Gesellschaft | 30.10.2014

Ein schlechter Sommer

«Das gehört halt dazu" und "Schlechte Nachrichten gab es schon immer". Das sind unpassende Antworten auf die Feststellung, dass in diesem Sommer besonders viele Konflikte besonders blutig sind. Ein Leserbrief in die andere Richtung.
So schlecht waren die Nachrichten nicht schon immer. Der vergangene Sommer war für uns Menschen besonders schlecht. (
Bild: Silas Bitterli)

Liebe Leser

Liebe Zuhörerinnen

Liebe Zuschauer

 

Es ist ja nicht nur unser Job. Wir machen das gerne: die Neuigkeiten, die Hintergründe, die Zusammenhänge. Wir liefern sie. Zum Aufwachen aus dem Radio, zum Kaffee auf Papier, vor der Abendunterhaltung im Fernsehen. Und natürlich rund um die Uhr auf dem Smartphone. Wir machen das nicht, weil wir uns für besonders wichtig halten. Das wäre töricht, gerade in Zeiten von Social Media. Aber wir machen es eben auch nicht nur des Geldes wegen. Tief in uns schlummert die Überzeugung, dass wir mit unserem Journalismus etwas bewirken. Wenn wir über das Schlechte, das Leid, das Grauenvolle in der Welt berichten, wird sich doch etwas tun, etwas tun müssen. So zumindest die Hoffnung.

 

Nein, es war kein einfacher Sommer. Für uns nicht und auch für Dich nicht. Nein, es ist nicht einfach, mit Enthauptungen aufzustehen, mit Kriegen Kaffee zu trinken und vor dem Spielfilm die neusten Flüchtlingsdramen vom Mittelmeer zu verstehen. Auch für uns Journalisten ist diese Arbeit nicht einfach. Sie war es nie. Aber schlechte Nachrichten gab es schon immer, mag darauf manch einer gleichgültig antworten.

 

Stimmt. Aber stimmt nicht ganz.

 

Noch nie seit dem 2. Weltkrieg waren so viele Menschen auf der Flucht, wie in diesem Sommer: 51,2 Millionen Menschen sind es laut UNO-Bericht. Vertrieben, verängstigt und verloren. Im Mittelmeer starben laut UNO-Angaben seit Jahresbeginn mindestens 3000 Flüchtlinge. Viermal mehr als im vergangenen Jahr. Schätzungen gehen davon aus, dass auf eine identifizierte Leiche zwei Vermisste kommen. Im Gaza-Streifen, einem der dichtest bevölkerten Gebiete der Erde, fand einmal mehr ein Krieg statt. 2200 Opfer forderte er den Kriegsparteien zufolge. In Syrien und im Irak versuchen Barbaren mit brutalsten Mitteln einen angeblich islamischen Gottesstaat zu errichten, der mit dem Islam recht wenig zu tun hat. In der Ostukraine bekämpfen sich Wladimir Putins Marionetten und ukrainische National-Hardliner mit Hakenkreuzen auf der Uniform. Die Vereinten Nationen schätzen die Zahl der Toten seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine auf mehr als 3600.

 

Alle diese Ziffern vermögen das menschliche Leid, das damit verbunden ist, nicht im Ansatz wiederzugeben.

 

Der Bürgerkrieg in Libyen, Auseinandersetzungen im Südsudan, bewaffnete Konflikte in Mali, Nigeria, Somalia und im Jemen: Kaum einer nimmt noch Notiz davon. Kriege verkommen zum Rauschen in der Informationsflut, weil sie nicht gross genug sind, um auf dem internationalen Nachrichtenparkett gegen andere noch grössere, noch blutigere, für den Westen wichtigere Kriege zu bestehen.

 

Dazu kommt eine Krankheit, die in Westafrika Tausende dahinrafft. Nein, ein guter Sommer sieht anders aus. Man kann dazu natürlich sagen: Schlechte Nachrichten gab es immer schon.

 

Doch in diesem Sommer gab es Tage, an denen sich die Nachrichten von immer neuen gekenterten Flüchtlingsbooten überschlugen. An denen die Zahl der Toten in immer abstraktere statistische Sphären stieg. Es gab den Tag, an dem Agenturen von 70’000 syrischen Flüchtlingen berichteten, welche bei Kobane die Grenze zur Türkei überquert haben. Nur um die Zahl kurze Zeit später auf 100’000 zu erhöhen. Und wenige Stunden danach nochmals auf 130’000 Flüchtlinge. (Hierbei geht es lediglich um eine einzelne Flüchtlingswelle, nicht um Gesamtzahlen.)

 

Man kann natürlich antworten: Schlechte Nachrichten gab es schon immer. Aber man muss nicht. Denn es sind diese Meldungen und die Ereignisse dahinter, welche mich zu dem gleichzeitig aufmunternden, wie niederschlagenden Schluss kommen lassen: Nein, so schlecht waren die Nachrichten nicht schon immer. Der vergangene Sommer war für uns Menschen besonders schlecht.

 

Auf dass ihr uns nicht mit Gleichgültigkeit dafür straft, liebe Leserinnen, liebe Zuhörer, liebe Zuschauerinnen.

 

Euer Journalist