Gesellschaft | 29.10.2014

“Das Vermeidbare vermeiden”

Text von Julia Käser | Bilder von Silas Bitterli)
Es scheint, als seien sie plötzlich überall: die Veganer. Buchhandlungen stellen vegane Kochbücher als Bestseller aus, immer mehr Cafés bieten vegane Snacks an, und seit diesem Frühling sind die Veganer durch Volksinitiativen nun auch in der Schweizer Politik ein Thema.
Veganismus ist auf dem Vormarsch. (
Bild: Silas Bitterli)

Begegnungen mit dem veganen Lebensstil sind alltäglich geworden, und dies, obwohl die Zahlen etwas anderes sagen. Laut dem Bundesamt für Statistik ass der durchschnittliche Schweizer im Jahr 2012 51 Kilo Fleisch, während bloss rund fünf Prozent der Schweizer Bevölkerung ganz auf Fleisch verzichten.

 

Cristina Roduner, Sprecherin der Veganen Gesellschaft Schweiz, erklärt im Gespräch mit Tink.ch ihre Gedanken und Motivationen zum Veganismus und nimmt Stellung zu verschiedenen Kritikpunkten.

 

Tink.ch: Weshalb haben Sie sich dazu entschieden, Veganerin zu werden?

Cristina Roduner: Ich habe mich für ein Leben entschieden, das darauf ausgerichtet ist, möglichst wenig Leid bei menschlichen und nicht-menschlichen Tieren und möglichst wenig Schaden an unserem Planeten zu verursachen. Das geht mit einem veganen Lebensstil am besten.

 

Gibt es in ihrem Umfeld oft kritische Bemerkungen zu ihrem Ernährungsstil?

Ja, leider. Nicht nur in meinem direkten Umfeld, sondern auch sonst. Kürzlich beispielsweise im Zug. Da las ich gerade das Buch “Artgerecht ist nur die Freiheit” von Hilal Sezgin und wurde von einem Mitreisenden aus dem Nichts heraus ziemlich aggressiv deswegen angemacht.

Als Mediensprecherin der Veganen Gesellschaft Schweiz bin ich immer wieder in Medien präsent. Das führt ab und an dazu, dass sich Menschen bemüssig fühlen, mir kleine, “nette” Hassbriefe zu schicken. Das ist schade, und ehrlich gesagt ein ziemliches Armutszeugnis derjenigen, die Briefe geschrieben oder mich grundlos blöd angemacht haben.

 

Wie äussert sich Veganismus in ihrem Alltag, abgesehen von der Ernährung? Wo kaufen Sie beispielsweise Ihre Kleider ein?

Ich lebe nach dem Motto “Das Vermeidbare vermeiden”. Das bedeutet in der Konsequenz, dass ich alles, was irgendwie möglich ist, ohne tierliche Inhaltsstoffe kaufe. So ist es mir am wohlsten, weil ich so am wenigstens Tierleid verursache. Kleidung kaufe ich überall dort ein, wo für mich klar nachvollziehbar ist, woher die Rohstoffe stammen, wer die Kleidung hergestellt hat und unter welchen Bedingungen. Mir ist es wichtig, mit meinem Kaufentscheid dazu beizutragen, dass andere ein würdevolles Leben führen können und dass kein grosser Schaden angerichtet wird. Ich achte auf Fair-Trade und ökologisch sehr strenge Gütesiegel. Zudem versuche ich, wann immer möglich, regional und saisonal einzukaufen.

 

Wie hoch sind diverse Ausgaben aufgrund ihres Lebensstils, im Vergleich zu denen eines Fleischessers?

Mein Lebenspartner und ich führen seit vielen Jahren ein gemeinsames Haushaltsbuch. Der Umstieg auf einen veganen Lebensstil ist nicht wirklich sichtbar. Wir geben immer noch ungefähr gleich viel aus für Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Gebrauchs wie zuvor. Wo wir einen Unterschied merken ist die Umstellung auf Bio-Produkte und Fair-Trade. Das kostet mehr, ist aber eben auch fairer.

 

Kann es sich jeder Mensch leisten, vegan zu leben?

Die Frage ist nicht, ob wir es uns leisten können. Die Frage ist viel mehr, ob wir es uns leisten können, weiter nicht vegan zu leben! Nur schon die ökologischen Auswirkungen unseres massiven Fleischkonsums sind so negativ, dass wir alle eigentlich so rasch als möglich auf eine rein pflanzliche Ernährung umstellen sollten.

