Gesellschaft | 30.09.2014

Protest gegen die Veränderung

Hongkong ist weltbekannt als eines der glänzenden Finanzzentren der Welt. Aber hinter der Fassade steckt enorme politische Ungewissheit. Hongkong entwickelt sich leise zu einer chinesischen Stadt - die Bewohner sind beunruhigt.
In Hongkong demonstrieren Hunderttausende von Menschen.
Bild: flickr.com/Pasu Au Yeung Dieser Artikel wurde von unserem Partnermagazin mokant.at entweder für tink.ch verfasst oder zur Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Die Hafenstadt Hongkong hat in den letzten Jahrzehnten einige Veränderungen durchmachen müssen. Nachdem Hongkong durch den ersten Opiumkrieg 1843 britische Kronkolonie wurde und sich Ende des 20. Jahrhunderts zu einem der Banken- und Geldflusszentren der Welt aufarbeitete, erfolgte 1997 die Rückgabe Hongkongs an die Volksrepublik China.

 

Für mindestens 50 Jahre, also bis mindestens 2047, wurde der Stadt bei der Übergabe der Status einer Sonderverwaltungszone vertraglich anerkannt. Hongkong darf seitdem die freie Marktwirtschaft beibehalten und genießt in vielen Punkten eine innere Autonomie von China. Diese scheint aber stetig zu schwinden, die Angleichung an China nimmt mehr und mehr Form an und mit dieser auch die Angst der Hongkonger Bevölkerung. Immer gelebte Rechte wie Demokratie und Meinungs- und Pressefreiheit könnten bald der Vergangenheit angehören und Hongkong könnte eine normale chinesische Stadt werden.

 

Am 1. Juli, dem Jahrestag der Übergabe von Hongkong an China, versammeln sich in Hongkong jährlich unzählige Bürger, um gegen das chinesische sowie das eigene Regime zu demonstrieren. Die Zahlen der Demonstranten steigen stetig. Die Veranstalterseite schrieb 2014 von über einer halben Millionen Demonstranten, offizielle Stellen sprechen von 100.000. Bei nahezu 90% Luftfeuchtigkeit und 35 Grad. Unabhängig davon, wie viele Demonstranten es am Ende wirklich waren – die Hongkonger scheinen mehr als besorgt. Die “Ein Land – Zwei Systeme”-Politik scheint umzukippen in eine “Ein Land – Ein System”-Politik. Doch wovor haben die Bewohner der sogenannten “Perle des Orients” Angst? Und was sind die Ziele der Protestbewegung?

 

Um das zu verstehen sprechen wir mit Emily Chan Kin Yin (26) und Kenneth Leung Yiu Hung (26), zwei politisch sehr aktiven Hongkongern, die seit ihrer Geburt in Hongkong leben und die politische Veränderung in den letzten Jahren deutlich wahrnehmen. Emily Chan Kin Yin arbeitet als Merchandising-Koordinatorin und schreibt für einen regimekritischen Onlineblog, Kenneth Leung Yiu Hung ist Projektmanager bei HK Broadband, dem zweitgrössten Internetkonzern Hongkongs.

 

Falsche Demokratie

Obwohl in Hongkong offiziell eine Demokratie herrscht, haben die Bürger und ihre Regierung kein gutes Verhältnis. Der Grund ist, dass es sich in der Praxis um eine Art Scheindemokratie handelt. Vereinfacht gesagt, dürfen Hongkonger Bürger zwar wählen, wer zur Wahl steht, wird allerdings von der chinesischen Regierung bestimmt. Eine erneute Anfrage auf eine Änderung dieses Systems für die Wahlen 2017 hat Peking erst kürzlich abgelehnt. Viel Platz für politische Selbstentfaltung bleib da nicht. Für die Bürger in Hongkong ist es schwierig einer Regierung zu vertrauen, die sie nicht wirklich selbst gewählt haben. Und die im Hintergrund von China gelenkt wird.

