Kultur | 16.10.2014

Zwei bedächtige Thriller zum Abschied

Die Besten gehen immer zu früh: Nachdem James Gandolfini schon 2013 einem Herzinfarkt erlag, starb auch Philip Seymour Hoffman zu Beginn des Jahres völlig überraschend. Das 10. Zurich Film Festival zeigte die letzten Filme der beiden Ausnahme-Schauspieler.
Macht A Most Wanted Man im Alleingang sehenswert: Philip Seymour Hoffman. (
Bild: zVg/Ascot Elite Entertainment Group)

Sie passten beide nicht in Hollywoods durchproportioniertes Star-System, holten aber noch aus den undankbarsten Nebenrollen ein Maximum an Tiefe heraus: James Gandolfini und Philip Seymour Hoffman waren faszinierende Aussenseiter und zu recht gefeierte Kritiker-Lieblinge. Ihre letzten Filme sind zwei bedächtig erzählte Thriller und warten in der Schweiz noch immer auf eine Kino-Veröffentlichung.

 

Der ewige Gangster

Zwischen 1999 und 2007 kam James Gandolfini als Hauptdarsteller der Mafia-Serie The Sopranos zu Weltruhm. Der massige Amerikaner mit italienischen Wurzeln schrieb als psychisch angeschlagener Mafioso Tony Soprano Fernsehgeschichte. Auf der grossen Leinwand hingegen blieb er weiterhin auf Nebenrollen abonniert.

 

Auch im Thriller-Drama The Drop spielt Gandolfini nur die zweite Geige – typischerweise als verbitterter Gangster-Veteran, der in Brooklyn eine kleine Bar betreibt und diese in unregelmässigen Abständen der tschetschenischen Mafia als Gelddepot für illegale Wettgeschäfte zur Verfügung stellen muss. Star des Films ist der jüngere und fittere Brite Tom Hardy, der als schweigsamer Barkeeper für Gandolfinis Charakter den Laden schmeisst. Als das Lokal überfallen wird, müssen sich die beiden unangenehme Fragen von der Polizei gefallen lassen und gleichzeitig das Geld für die Mafia wieder auftreiben.

 

The Drop basiert auf dem gleichnamigen Roman von Dennis Lehane, der auch als Drehbuchautor fungierte und mit Shutter Island oder Mystic River bereits die Vorlagen für andere hochkarätige Hollywood-Adaptionen lieferte. Regisseur Michaël R. Roskam spinnt daraus einen bodenständigen Thriller, der seinen Figuren viel Raum zur Entwicklung einräumt und die Spannungsschrauben fast beiläufig, aber umso konsequenter anzieht.

 

Terroralarm in Hamburg

Auch Philip Seymour Hoffmans letztes Werk ist ein langsam brennender Thriller, der ganz vom präzisen Spiel seiner Hauptdarsteller lebt. In A Most Wanted Man soll Hoffman als Leiter einer Deutschen Spionageeinheit den mutmasslichen Kontaktmann eines islamistischen Terrornetzwerks aufspüren. Der Verdächtige hat sich aus einem türkischen Gefängnis nach Hamburg durchgeschlagen und wird von einer idealistische Anwältin (Rachel McAdams) und einem zwielichtigen Banker (Willem Dafoe) gedeckt.

 

In der Rolle des eigensinnigen Agenten Gunther Bachmann kommt Hoffman einmal mehr seine absolut Hollywood-untypische Physis zu Gute. Dieser Mann sieht nicht aus wie ein Schauspieler, sondern wie ein Mensch. Und bis zu seinem überraschenden Tod Anfang des Jahres war er die ultimative mimische Allzweckwaffe: vom schusseligen Pornofilm-Beleuchter in Boogie Nights über den aufopfernden Krankenpfleger in Magnolia bis hin zum charismatischen Sekten-Guru in The Master gab es nichts, was Hoffman nicht hätte spielen können.

 

Rauchen und Fluchen

Vielleicht liegt es an diesem kaum auszuschöpfenden Talent-Überschuss, dass man Hoffman eine etwas herausforderndere letzte Rolle in einem etwas ungewöhnlicheren Film gegönnt hätte. Zu sehr vertraut die unaufgeregte Inszenierung auf die theoretische Brisanz des Drehbuchs (immerhin basierend auf einem Roman von John LeCarré) – ein Drehbuch, das ohne die internationale Star-Besetzung wahrscheinlich einen mittelmässigen deutschen Fernseh-Krimi abgegeben hätte.

 

Andererseits demonstriert A Most Wanted Man einmal mehr die einmalige Faszinationskraft dieses Ausnahme-Schauspielers: Wer braucht schon eine spannend erzählte Story oder hektische Verfolgungsjagten, wenn man stattdessen einfach Philip Seymour Hoffman beim Rauchen und Fluchen zusehen kann?