Fleisch, Milchprodukte und Eier sind nur deshalb relativ günstig, weil sie massiv subventioniert werden. Würden wir den reellen Preis bezahlen, würden wohl viele rein aus Kostengründen auf eine rein pflanzliche Ernährung umstellen.

 

Muss man sich wirklich vegan ernähren, um das Wohl der Tiere zu schützen? Würde es nicht reichen, ausschliesslich auf lokale Bio-Produkte mit Freilandhaltung zu setzen?

Nein, das würde keinesfalls ausreichen. Bio wird häufig mit “glücklichen Tieren” gleichgesetzt. Das ist ein von der Marketingindustrie stark gefördertes Bild, das überhaupt nicht der Realität entspricht.

Der Anteil an Bio-Fleisch  macht in der Schweiz weniger als fünf Prozent aus, auch wenn mir gegenüber fast alle Nicht-Veganerinnen und Nicht-Veganer behaupten, sie essen nur Fleisch von glücklichen Bio-Tieren. Es gibt kein Fleisch von glücklichen Tieren, nur von toten.

 

Auch bei “Bio” muss das Tier rentieren. Es ist eine Ressource, die möglichst viel Gewinn einfahren soll. Das Tierwohl bleibt auch hier auf der Strecke. So leiden rund ein Drittel aller Bio-Milchkühe an Euterentzündungen, das sind genauso viele wie auf konventionellen Höfen. Federpicken oder gar Kannibalismus unter Hühnern gilt auch in der ökologischen Haltung als ernsthaftes Problem. Bio-Puten werden, nicht anders als die “Turbo-Puten” in den Tierfabriken, mit Kraftfutter in nur fünf Monaten auf ein Gewicht von zwanzig Kilogramm hochgemästet, die Folge sind schwere Gelenkschäden. Kälber werden nur wenige Stunden nach der Geburt ihren Müttern weggenommen und einzeln in “Iglus” gesperrt, auch da macht Bio keine Ausnahme. Schliesslich erreichen Nutztiere auch in der Öko-Haltung nur noch einen Prozentsatz ihrer eigentlichen Lebenserwartung – und das, obschon ein möglichst langes und selbstbestimmtes Leben zum Credo der Bio-Landwirtschaft gehört!

 

Würden Sie ihre Kinder auch vegan ernähren?

Ich habe keine Kinder, würde sie aber, wenn ich Mutter wäre, selbstverständlich vegan aufwachsen lassen.  Ich würde meine Kinder zu Menschen erziehen wollen, denen nicht egal ist, welche Auswirkungen ihr Tun und Handeln hat. Und ich würde ihnen beibringen wollen, dass jedes Tier ein Recht auf ein freies, selbstbestimmtes Leben hat. Ich finde es bedenklich, dass viele Kinder schon von klein auf beigebracht bekommen, dass man die einen Tiere lieben soll und die anderen nur zum Essen da sind. Da werden willkürliche Grenzen gezogen. Meerschweinchen, Hunde und Katzen sind hierzulande Haustiere, die innig geliebt werden und deren Tod betrauert wird. Währenddessen Schweine, die im Übrigen von der Intelligenz her vergleichbar sind mit einem dreijährigen Menschenkind, weder geliebt noch betrauert, sondern getötet und gegessen werden. Möchte man Kinder wirklich so aufwachsen lassen?

 

Könnte die Welt zu einem besseren Ort werden, wenn sich alle Menschen vegan ernähren würden?

Ja! Die ökologischen und ethischen Auswirkungen wären in positiver Hinsicht enorm! Wir töten jährlich 55 Milliarden Nutztiere. Neunzig Prozent der weltweiten Soja-Ernte sowie mindestens die Hälfte der Weizen-Ernte landet in den Mägen der sogenannten Nutztiere. Unser Fleischhunger wird immer massiver, es wird immer mehr Agrarfläche benötigt und dafür unglaubliche viel Regenwald abgeholzt. Zudem ist die Verschwendung von Nahrungsmitteln und Wasser durch den Umweg über die Nutztiere extrem hoch und die klimatischen Auswirkungen stark negativ. Die UN sagte bereits 2010 in einem Artikel, dass eine globale Umstellung auf eine vegane Ernährung lebensnotwendig ist, um die Welt vor Hunger, Energiearmut und den schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu retten. Ich verstehe nicht, warum unsere Regierungen hier nicht einen Hebel ansetzen und anfangen, eine rein pflanzliche Ernährung stärker zu fördern und breiter und positiver bekannt zu machen.