 

“Es gibt einfach keine Partei, die das wiederspiegelt was wir wollen”, sagt Emily Chan Kin Yin und führt fort: “Es gibt diese politischen Bewegungen, aber sie sind einfach zu unbekannt. Es ist typisch Hongkong: Hongkonger sind verärgert über die Situation, aber wenn es zu dem Punkt kommt, an dem man wirklich etwas tun muss um etwas zu verändern, gehen Hongkonger einen Schritt zurück.” Sie wirkt aufgebracht. “Hongkonger würden nicht ihr ganzes Leben aufgeben aus diesem Grund. Für uns kommt zuerst die Arbeit und Sicherheit und dann das politische System”.

 

Zuerst muss man sich um sich selbst kümmern – dann um die Gesellschaft

Da es in Hongkong kein wirkliches Sozial- und Gesundheitssystem gibt, kümmert sich die Bevölkerung an erster Stelle um das persönliche Wohl und die individuellen Probleme. Da es in Hongkong nicht wie in den meisten anderen Wohlfahrtsstaaten zu einer Umverteilung der Einkommen kommt, ist hier jeder selbst für seine Vorsorge zuständig. Für gesamtgesellschaftliche Probleme bleiben oft bei gut und gerne 60-Stunden Wochen keine Zeit mehr. Die soziale Absicherung, die wir in Europa geniessen, ist für die beiden eine Traumvorstellung. “Wir arbeiten hart und haben wenige Sicherheiten. Wenn wir unseren Job verlieren, kriegen wir von der Regierung für sehr kurze Zeit sehr kleine Beträge und je älter man wird, desto schwerer ist es dann denn Anschluss an den Arbeitsmarkt zu halten.”

 

Sie sehen das als Grund für die sehr niedrige politisch aktive Anteilnahme und Veränderungshaltung. Es wird zwar demonstriert, das auch nicht zu wenig, wirkliche politische Aktivität bei Wahlen findet man allerdings selten. “Wenn wir versuchen etwas wirklich zu verändern und es läuft schief und wir verlieren unseren Job oder ähnliches, dann ist unser Problem noch deutlich grösser, als es vorher war. Und dafür sind die meisten hier nicht mutig genug”, muss Chan feststellen. Leung fügt hinzu: “Viele merken noch nicht was hier passiert, weil ihnen noch nichts schlechtes passiert ist. Bis jetzt. Wenn sie es merken, ist es zu spät.”

 

Der Großteil der Hongkonger will keine Probleme bekommen und hält sich aus der Politik raus. Leung kritisiert das scharf. Er erzählt, dass es in Hongkong immer erst um das Geld geht. Solange genug Geld zur Verfügung stünde, würden Hongkonger sich nicht für andere Sachen interessieren.

 

Der letzte Held

Geld hat Jimmy Lai genug. Er stellt in der Sonderverwaltungszone eine der wenigen Ausnahmen dar. Nicht weil er so viel Geld hat – Hongkong ist laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der New World Wealth die Hauptstadt der Multimillionäre. Der Grund ist, dass der Unternehmer und Herausgeber der einzigen wirklichen regimekritischen Zeitung Apple Daily einer der wenigen Aktivisten ist, die wirklich die Möglichkeit haben etwas zu verändern – weil er es sich leisten kann.

“Er ist ein Held für uns und viele von uns stecken enorme Hoffnung in ihn”, sagt Chan. Auch wenn es Vorwürfe der Bestechung von Politikern gegen ihn gibt und und sogar die CIA ihn untersucht, stellt der Gründer des Modelabels Giordano einen der wenigen Lichtblicke im politischen System der SVZ dar.

“Er ist derjenige, der heraussticht. In seinen verschieden Medien berichtet er täglich über die schlechten Dinge die unsere und die chinesische Regierung machen. Ohne ihn würden uns diese Informationen wahrscheinlich nie erreichen. Jemand wie er ist hier wirklich selten”, erzählt Leung, muss aber hinzufügen: “Vielleicht hat er eines Tages einen zufälligen Unfall und stirbt. Man weiss das nie bei der chinesischen Regierung.”

 

Früher war die Abhängigkeit und die eingeschränkte Demokratie in Hongkong kein Problem. Die Bevölkerung war zufrieden mit den Entscheidungen der Regierung. Seitdem diese aber nicht mehr auf ihre Verlangen hört ist die Bevölkerung immer verzweifelter. “Wir sind unzufrieden mit dem, was hier passiert, aber wir wissen nicht was wir tun sollen. Wir waren noch nie in so einer Situation. Wir mussten noch nie für etwas kämpfen, weil früher ging es uns ja allen gut.”

