Kultur | 13.10.2014

“Mein Besitz ist in einem Lagerraum”

Text von Sandro Bucher | Bilder von Tatjana Pürro)
Der 28-Jährige George Watsky hat sich mit seinem YouTube-Hit "Pale Kid Raps Fast" weit über seine Heimatstadt San Francisco hinaus einen Namen in der Hip-Hop-Szene gemacht. Im Rahmen seiner "All You Can Do"-Welttournee beehrte der Schnell-Rapper auch die Schweiz. Tink.ch traf den momentan obdachlosen Slam-Poeten im Zürcher Exil zum Interview.
"Ich bin mir ziemlich sicher, dass es keinen Gott gibt, aber niemand kann das wirklich sagen", erklärt George Watsky im Interview. (
Bild: Tatjana Pürro)

Tink.ch: Du warst bereits vor einem Jahr zum ersten Mal in der Schweiz, um das Vorgängeralbum “Cardboard Castles” zu präsentieren. Was hat sich seither für dich geändert?

Watsky: Die diesjährige Tour ist durch die gesamte Logistik und das Reisen um den ganzen Globus um einiges komplexer geworden. Doch inzwischen sind wir ein eingespieltes Team, weshalb sich die Auftritte mittlerweile mehr wie Arbeit anfühlen als bei der ersten Tour. Wenn man etwas zum ersten Mal macht hat es immer einen gewissen Reiz, der zwar immer noch vorhanden ist, aber inzwischen sind wir viel gelassener und weniger nervös. Doch das Gefühl, etwas zum ersten Mal zu tun, nimmt definitiv bereits ab.

 

Der gemeinsame Nenner deiner früheren Alben und deinem aktuellen Werk “All You Can Do” ist die Gesellschaftskritik, die du in deinen Texten ausübst. Allerdings tust du das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern beziehst dich selbst in deine Kritik ein. Entstehen die meisten deiner kritischen Texte durch Selbstreflexion?

Ich glaube schon. Ich denke, man kann sich nicht selbst von sozialen Problemen ausklammern, denn die Hauptperspektive, die ich habe, ist die Linse, durch die ich die Welt sehe. Zum Beispiel schrieb ich viele Gedichte über die Klimaerwärmung und den Umweltschutz, bin gleichzeitig aber viel mit meinem Auto und in Flugzeugen unterwegs. Ich war also genau so ein Tropfen im Ozean wie alle anderen. Man sollte über diese Themen definitiv nachdenken, aber dafür muss man erst einsehen, dass man selbst auch eine beitragende Kraft zu den meisten globalen Problemen ist. Wenn man über soziale Probleme schreibt und selbst keine Verantwortung übernimmt, klingt man sehr predigend. Das möchte ich verhindern.

 

Nebst der Gesellschaftskritik räumst du auch viel Platz für Comedy-Nebenprojekte ein. Unter anderem warst du schon zweimal ein Teil der YouTube-Erfolgsserie “Epic Rap Battles of History”. Wie war die Arbeit mit NicePeter und EpicLloyd?

Es war fantastisch. Sie gaben mir viel Freiheit im kreativen Schaffen. Ich weiss nicht, ob sie diese Freiheit all ihren Gästen gewähren, aber ich habe gehört, dass sie die Texte ihrer Gastauftritte meistens vorab schreiben. Dass ich meine Texte selbst verfassen durfte war mir aber sehr wichtig, denn ich bin sehr stolz auf die Sachen, die ich schreibe. Dass ich Edgar Allan Poe und William Shakespeare spielen durfte, war für mich natürlich besonders spannend.

 

In den Epic Rap Battles of History hast du im selben Stil gerappt, wie Poe und Shakespeare ihre Texte geschrieben haben. Sogar die Reihenfolge von betonten und unbetonten Silben hast du berücksichtigt. War das einfach oder eher hinderlich?

Es war nicht besonders schwierig, ehrlich gesagt. Klar ist es eine Beschränkung, aber eine positive, die dir einen Rahmen bietet. Edgar Allan Poe hat sehr spezifische und bekannte Muster in “Der Rabe”, die sich für Rap-Musik gut anbieten. Es war also wirklich keine allzu grosse Herausforderung für mich.

 

Hast du mit diesen Einschränkungen auch deine ersten Slam-Gedichte geschrieben?

Gesprochene Poesie zu schreiben, geht bei mir üblicherweise um einiges länger. Deshalb schreibe ich auch nicht mehr so viel Gedichte, denn sie sind sehr aufwändig. Normalerweise fange ich bei ihnen mit einem groben Entwurf an, in dem ich Ideen zu dem Thema sammle, das ich ansprechen möchte. Dann dauert es einige Zeit, den Rohtext auszuarbeiten und zu perfektionieren. Bei Raps und Nebenprojekten wie Epic Rap Battles of History sind die Proben meist langwieriger als der eigentliche Schreibprozess. Bei gesprochener Poesie ist das genau umgekehrt.

