Gesellschaft | 24.10.2014

Neunundzwanzigster Brief aus Deutschland

Die Briefe aus Deutschland feiern schon nächste Woche ein kleines Jubiläum. Für die Redaktoren Philly Fieldhouse und Pee-Ghamizzle Anlass genug, um sich von professioneller Hilfe bei der Kommunikation mit Jugendlichen unter die Arme greifen zu lassen. Dass bei Deutschen durch das Ändern des Blickwinkels schnell Grössenwahn eintritt, sollte durch den historischen Aspekt eigentlich nicht überraschen. Die in solchen Anfällen erschlossenen Befunde sind trotzdem interessant.
Droppte diese Woche die dopesten Rhymes: Die deutsche Friedensbrieftaube von Eine Zeitung, sheesh. (
Bild: Katharina Good)

Hallo Leute,

 

Geht’s Euch gut? Was macht die Schweiz so? Läuft alles?

 

Ach, wir können diese jugendliche Sprache einfach nicht. Wir waren neulich bei einem Personality-Coach, der uns zu mehr Akzeptanz bei jungen Menschen verhelfen sollte. Für 220 Euro (umgerechnet etwa eine Roche-Aktie) pro Stunde wollte uns dieser Hamburger Schnösel erzählen, was wir zu tun und zu lassen haben. Aber nicht mit uns! Dieses Anbiedernde passt einfach nicht zu uns.

 

Und da ist bei uns der Groschen (umgerechnet etwa eine Karstadt-Aktie) gefallen: wir sind im Grunde genommen wie Sie Schweizer!

 

Sie lassen sich auch nicht von irgendjemandem etwas sagen. Sie nehmen auch keine gut gemeinten Ratschläge an. Sie schlagen auch jedem die Tür vor der Nase zu, der es wagt, sich in Ihre Angelegenheiten einzumischen. Und sie versuchen sich auch aus möglichst allem herauszuhalten, das Kritik auslösen könnte.

 

Ja, wir haben wirklich viel gemeinsam. Und trotzdem sind wir besser als Sie. 95 Prozent der Weltbevölkerung kennt Deutschland (Quelle: 100 Personen aus Deutschland über 14 Jahren). Die Schweiz kennen bloß 12 Prozent. Und die meinen auch noch meistens Schweden.

 

Das muss ja irgendwelche Gründe haben. Einige haben wir in den vergangenen 28 Briefen schon aufgeführt. Doch da muss noch mehr sein. Wenn sich zwei Länder im Grunde genommen so sehr ähneln wie ein Ei dem anderen, warum haben sie sich im Laufe der Jahrhunderte dann so unterschiedlich entwickelt? Sowohl in der Selbst- als auch der Außenwahrnehmung.

 

In unserem Kurs haben wir gelernt, dass die Jugend dazu gerne sowas sagt wie: “Whatever. Fuck off!” Aber so einfach wollen wir es uns nicht machen.

 

Sehen Sie, wir wissen, wie das ist, wenn einem die ganze Welt mit Abscheu, Hass und Wut begegnet. Und deshalb können wir relativ unbeschwert in der Welt umherreisen. Reisen von Deutschen führten schon in alle Länder dieser Erde. Einige haben wir sogar selber erschaffen, denken wir nur an Namibia oder Israel. Oder Deutschland. Können Sie da mithalten? Mit welchem Recht denn können Sie, liebe Schweiz, die Welt ignorieren? Wie rechtfertigen Sie Ihre Arroganz gegenüber Rat und Einfluss von Außen? Ernsthaft, das interessiert uns wirklich!

 

Wenn Sie eine Antwort haben, so schreiben Sie sie uns bitte. Oder erzählen Sie es direkt einem Deutschen, wenn Ihnen einer mal wieder über den Weg laufen sollte.

 

Wir verabschieden uns unterdessen mit den typischen Worten der Jugend:

 

Yo!

 

 

Ihr G-Many