 

Leung meint, er habe keine grosse Angst vor der Zukunft. Er sei darauf vorbereitet, dass der chinesische Einfluss in Hongkong zu extrem wird. Es würde sich nichts daran verändern lassen und es sei ein trauriger Fakt, den er tolerieren müsse.

 

“Der Kampf muss Opfer fordern”

Die Proteste in Hongkong werden allerdings massiver, die Bürger der “Weltstadt Asiens” werden aufgebrachter und lassen sich immer weniger gefallen. Die Zahlen der Demonstrationen und Demonstrierenden werden von Jahr zu Jahr grösser und während es in den letzten Jahren immer sehr friedlich zuging, gab es die im Juli 2014 die ersten Ausschreitungen. “Wenn du keine Chance in Aussicht hast, irgendetwas zu verändern, bleibt dir nicht viel ausser auch mal mit Gewalt zu agieren”, gesteht Chan ehrlich: “Der Kampf muss Opfer fordern”.

Auch wenn die Hongkonger grundsätzlich als ruhigeres Volk gelten, neigen sie immer mehr dazu, ihrem Ärger Luft zu machen. Seit sich die teilweise brutalen Videos aus der Ukraine über soziale Netzwerke wie Lauffeuer verbreiten, scheinen immer mehr Hongkonger auch etwas harschere Methoden des Protests in Angriff zu nehmen. Dass uns in den nächsten Jahren ähnliche Bilder aus der SVZ erwarten, ist nicht unwahrscheinlich.

 

Die Chance im Netz und die Frage nach der Identität

Leung, der Projektmanager bei einem Internetunternehmen sieht die einzige Chance im Netz: “Hongkonger verändern sich. In der Vergangenheit haben wir einen Führer gebraucht. Aber heute sehen wir, dass ein Führer uns nicht mehr helfen kann. Das Internet ist unsere Chance um unsere Stimme zu erheben – alle gemeinsam.”

 

Facebook, das in Hongkong im Gegensatz zu China nicht gesperrt ist, spielt dabei eine der grössten Rollen. Hier wird zu Veranstaltungen eingeladen, durch Videos von anderen Demonstrationen inspiriert und nach politisch Gleichgesinnten gesucht.

 

Das Internet in Hongkong ist frei – noch. Sollte die chinesische Regierung sich dazu entschliessen, das Internet in Hongkong zu zensieren, manipulieren oder sogar teilweise zu sperren, würde das herbe Rückschläge für regimekritische Aktivisten bedeuten. Auf der anderen Seite könnte ein solcher Vorgang unvorstellbare Wut provozieren, weswegen Peking vermutlich zu diesem Mittel bis heute noch nicht gegriffen hat.

 

Andere Mittel verwendet die chinesische Regierung allerdings schon seit Jahren. Chan und Leung berichten von den Gehirnwäsche-ähnlichen Zuständen in der Schule. Von klein auf wird den Kindern eingetrichtert China zu lieben, Lieder über China zu singen und ihr eigenes Chinesisch, Kantonesisch, durch das vollkommen andere Festlandchinesisch, Mandarin, zu ersetzen.

 

Die beiden Aktivisten haben Angst, so ihre eigene Identität immer mehr zu verlieren und komplett die chinesische Kultur aufgedrängt zu bekommen. Laut einer 2012 durchgeführten Umfrage der Hong Kong University sehen sich gute 40% der Bewohner Hongkongs als “Hongkonger Bürger”. Nur 17% sehen sich als “Chinesische Bürger”, während sich der Rest als eine Mischung betrachtet. Wenn sie sich entscheiden müssten, sehen sich 68 % der Bürger eher als “Hongkonger Bürger im weiteren Sinne” als”Chinesische Bürger im weiteren Sinne”.

 

Die Identitätsfrage ist eine sehr essenzielle für die Hafenstadt. Mit einer eigenen Sprache, eigenen kulturellen Bräuchen und einem eigenen System ist Hongkongs Identität manchmal sehr weit entfernt von der chinesischen. Durch die von China erzwungene Angleichung verliert sich der Unterschied immer mehr. Die Angst vor dem letztendlichen Identitätsverlust ist deshalb sehr verbreitet unter den Bürgern.

