Kultur | 08.10.2014

Verliebt, verlobt, verheiratet – vermisst!

Text von David Bucheli
Ben Affleck sucht in "Gone Girl" nach seiner mutmasslich entführten Ehefrau. Dabei gerät er selbst unter Mordverdacht.
Im Visier der Ermittlungen: Ben Affleck muss seine Unschuld am Verschwinden seiner Frau beweisen. zVg/20th Century Fox.

Am Anfang und am Ende des Filmes steht eine Einstellung von Rosamunde Pikes blondem Haarschopf und einer Hand, die sie zärtlich streichelt. Wir hören ihren Film-Gatten Ben Affleck aus dem Off sagen, wie gerne er ihren Kopf zertrümmern und die Gedanken darin durchwühlen würde. In den 149 Filmminuten dazwischen stochert Regisseur David Fincher wie schon in seinen Meisterwerken Se7en, Fight Club oder Zodiac im Gehirn eines vollendeten Psychopathen herum. Nur bleibt lange im Ungewissen, wer hier eigentlich der Psychopath ist.

 

Gone Girl goes wild

Eine verschwundene Frau, ihr überforderter Ehemann, eine Spur aus Gewalt und Geheimnissen sowie ein Heer von Journalisten, das den Mann auf Schritt und Tritt verfolgt – das ist der Ausgangspunkt dieses Krimidramas, das die Höllenkreise einer scheinbar perfekten Ehe nachzeichnet.

 

Wobei, genaugenommen trifft das Etikett “Krimidrama” nur auf die erste Filmhälfte zu. Da führt uns Thriller-Spezialist Fincher virtuos an der Nase herum, wenn er gewohnt akribisch die polizeilichen Ermittlungen mit all ihren Verhören, Suchaktionen und unbeantworteten Fragen inszeniert. Gleichzeitig werden in Rückblenden fünf Jahre Ehe seziert und allmählich das Bild einer zunehmend verpesteten Beziehung zusammengesetzt. Doch ein Fincher-Film wäre kein Fincher-Film, würden sich nicht mitten in der Erzählung die Vorzeichen ändern.

 

Plötzlich ist Gone Girl viel mehr als die Geschichte eines Mannes, der seine Unschuld am Verschwinden seiner Frau beweisen muss. Die Indizien-Schnitzeljagd mutiert zu einem grotesken Jahrmarkt ehelicher Grausamkeiten, zu einem Rundumschlag gegen verkorkste Geschlechterbilder und zu einer bissigen Satire auf die mediale Vorverurteilung.

 

Demontage einer Ehe

Drehbuchautorin Gillian Flynn, die auch die Romanvorlage verfasst hat, scheut sich nicht davor, dick aufzutragen. Wo weniger mutige Filme aufhören, kommt Gone Girl erst richtig in Fahrt. Der Genre-Mix aus Thriller, Drama und Satire trifft jederzeit den richtigen Ton, so dass das Absurde gerade ernsthaft genug und das Tragische komisch genug wirkt. Entsprechend darf trotz der Drastik einiger Szenen so viel gelacht werden wie schon lange nicht mehr bei Fincher. Aber es ist ein bitteres Lachen, das einem dieser Film entlockt, weil der grimmige Zynismus fast schon weh tut.

 

Dass der Spagat funktioniert, ist nicht zuletzt der idealen Besetzung zu verdanken. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) Ben Affleck eindeutig ein besserer Regisseur als Schauspieler ist, wirkt er als Ehemann und Hauptverdächtiger in seiner Unbeholfenheit zu hundert Prozent natürlich.

 

Auch die Nebenrollen sind durchgehend glänzend besetzt und selbst Neil Patrick Harris (bekannt als Barney aus der Sitcom How I Met Your Mother) variiert sein Serien-Image mit augenzwinkernder Selbstironie. Die beste darstellerische Leistung liefert jedoch Rosamunde Pike als mutmassliches Entführungsopfer ab. Mit ungeahnter Kraft und abgelegten Hemmungen füllt sie jede Facette der Titelrolle furios aus – eine Oscarnomination dürfte ihr damit gesichert sein.

 

Hybrid-Ästhetik zwischen Kino und TV

Fincher, der zuletzt für Netflix die Serie House of Cards entwickelt hat, kann die Fernseh-Ästhetik des Streaming-Dienstes mühelos ins Kino übersetzen. Die glattgebügelten Bilder von Gone Girl erinnern an eine Mischung aus US-amerikanischen Krimi-Serien und einer Soap über verzweifelte Hausfrauen, hochgerechnet für die grosse Leinwand und in der Postproduktion mit der typisch-schwarzmalerischen Fincher-Farbpalette abgedunkelt.

 

Klingt gewöhnungsbedürftig, geht mit der Vorlage von Gillian Flynn jedoch eine hochatmosphärische Verbindung ein und wird im Zeitalter omnipräsenter Digital-Bildwelten ohnehin kaum jemanden irritieren.

 

Herausgekommen ist ein Film, der nach dem mässigen Blockbuster-Sommer den Kino-Herbst mit einem Paukenschlag eröffnet. Wer nach dieser Thriller-Perle noch Tatort gucken will, ist selber schuld.