beispiele zeigen:

 

Viktor Vekselberg mit einem geschätzten Vermögen von 30 Milliarden Franken, zahlte dank seinem bescheidenen Lebensstil dem Fiskus gerade mal 200-˜000 Franken pro Jahr. Trotzdem zog er weg. Michael Schumacher zahlte zeitweise gerade mal 2 Millionen bei einem geschätzten Jahreseinkommen von 100 Millionen Franken.

 

Mehreinnahmen statt Steuereinbussen

Die Bürgerlichen Kreise behaupten, alle Pauschalbesteuerten würden bei Annahme der Initiative der Schweiz den Rücken kehren. Das ist falsch. Der Kanton Zürich hat die Pauschalsteuer 2009 abgeschafft. Wie mittlerweile bekannt ist, zogen nur etwa die Hälfte der ehemals speziell besteuerten weg. Diese werden jedoch prompt von neuen Reichen ersetzt, die nun regulär besteuert werden. Keine Zürcher Gemeinde hat Einbussen, einige nehmen sogar mehr Steuern ein als zuvor.

 

Um auch diesen Argumenten den Wind aus den Segeln zu nehmen, behaupten die Bürgerlichen schon fast verzweifelt, man könne das Beispiel Zürich nicht auf andere Kantone übertragen, da es sich bei Zürich nicht wie beim Graubünden um einen Bergkanton handelt. Das ist Schwarzmalerei, denn wo soll der Unterschied genau liegen, ob nun Berg- oder Stadtkanton?

 

Schweiz bleibt attraktiv

Kommt die Initiative durch, wird es weiterhin viele Reiche in der Schweiz geben, denn die Vorteile bleiben eminent. Auch ohne die Pauschalbesteuerung zahlen die gut Betuchten verglichen mit dem Ausland wenig Steuern. Die Infrastruktur, die Sicherheit und die eher bescheidene mediale Aufmerksamkeit sind weitere Pluspunkte für die Eidgenossenschaft.

 

Auf einige Zeitgenossen, die immer nur ihren Vorteil sehen und mit allen möglichen Tricks versuchen, noch reicher zu werden, darauf können wir gut und gerne verzichten.

Alle profitieren von der Pauschalsteuer

Die Pauschalbesteuerung von superreichen Ausländerinnen und Ausländer wurde 1862 aus finanziellen und touristischen Gründen erstmals eingeführt und später bundesrechtlich verankert. Die Einführung hat sich bewährt; rund eine Milliarde Franken an Steuereinnahmen und zirka 20’000 Arbeitsplätze verdankt die Schweiz der Pauschalbesteuerung.

 

Von der Pauschalsteuer können reiche Ausländerinnen und Ausländer, welche in der Schweiz kein Einkommen erzielen und ihr Vermögen in Firmen, Trusts oder anderen oft unübersichtlichen Strukturen im Ausland angelegt haben, Gebrauch machen.

 

Da es Schweizer Behörden in der Praxis schwer fällt, an die benötigten Informationen zu kommen, werden die reichen Ausländer nach den Faktoren Lebensstil und Immobilien eingeschätzt. So wird ein bestimmter Betrag berechnet der dann als Pauschale versteuert wird. Die Gegner dieser Praxis sind überzeugt, dass die Besteuerten nach der Abschaffung höhere Steuern zu entrichten haben, was ihrer Ansicht nach auch gerechter wäre. Doch das ist ein Irrtum.

 

Die Folgen der Annahme

Sollte die Initiative angenommen werden, haben Pauschalbesteuerte laut Ulrich Kohli, einem renommierten Schweizer Anwalt, Steuerspezialisten und Krimi-Autoren, drei Möglichkeiten. Als erste Option könnten sie ihren Wohnsitz in ein anderes Land mit Pauschalbesteuerung verlegen. Würden sie dabei ihre Liegenschaft trotzdem behalten, fielen nur noch Steuerzahlungen auf diese an. Die Gemeinden hätten demnach das Nachsehen.

 

Als zweites Szenario wäre es denkbar, dass ein Teil der Pauschalbesteuerten in der Schweiz bleiben. So müssten sie wie alle anderen die Steuererklärung ausfüllen. Unter “Einkommen“ könnte dann in etwa der Betrag stehen, der bis anhin zur Berechnung der Pauschalsteuer verwendet worden ist. Da die Steuerbehörden nicht die Möglichkeiten haben, den Lohn nachzuprüfen, würde sich wenig ändern: mehr Aufwand, bei etwa gleich hohen Einnahmen.

 

Die dritte Möglichkeit wäre, keine Steuererklärung auszufüllen. Die Steuerbehörden wären also gezwungen, eine Einschätzung vorzunehmen. Da allerdings jegliche Informationen über das ausländische Vermögen fehlen, müssten sich diese, wie bei der Pauschalsteuer, am Lebensstil und am Immobilienbesitz orientieren. Es würde sich abermals nichts gegenüber dem Status Quo ändern.

