Gesellschaft | 02.10.2014

“Als ich in Zürich lebte, wusste ich nicht, was ein Kloster ist”

Text von Sandro Bucher | Bilder von zVg/Abtei Einsiedeln
Vor fast einem Jahr wurde Urban Federer von 55 wahlberechtigten Mönchen zum 59. Abt des Klosters Einsiedeln gewählt. Der erst 46-jährige Zürcher geniesst dank seiner frischen Art und seinem jungen Alter hohes Ansehen bei den Schweizerinnen und Schweizern. Im Interview mit tink.ch verriet er, was er von Papst Franziskus hält, und welche Rolle für ihn die Kirche in der heutigen Gesellschaft einnimmt.
Urban Federer wurde Mitte Dezember von Papst Franziskus als 59. Abt des Klosters Einsiedeln bestätigt.
Bild: zVg/Abtei Einsiedeln

Tink.ch: Sie sind nun seit fast neun Monaten Abt vom Kloster Einsiedeln. Wie blicken Sie auf Ihre bisherige Amtszeit zurück?

Urban Federer: Sie ist eine Herausforderung und eine Zeit der persönlichen Bereicherung gewesen. Wie in allen meinen bisherigen Tätigkeiten habe ich mich auch in dieses neue Amt schnell und voller Elan eingegeben. So merke ich gar nicht, dass das schon neun Monate her ist, seit ich zum Abt gewählt wurde… Wie die Zeit vergeht! (lacht)

 

Wann haben Sie sich dazu entschieden, in den Dienst Gottes zu treten? Wollten Sie schon immer Mönch werden?

Nein, überhaupt nicht. Als ich in der Stadt Zürich lebte, wusste ich gar nicht, was ein Kloster ist. Aber als Schüler in Einsiedeln, so etwa mit 18 Jahren, merkte ich, dass mich etwas ins Kloster zieht, das ich gar nicht benennen konnte. Ich wusste einfach: Das muss ich wagen!

 

Wie erlebten Sie Ihren kometenhaften Aufstieg?

Ich hatte nie das Gefühl, einen kometenhaften Aufstieg zu machen. Mir wurde über die Jahre hinweg immer mehr Verantwortung übertragen, die ich jeweils gerne annahm. Die Verantwortung hat mir aber auch Respekt eingeflösst. Ich bin weit davon entfernt, auf alle Fragen sofort Antworten zu haben. Neue Aufgaben zu erhalten, finde ich aber spannend und lehrreich.

 

Sie sind der Bruder der Zürcher Nationalrätin Barbara Schmid-Federer. Wie sehen und erleben Sie die Beziehung zwischen Religion und Politik?

Ich hatte schon immer ein unbeschwertes Verhältnis zur Politik. Bei uns zu Hause wurde viel diskutiert und es war selbstverständlich, dass wir uns einbrachten und uns an Abstimmungen und Wahlen beteiligten. So sind für mich meine Aufgabe und jene meiner Schwester nicht unähnlich: Wir setzen uns ein und engagieren uns für die Menschen und die Gesellschaft.

 

Sie sind ein sehr junger Geistlicher und geniessen mit ihrer frischen und innovativen Art grosses Ansehen bei Gläubigen und auch bei Ungläubigen. Erfährt die katholische Kirche zurzeit eine Verjüngungskur?

Das tut sie eigentlich immer irgendwo in der weltweiten katholischen Kirche, doch gibt es vor allem in Europa –  und das nicht nur in der Kirche – kein Bild des Aufbruchs. Es brauchte auf unserem Kontinent einen Argentinier, damit es in der Kirche zu Bewegung und Diskussionen kommt…

 

Ist der Aspekt des “Jungseins” überhaupt so wichtig, wie Kirchenkritiker ihn immer darstellen? Schliesslich ist auch Franziskus mit 77 immer noch sehr revolutionär.

Genau: Da kommt jemand von aussen, der alles andere als jung ist, und bringt bei uns einiges ins Rollen. Papst Franziskus ist im Geist jung geblieben. Übrigens kann ich das für meine eigene Gemeinschaft bezeugen: Oft sind gerade meine älteren Mitbrüder im Geist sehr beweglich und offen und darum nahe bei den Menschen.