 

Also hast du eine andere Strategie, wenn es darum geht, einen Rap-Text zu schreiben?

Ja, die Strategien sind verschieden. Ich rappe in einer eher linearen Art, von oben nach unten, denn ich muss sicherstellen, dass der Flow passt. Mit gesprochener Poesie ist das eher konzeptbasiert. Ich kann Ideen nehmen und diese beliebig im Text herumschieben. Es ist fast so, als würde man in der Schule einen Aufsatz schreiben. Und wenn ich kurz vor dem Ende noch eine weitere Idee habe, die sich gut als Einstieg eignen würde, kann ich den ganzen Text nochmals umkrempeln. Bei Rap ist es eher ein Springen von Punkt A zu Punkt B zu Punkt C, sonst verliert man den Rhythmus.

 

Auf deiner Facebook-Seite hast du vor der Tour verkündet, dass du aus deinem Haus in Los Angeles ausgezogen bist und noch nicht weisst, wo du nach Tourende sein wirst. Wie empfindest du diese Ungewissheit?

Sie ist sehr aufregend. Ich bin momentan auf Tour und ich habe keinen festen Wohnsitz, zu dem ich zurückkehren könnte. Alles was ich besitze ist zurzeit in einem Lagerraum. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich wirklich keine Pläne, was ich in ein paar Monaten machen werde, was wirklich spannend ist. Ich könnte 2015 auch in einem komplett anderen Land leben.

 

Ungewisse Dinge scheinst du zu schätzen. Bevor dein neues Album auf iTunes veröffentlicht wurde hast du es gratis streamen lassen. Denkst du, das ist die Zukunft? Oder wie empfindest du die aktuelle Situation in der Musikbranche?

Es ist auf jeden Fall wichtig, neue und kreative Wege zu finden, um seine Album zu veröffentlichen. Das alte Modell des Musikvertriebs ist schon lange tot, und CDs werden mit der Zeit noch obsoleter als sie jetzt schon sind. YouTube ist in dieser Beziehung auch eine grosse Sache für mich. Die meisten meiner Musikvideos veröffentliche ich dort, denn mein YouTube-Konto ist die grösste Social-Media-Plattform, die ich habe. Ich denke, das ist eine gute Strategie für mich, aber für andere Künstler wird wahrscheinlich etwas anderes besser funktionieren. Für mich ist jedoch klar: Die Menschen wollen immer noch für Musik bezahlen, die sie mögen, um quasi in den Künstler zu investieren und ihn zu fördern.

 

Du bezeichnest dich selbst als halb-jüdischer Atheist. Ist Religion für dich ein wichtiges Thema? In deinen Texten sprichst du nur selten über die Kirche und Religion, obwohl sie sich als Zielscheibe der Gesellschaftskritik anbieten.

Ich habe früher ein paar Mal darüber geschrieben. Zum Beispiel habe ich ein altes Gedicht namens “Drunk Text-Message to God”, in dem es um die eigene Sterblichkeit geht. Mir ist allerdings wichtig, in meinen Texten nicht explizit zu sagen, dass ich nicht an Gott glaube. Ich weiss ehrlich gesagt nicht einmal, ob ich mich wirklich als Atheist bezeichnen würde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es keinen Gott gibt, aber niemand kann das wirklich sagen. Deshalb möchte ich auch nicht die Ansichten anderer Leute in Frage stellen.

 

Wie löst du den Konflikt, in deinen Texten offenherzig über deine Ansichten zu reden, ohne dabei predigend zu wirken?

Selbstverständlich haben viele meiner Fans haben andere Ansichten und Wertvorstellungen als ich. Deshalb ist es für mich oft auch ein schmaler Grat. Ich will mit meinen Texten ehrlich sein, gleichzeitig möchte ich aber nicht predigend oder gar aggressiv wirken.

Zum Beispiel bin ich auch Vegetarier und rede in meinen Songs oft darüber. Aber obwohl Tierschutz und Vegetarismus für mich sehr leidenschaftliche Themen sind, würde ich niemals auf die Bühne stehen und den Leuten zehn Minuten lang sagen, dass sie kein Fleisch essen sollen. Das ist nämlich nicht der beste Weg, um Menschen zu ändern. Mit einem guten Beispiel vorangehen ist besser, als den Menschen mit der eigenen Meinung auf den Kopf zu hämmern.

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