 

Wieso wird Veganismus seit einiger Zeit vermehrt zum Thema?

Ich kann mir verschiedene Gründe vorstellen. Einerseits haben Interessierte gerade durch die sozialen Medien vermehrt Zugang zu Informationen zum Veganismus, weil Inhalte schnell die Runde machen. Andererseits sind die Menschen immer stärker mit den negativen ökologischen Auswirkungen unseres Konsums tierlicher Produkte konfrontiert. Mittlerweile wissen viele, was der Klimawandel ist und dass dafür zu einem Grossteil der Fleischkonsum verantwortlich ist. Zudem erkennt die Wirtschaft immer mehr die Nachfrage nach veganen Produkten und reagiert mit entsprechenden Angeboten. Je einfacher verfügbar vegane Produkte sind, desto tiefer die Schwelle und desto häufiger entscheiden sich KonsumentInnen, vegan einzukaufen.

Tatsächlich geht man heute davon aus, dass sich etwa ein Prozent der Schweizer Bevölkerung  vegan ernährt, vor zehn Jahren waren es nur rund 0.25 Prozent.

 

Was halten sie vom Vorwurf, Veganismus sei eine Erscheinung der Überflussgesellschaft?

Das ist völliger Blödsinn, so etwas zu behaupten! Der extreme Konsum tierlicher Produkte und dessen negativen Auswirkungen auf unser Klima und ganz grundsätzlich auf unseren Planeten ist eine Erscheinung unserer Überflussgesellschaft. Sie ist geprägt von Konsum, Luxus und Kapitalismus, aber auch von einer sehr ungerechten Verteilung der vorhandenen Güter, wie Lebensmittel. Während auf der einen Seite enorm viele Menschen an Hunger sterben, werden auf der anderen Seite Milliarden von Nutztieren mit Nahrungsmitteln wie Soja, Weizen und Mais gemästet. Und Zehntausende von Liter Wasser werden für die Produktion von tierlichen Produkten und den Anbau von Futtermitteln verschwendet. Das alles könnte auch direkt in den Mägen der Menschen landen. Unsere Erde bietet mehr als genügend Ackerbaufläche, um für Menschen direkt verwertbare pflanzliche Nahrung anbauen zu können. Stattdessen macht ein Grossteil der angebauten Nahrung den Umweg über die Nutztiere und geht zu einem grossen Teil verloren.

 

Veganismus wird von seinen Anhängern geradezu zelebriert und auch Prominente lassen bekannt werden, dass sie sich vegan ernähren. Das mag den Eindruck erwecken, Veganismus sei mehr ein Trend als wirkliche Überzeugung. Wie sehen Sie das?

Das ist Quatsch! Zudem mag ich das Wort “Anhänger” nicht. Religionen haben Anhänger. Das trifft auf den Veganismus nicht zu.

 

Ich finde es gut, wenn Prominente sich öffentlich dazu äussern, welche positiven Auswirkungen ein veganer Lebensstil auf Umwelt und Tiere hat. Sie wirken häufig meinungsbildend bei Fans. Und warum sollten Promis, denen es wichtig ist, dass auch nachfolgende Generationen noch einen Planeten haben, der lebenswert ist, das nicht öffentlich kundtun?

 

Gegenwärtig wird in der Schweiz vermehrt darüber diskutiert, ob Mensen strikt ein veganes Menu in ihr Angebot aufnehmen sollen. Darüber, ob sie ein laktose- oder glutenfreies Gericht anbieten sollen, gibt es keine politischen Diskussionen. Dabei beeinträchtigen die Standard-Menus die Gesundheit der Menschen mit Nahrungs-Intoleranzen, jene der Veganer nicht.  Finden Sie dies nicht etwas ungerecht und falsch gewichtet?

Es dünkt mich unfair, dass immer wieder darüber geschimpft wird, dass vegan lebende Menschen eine “Extrawurst” möchten, dabei aber vergessen geht, dass vegane Gerichte von fast allen Menschen gegessen werden können und sich die Wahlfreiheit durch ein veganes Gericht erhöht. Vegan bietet zudem auch recht einfach die Möglichkeit, glutenfreie Gerichte anzubieten.