Kultur | 18.10.2014

Bannendes Schauspiel im Nuancenbereich

Text von Sonja Geiger | Bilder von Tine Edel)
Für "Ödipus Stadt" hat der Dramaturg und Autor John von Düffel vier griechische Tragödien um den Mythos des König Ödipus und seiner Familie nach Sophokles, Euripides und Aischylos zusammengesetzt. Nachdem die Theben-Trilogie 2012 seine Uraufführung im Berliner Ensemble erlebte, ist sie in der aktuellen Inszenierung am Theater St.Gallen nun erstmals in der Schweiz zu sehen.
Ödipus (Oliver Losehand) wäscht sich die Hände. (
Bild: Tine Edel)

Eine Familie, die über Generationen hinweg vergeblich versucht, ihren Schicksalsprophezeiungen zu entfliehen und sich gerade dadurch selbst in grösseres Unglück stürzt – “Ödipus Stadt” ist ein durch und durch tragisches Stück. Die St. Galler Inszenierung von Katja Langenbach kostet die Tiefe der schweren Momente vollumfänglich aus und bringt gleichzeitig sehr viel Spannung und Tempo mit hinein. Nichts desto trotz wird dem Humor ein Plätzchen eingeräumt, zum Beispiel in Form diverser Boten und Soldaten, deren Kurzauftritte durchaus unterhaltsame Momente hineinbringen. Auch der blinde Seher Teiresias (Christian Hettkamp) ist ein auflockernder Charakter.

 

Spannung und Intensität

Christian Hettkamp schafft es, die Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit seiner Botschaften zu überbringen, gleichzeitig seine Rolle im richtigen Moment aber auch so zu spielen, dass mal befreit gelacht werden kann. Es sind die kleinen Momente in diesem schweren, mitreissenden Stück, die das Publikum aufatmen lassen, so auch wenn Iokaste (Silvia Rhode) beim Streitschlichten jedem Sohn eine Tetrapackung in die Hand drückt, oder wenn sich Kreons Sohn Menoikeus (Luzian Hirzel) in jugendlichem Lebensmut am ganzen Körper goldig angemalt seiner Tante in die Arme wirft. Die Inszenierung spielt mit dem Nuancenbereich, jedes Gefühl scheint ein klein wenig anders auf der Farbpalette angemischt, und zieht das Publikum mit auf eine Reise voller Intensität.

 

Abwechslungsreiche Bilder

Hella Prokophs Bühne besteht aus einem komplexen Metallgerüst, das das Spielen auf unterschiedlichen Ebenen ermöglicht. Elemente wie minime Bühnenumstellungen, Nebel, dem Einbeziehen des Orchestergrabens, Weihrauch oder eine reichliche Geräuschkulisse sorgen für Abwechslung und Stimmungsverstärkung. Unterstützend ist auch das auf die Feinheiten der Gefühle eingehende, sehr sorgfältig abgestimmte Licht (Andreas Enzler), das den Kreislauf des Zusammenspiels vollendet.

 

Beeindrucke Leistung

Keinesfalls zu verachten ist die exakte Souveränität Marcus Schäfers in der Rolle des Kreons, erst weiser Vertrauter des Königs, später in seiner Machtstellung der Blindheit verfallen, wie schon jeder andere vor ihm. Oliver Losehand als Ödipus brilliert besonders in der Szene, wenn er sich aus Kummer über seine Blindheit selbst das Augenlicht nimmt.

 

Silvia Rhode als Iokaste scheint für einen kurzen Moment verloren, wenn sie alleine auf der Bühne steht, glänzt ansonsten aber durchgehend mit einer Überzeugung und Dringlichkeit, Spielfreude aber auch Verzweiflung der trauernden Mutter. Ein besonders starker Augenblick ist, wenn sie sich in ihrer Mutlosigkeit immerfort den Kopf gegen die Wand schlägt und das Echo durchs ganze Theater dröhnt. Sven Gey und Julian Sigl als die Söhne des Ödipus’ könnten in ihrer Gegensätzlichkeit und Rivalität besser nicht aufeinander eingehen und harmonieren.

 

Danielle Greens Antigone ist ein teilweise zitternder Charakter in unruhigem Körper – der gemeinsame Selbstmord mit ihrer Liebe Haimon (Luzian Hirzel) gehört aber zu den schönsten Momenten des Stückes. Luzian Hirzel in den Rollen der beiden Söhne Kreons wirkt anfangs ein bisschen verschupft, blüht anschliessend jedoch komplett auf. Mit Ismene spielt Wendy Michelle Güntensperger eine eher unauffällige Figur, zeigt mit ihrer Präsenz während den Auftritten jedoch, wie wichtig gerade auch diese Figuren sind.

 

Individuelles Gesamtbild

Die Kostüme von Petra Winterer unterstützen die Schauspieler bestens und gehen individuell mit der Entwicklung der Figuren, überzeugen aber auch als Gesamtbild. So vermittelt Ödipus mit weisser Anzugsjacke und legerer Stoffhose ein Stück griechische Mythologie, wirkt dabei aber eher ungezwungen.

 

Kreon erscheint in königsblauem Anzug ein Stück stattlicher, setzt er doch später den alten Herrscher ab. Von Beginn weg trägt er das Königsblau spazieren – ein Vorzeichen seines späteren Platzes auf dem Thron?

 

Die Söhne Ödipus’ sind einmal souverän nach Kreons Beispiel gekleidet, in Form des zum Feind übergelaufenen Polyneikes als jugendlicher Rocker. Die Töchter Antigone und Ismene schliesslich sind anfangs klassisch griechisch in unschuldsweissen Togen gehüllt, beim späteren Aufbegehren gegen den König übernimmt Antigone das Rockeroutfit ihres verstorbenen Bruders. Raffiniert ist auch ein goldener Halsschmuck, der durchgehend vom aktuellen König getragen wird. Und zu guter Letzt variiert man munter mit der Schuhbekleidung: anfangs Sandalen, später geschlossenes Schuhwerk, bei Kriegsbeginn feste Stiefel.

 

Bann des Geschehens

Die Darsteller überzeugen mit einem sehr authentischen Spiel, womit der Bann des Geschehens auf der Bühne während knapp drei Stunden für keinen Moment abbricht. Auch mit der Stimme wird viel gearbeitet und anhand zahlreicher Mikrofone werden unterschiedliche Klangfarben erzeugt. Zusätzlich lässt die Inszenierung Platz für moderne Elemente, wie der aktiven Einbindung von elektrischer Gitarre, Bass und Schlagzeug, sowie teils eingespielter Sounddesign-Stücke (Musik: Roderik Vanderstraeten). So entstehen eindringliche Momente, wie wenn sich das Schlagzeug zum Machtinstrument erhebt und dem Zuschauer in einer bereits schmerzenden Lautstärke seine Gefühle regelrecht aufdrängt. “Ödipus Stadt” am Theater St.Gallen erscheint als kurzatmiges, abwechslungsreiches Stück, das Platz für Spass lässt, aber auch in seiner Schwere einfach nur zu geniessen ist, und die alten griechischen Klassiker in bestmöglicher Weise hervorbringt.

 


Die nächsten Vorstellungstermine: 20. & 22. Oktober, 27. November, 17. Dezember, 15. & 22. Februar 2015 oder auf www.theatersg.ch