Gesellschaft | 21.10.2014

Mehr als zehn Prozent!

Text von Laura Rufer | Bilder von Yves Haltner)
«Die meisten Menschen nutzen nur fünf bis sechs Prozent ihrer Gehirnkapazität. Ich nutze sieben Prozent!", soll Albert Einstein gesagt haben. Nicht nur an dieser Aussage selbst bestehen heute grosse Zweifel. Denn auch über die Wahrheit dieser wird eifrig diskutiert. Tink.ch hat nachgeforscht.
Steckt voller Rätsel: unser Gehirn. (
Bild: Yves Haltner)

“Der Mensch nutzt nur zehn Prozent seiner zerebralen Fähigkeiten”, schleudert der Professor dem Publikum entgegen. “Delphine hingegen nutzen zwanzig Prozent. Was würde passieren, wenn wir mehr nutzen könnten?” So beginnt der Film “Lucy”, in welchem eine junge Frau gezwungen wird, ein Päckchen leistungssteigernder Drogen zu schmuggeln. Die Drogen sind in ihren Bauch implantiert worden und gelangen durch einen Unfall in ihren Kreislauf. Daraufhin steigert sich ihre Gehirnkapazität und sie bekommt erstaunliche Fähigkeiten. Doch was steckt wirklich dahinter? Wie viel Prozent unserer Gehirnkapazität nutzten wir? Gibt es einen Weg diese Zahl zu erhöhen? All diese Fragen wirft der Film auf. Tink.ch klärt auf.

 

Von wegen zehn Prozent genutzt

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es nicht möglich, nur zehn Prozent des Gehirns zu nutzen. Dafür gibt es mehrere Belege. Einerseits hinterlassen Unfälle, bei denen der Kopf involviert ist, immer Schäden. Dies beweist die Unmöglichkeit, dass neunzig Prozent des menschlichen Hirns nicht genutzt werden. Ein anderes Argument ist die ständige Aktivität des ganzen Gehirns. Evolutionsbiologisch gesehen müssen zudem mehr als zehn Prozent genutzt werden, da sonst in der Evolution ein kleineres, effizienteres Gehirn entwickelt worden wäre. Wie viel Prozent in jedem Augenblick genutzt werden, ist noch nicht klar. Sicher ist jedoch, dass selbst im Schlaf mehr als zehn Prozent genutzt werden. Während eines Tages nutze der Mensch sogar hundert Prozent seines Gehirns, schreibt die “Scientific American”. Unter den Menschen selbst gibt es kaum Unterschiede.

 

Was die Superhirne ausmacht

Sie kennen Details aus ihrer Vergangenheit, bringen sich selber Klavierspielen bei und sind viel intelligenter als alle anderen Gleichaltrigen: Die Superhirne. Die Wissenschaftler verwenden für sie gerne den Begriff Savants. Laut dem Psychiater Darold Treffert erhalten diese ihre Begabung durch die Verstärkung bestimmter Hirnregionen, einer neuen Verdrahtung von Gehirnverbindungen und dem Befreien von versteckten Fähigkeiten. Zudem nutzen die Superhirne ihre linke Gehirnhälfte kaum, was die rechte auszugleichen versucht. Die Frage ist also nicht, wieviel Prozent unseres Gehirns wir nutzen, sondern wie wir es nutzen. Bis heute ist aber nicht eindeutig geklärt, was einen Menschen zum Genie macht. Erste Experimente, um Menschen von gewöhnlicher Intelligenz zu Superhirnen zu machen, führt das “Center for the Mind” in Australien durch. Dabei konnte bereits Erfolge verzeichnet werden: fünf von siebzehn Probanden zeigten savantähnliche Gehirnleistungen. Ob diese Veränderung dauerhaft ist, ist jedoch umstritten.

 

Steigerung nicht nur durch Drogen

Im Film “Lucy” wird die Gehirnleistung durch eine Droge gestärkt. Auch in Wirklichkeit sind Wirkstoffe wie Ritalin, Aricept und Provigli, welche früher zur Beseitigung von Schlafstörungen und gegen Alzheimer eingesetzt wurden, heute als Leistungssteigerer bekannt. Neben Drogen kann auch Strom eine Hilfe sein. Eine entwickelte Methode nennt sich transkranielle Gleichstromstimulation und setzt das Gehirn für kurze Zeit unter Strom. An der Universität Oxford wurde das Verfahren getestet und ein positives Ergebnis festgestellt. Doch auch simple Mittel können die Leistung des Gehirns steigern: Zucker und Sauerstoff. Ist das Gehirn damit ausreichend versorgt, arbeitet es effizienter. Kurzfristig hilft also Traubenzucker. Allerdings produziert der Körper als Reaktion auf die Zuckerzufuhr Insulin, womit die Wirkung nach kurzer Zeit nachlässt. Nachhaltiger sind deshalb Vollkornprodukte. Und wer Sport treibt, unterstützt die Sauerstoffversorgung des Gehirns und macht es damit leistungsfähiger. Doch ob in uns allen ein Superhirn steckt, beschäftigt wohl nicht nur die Filmindustrie, sondern auch die Wissenschaft noch länger.