Gesellschaft | 10.10.2014

Ein kontroverses Stück Stoff

Text von Rade Jevdenic | Bilder von Eva Allemann
Immer wieder flammt die Diskussion um muslimische Kleidungsformen in der schweizerischen Gesellschaft auf. Es geht um Lehrerinnen, die nicht mit Kopftuch unterrichten, Schülerinnen, die nicht mit Kopftuch zum Unterricht dürfen. Ein Stück Stoff, eine endlose Debatte und das kleine bisschen Toleranz, das ständig vergessen geht.
Das Tragen eines Kopftuches löst heftige Debatten aus und stellt die Gesellschft vor eine Zerreissprobe. Dabei bräuchte es bloss etwas mehr Toleranz für andere Kulturen, findet Rade Jevdenic.
Bild: Eva Allemann

Obwohl über das Kopftuch oft und viel diskutiert wird, versetzen sich nur wenige Menschen in die Situation der Betroffenen. Immer wieder wird die Debatte mit Stammtischparolen aufgeheizt, Vorurteile werden erhärtet und nicht selten geht man so weit, das Tragen kulturell bedingter Kleidungsstücke als ungenügende Integrationsbereitschaft auszulegen. Xenophobe ziehen dabei jedoch voreilige Schlüsse.

 

Die Sache mit der Anpassungsfähigkeit

Muslimische Kleidungsformen sind gegenwärtig die einzige Art von Körperbedeckung, welche als Angriff auf unsere lokale Kleidungsnorm empfunden wird. Während eine Mütze völlig legitim ist, verheisst ein Kopftuch bereits einen Mangel an Anpassungsfähigkeit. Das Beibehalten kultureller Bräuche wird oft bewertet, wenig verstanden und besonders in der Kopftuchthematik oft als Unterdrückung der Frau interpretiert. Warum halten es viele Leute für unwahrscheinlich, dass eine bekennende Muslima die freie Wahl trifft, ein Kopftuch oder eine Burka zu tragen?

 

Die Idee, dass westliche Kleidungsnormen als absoluter Standard gelten, ist wahrscheinlich zu stark in unseren Köpfen verankert. Jede Abweichung davon wird als abnormal und untypisch gewertet. Besonders muslimische Kleidungsnormen, die den Effekt haben, dass die Sichtbarkeit von fremden Kulturen in der Schweiz gesteigert wird, lösen in Kreisen, wo die Angst vor anderen Kulturen gross ist, ein Zerwürfnis aus.

 

Dass auch Männer im streng muslimischen Brauch eine Kleidungsnorm erfüllen müssen und dass Kopfbedeckungen durch Tücher selbst seit Jahrhunderten genauso im christreligiösen Kontext auftauchen, geht dabei oft vergessen. Was bleibt ist das Vorurteil, dass muslimische Frauen, die in der westlichen Welt ihre Traditionen aufrechterhalten, dies nur wegen dem Druck ihrer Familie tun. Zu Unrecht.

 

Muslimas befreien

Während das Kopftuch in manchen nicht-muslimischen Kreisen voreilig als Symbol der Unterdrückung oder Unterordnung interpretiert wird, bedeutet es für viele Muslimas in erster Linie den Ausdruck einer tieferen religiösen Bindung. Ausserdem geht es darum, die kulturelle Identität auszudrücken und eine Verbundenheit zum Ursprungsland zu fühlen, das sich möglicherweise tausende Kilometer weit entfernt befindet.

 

Und auch hier geborene Muslimas kommen oft aus Familien, in denen dieser Brauch seit Generationen üblich ist. Wir sprechen hierbei auch von jungen Frauen, die eine westliche Schulbildung genossen haben und trotzdem diese Tradition mit Freude weiterführen, so wie sie es von ihren Müttern und Grossmüttern kennen. Da einen Mangel an Integration und gewaltsame Unterdrückung hineinzuinterpretieren ist ein erzkonservatives Hirngespinst. Ist es nicht womöglich eine Unsicherheit und die Angst vor Begegnung, die als Wurzel dieses Konflikts auftritt?

 

In einem Punkt jedoch liegen Kopftuchkritiker goldrichtig: die muslimische Frau in der westlichen Welt muss befreit werden. Jedoch nicht wie diese annehmen vom Kopftuch, der Burka oder von einem stereotypischen Mann der sie unterdrückt und zur Verschleierung zwingt. Nein, sie muss befreit werden von dem verachtenden Klischee, an einem notorischen Mangel an Selbstbestimmung zu leiden. Muslimische Frauen haben nicht weniger Rechte auf Selbstbestimmung als andere Frauen. Ihre Selbstbestimmung wird jedoch durch Verbote der muslimischen Kleidung eingeschränkt. Wie hierzulande bei Kopftuchverboten für Lehrerinnen.