 

Die Religion verliert zunehmend ihre Bedeutung, vielerorts auf der Welt sinken die Zahlen von Gläubigen. Wie kann sich die katholische Kirche nach den Skandalen vergangener Jahre wieder aufrappeln?

Die Zahlen sinken weltweit nicht. Sie sinken aber in klassisch katholischen Ländern, vor allem in Europa. Hier hat die Kirche in den Jahren der Skandale viel an Vertrauen verloren. Dies geschah sogar weniger durch die eigentlichen Delikte – die meisten Menschen wissen, dass diese leider ein Problem der gesamten Gesellschaft sind – sondern durch ihre Reaktion, die Taten vertuschen zu wollen. Vertrauen gewinnen können wir in der katholischen Kirche, und das gilt wohl überall, wo Menschen leben, nur durch ein authentisches Leben. Andere Menschen müssen spüren, dass wir durch unseren Glauben an Jesus Christus zu einer Freiheit gelangen, die uns nur Gott schenken kann.

 

Schafft Papst Franziskus die Kehrtwende?

Der Papst alleine ist nicht die Kirche, er gibt Anstösse. Es liegt an uns, diese aufzunehmen und in unserem Leben umzusetzen. Papst Franziskus weiss das, er nimmt sich nicht so wichtig.

 

Durften Sie ihn mittlerweile persönlich treffen?

Ja, und ich staunte: Er wusste, dass das Benediktinerkloster Los Toldos in Argentinien eine Gründung von Einsiedeln ist.

 

[Anm. der Red.: Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte die Klostergemeinschaft von Einsiedeln den Höchstbestand von über 200 Mönchen. Mehrere Neugründungen wurden daher ins Auge gefasst. 1948 wurde eine Gruppe von zwölf Mönchen ausgesandt, um in Los Toldos, 500 Kilometer westlich von Buenos Aires, ein neues Kloster zu gründen.]

 

Halten Sie es für möglich, dass Papst Franziskus das Dritte Vatikanische Konzil einberuft?

Papst Franziskus hat eine Synode einberufen und begeht mit dieser schon in der Vorbereitung neue Wege. Ich denke, damit ist er nun ein paar Jahre beschäftigt. (lacht)

 

Papst Franziskus tritt viele Entscheide an Ortskirchen ab und fördert den Dialog. Ist die Zukunft der Kirche eine demokratische?

Wenn Sie unter Demokratie verstehen, dass alle Stände der Kirche zusammen in Wege und Prozesse eingebunden werden, um zu Antworten auf die Fragen zu kommen, wie der Glaube heute verkündigt und gelebt werden soll, dann kann ich das bejahen: Papst Franziskus hört hin, was die Kirche ihm sagt. Er weiss aber auch, dass er die Kirche aus dem grossen Schatz der Tradition heraus in die Zukunft führen darf. Und dieser Glaubensschatz muss nicht in demokratischen Prozessen neu erfunden werden.

 

Sie sind wie ihr Vorgänger fleissiger Twitterer. Mittlerweile haben auch die Päpste den Schritt in die sozialen Netzwerke gewagt. Macht die Kirche 2.0 Zukunft? Werden Gottesdienste eventuell schon bald online abgehalten, oder braucht es die Nähe und Begegnung vor Ort?

Es ist eines, Botschaften zu den Menschen zu bringen, und etwas anderes, Gottesdienste zu feiern. Soziale Medien haben viele Vorteile: Gedanken können schnell und einfach ausgetauscht, auf für einem wichtige Dinge hingewiesen werden. Die Anonymität einiger Medien erlaubt sogar eine Seelsorge, wie sie früher nur im Beichtstuhl anzutreffen war. Aber das Feiern von und mit Gott braucht das Feiern in seiner Kirche – also das konkrete Miteinander-Sein von Menschen, die an Gott glauben. Die modernen Netzwerke beeinflussen und ergänzen Gottesdienste. Aber wie Sie sagen, brauchen wir Menschen auch weiterhin Nähe und Begegnung vor Ort.