 

Die Frage nach Gerechtigkeit

Somit hätte die Abschaffung der Pauschalsteuer ebenso wenig mit Gerechtigkeit zu tun wie deren Einführung. Das dabei der Nutzen vergessen geht, ist dafür umso fataler. Kein Schweizer profitiert davon, falls die Pauschalbesteuerten wegziehen. Aber alle ziehen einen Vorteil daraus, solange sie hier sind.

 

Vielmehr sollte man sich fragen, was daran Gerecht sein soll, wenn die entstehenden Löcher in der Staatskasse von jenen getragen werden sollen, die sich eine Ausreise nicht leisten können. Das neidgetriebene, ideologische Denken der Initianten hätte somit nur eins zur Folge: Wir alle müssten noch mehr Steuern zahlen.

 

Schnitt ins eigene Fleisch

Die Initiative bringt keinerlei Gerechtigkeit, wie es immer wieder gerne behauptet wird. Doch dafür verursacht sie Löcher in der Staatskasse. Die Folge wäre eine Erhöhung der Steuern, und zwar für alle.

Die eigentliche Frage die sich jeder bei der bevorstehenden Abstimmung stellen muss, ist somit keine Frage der Gerechtigkeit, sondern viel mehr eine finanzielle Frage: Soll aufgrund von Neid und vermeintlicher Gerechtigkeit der Standort Schweiz weiter geschwächt werden? Und wollen wir mehr Steuern zahlen? Wenn nicht, gilt es die Initiative am 30. November mit einem Nein zu versenken. Denn wer glaubt, leicht auf diese Milliarden verzichten zu können, hat sich inzwischen wohl einfach zu sehr an den Wohlstand und den Überfluss der Schweiz gewöhnt.

Dreiunddreissigster Brief aus Deutschland

Guten Morgen, liebe Schweiz,

 

hier in Deutschland ist es mittlerweile wieder etwas dunkler geworden, während bei Ihnen gerade einmal die Menschen von ihren Weck-Hühnern wachgebrüllt werden. Und damit wären wir schon beim heutigen Thema: die vollkommen falschen Vorstellungen, die wir Nicht-Schweizer von ihrem Land haben.

 

Zum Beispiel: die Zeitverschiebung. Viele Deutsche wissen das gar nicht, dass die Schweiz mehrheitlich in derselben Zeitzone liegt wie Deutschland (sieht man einmal von den Schweizerischen Überseegebieten ab). Deswegen ist es gar nicht nötig, bei Grenzübertritt die Uhren umzustellen. Aber machen Sie das mal einem Randbewohner klar, der bspw. in Bottrop den ICE besteigt und nach sechs Stunden Fahrt in Basel ankommt!

 

Zum Beispiel: Reiseimpfungen. Es gibt noch immer Deutsche, die glauben, vor einer Reise in die Schweiz den Arzt konsultieren zu müssen und sich über etwaige Vorsorgeimpfungen zu informieren. Dazu muss man ganz klar sagen: wenn man sich auf den einschlägig bekannten Pfaden in der Schweiz bewegt, besteht kaum Gefahr, sich eine der tückischen Schweizer-Krankheiten einzufangen. Auf jeden Fall sollte man Vorsicht walten lassen, aber akute Lebensgefahr besteht eigentlich nur bei leichtsinnigem Verhalten. Kontakt mit Einheimischen sollte aber eher vermieden werden.

 

Zum Beispiel: Kriminalität. Die Schweiz ist nicht mehr oder minder gefährlich für Ausländer als andere Staaten. Dazu gibt es gar nicht viel mehr zu sagen; die Zahl ermordeter Touristen ist so gering wie seit Jahren nicht mehr. Natürlich muss man gerade in den Großstädten aufpassen, in der Regel ist man aber kein Opfer, weil einheimische Kriminelle wissen, dass gerade Deutsche eher arm sind verglichen mit den Inländern. Also auch hier: die Kirche im Dorf lassen, keine allzu große Panik aufkommen lassen und sich nach Einbruch der Dunkelheit im Hotel verstecken, niemanden reinlassen und unterm Bett nachschauen – einfache Tipps, die Leben retten können.

 

Zum Beispiel: Tierarten. Im Ausland, besonders in Schweden und Finnland, glauben viele, dass die Schweiz über ganz eigene Tierarten verfügen, die es nur in ihrem Land gibt. So sollen Gerüchten zufolge der Büffelbär, die Berner Rüslischnecke und der Humpeldumpf in der Schweiz beheimatet sein. Dass in der Schweiz tatsächlich dieselben Tiere leben wie im Rest Europas (bis auf die Spitzmaus, die bekanntlich 1799 aus der Schweiz vertrieben wurde) wissen nur die wenigsten.

 

Zum Beispiel: Gastfreundlichkeit. Viele Ausländer glauben, dass die Schweiz zu den arrogantesten und unfreundlichsten Ländern der Welt gehört. Und in diesem Punkt haben sie wohl auch recht. Das Auswärtige Amt in Berlin rät deswegen von Reisen ab.

 

Sie sehen, es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie andere Staaten das eigene Land betrachten. Wir kennen das nur zu gut. Wir hoffe, dass Sie daraus lernen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

Ihre BRD