 

Wirtschaftliche Abhängigkeit

Als wir Chan und Leung nach ihren Träumen für Hongkong fragen, sind beide erst etwas ratlos. “Die Wirtschaft muss stabil bleiben und dadurch die Jobs. Sonst haben wir gar keine Chance mehr”, meint Leung. “Es ist hart einem Europäer unser Gefühl momentan verständlich zu machen. Wir brauchen eine schlaue Regierung, die Lücke zwischen Arm und Reich muss minimiert werden und jeder sollte sich einen Platz zum Wohnen leisten können.”

 

Bei der Nachfrage, ob Hongkong in ihren Träumen komplett unabhängig von China wäre, sind sich beide recht sicher: “Wir können nicht ohne China. Grundsätzlich sind wir ja auch Chinesen. Aber wir wollen nicht, dass China so viel Einfluss hat. Wir sind finanziell abhängig von China, aber nicht so signifikant wie es manchmal dargestellt wird.”

 

Hongkong beheimatet eine der liberalsten Marktwirtschaften der Welt. Trotzdem ist diese an China gebunden. Das liegt an den unzähligen Produktionsstätten und Fabriken, die von Firmen aus der Sonderverwaltungszone in China erschaffen wurden, aber auch daran, dass Hongkong der grösste Investor in China ist. Knapp die Hälfte der auswärtigen Investitionen in Chinas Metropolen wie Shanghai oder Peking werden von Hongkonger Firmen finanziert. Während in Festlandchina hauptsächlich Produktionen durchgeführt werden, steht im “Hafen der Düfte” fast ausschliesslich die wirtschaftliche Dienstleistung im Vordergrund.

 

China ist abhängig von Hongkong als Brücke im Kontakt mit den ökonomischen Riesen der Welt, die SVZ von den Produktionsmöglichkeiten der Industrie Chinas. Kurz gesagt: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Festland und seiner Sonderverwaltungszone sind interdependent. Beide Partner würden enorme wirtschaftliche Einbussen hinnehmen müssen, würden diese nicht existieren.

 

Ein Kind, das man nicht beim Spielen stört

Leung erzählt eine Metapher von einem Kind, um verständlich zu machen, warum China sich weniger einmischen sollte. Ein Kind, welches ein Spiel gut beherrschen würde, würde man spielen lassen, erklärt er. Hongkong sei in diesem Fall das Kind. China allerdings würde das Kind unterbrechen, sich einmischen und versuchen das Kind zu beeinflussen, obwohl das Kind ohne China schon längst kein Problem mehr hatte. “Wir verstehen nicht, was China damit erreichen will. Sie zerstören sogar manchmal ihren eigenen Vorteil.” Er muss allerdings eingestehen, dass er auch nicht ganz genau weiss, wie eine bessere Situation aussehen könnte.

 

Das Hauptproblem für die Hongkonger ist, dass es kein Vorbild für die aktuelle Lage gibt. Es gab in der gesamten Geschichte global nie eine ähnliche Situation, also wissen viele Bewohner auch nicht genau was ihre Zielvorstellung ist. “Für die Ukrainer ist es einfacher. Sie schauen sich um und sehen das was sie wollen in West- und Mitteleuropa. Sie haben ein klares Ziel. Wir können nicht mit und nicht ohne China, deswegen wissen wir nicht genau, was am Ende dabei herauskommen soll.”

 

Die meisten hier wissen, dass sie nicht voll unter der Regie Chinas stehen wollen und, dass die momentanen Entwicklungen ihnen nicht gefallen. An einem Beispiel für eine wünschenswerte Zukunft können sie es allerdings nicht fest machen. Leung stellt in einem intensiven Tonfall klar: “Eigentlich wollen wir nur, dass alles bleibt, wie es ist. Es ging uns gut in den letzten Jahren, keiner hätte sich beschwert. Aber wir sehen, worauf die chinesische Regierung hinaus will. Diese Zukunft wollen wir nicht.”

 

Der Wunsch ist nicht die Veränderung, sondern, dass es so bleibt wie es ist

Das scheint der grosse Unterschied zwischen den Demonstrationen in der SVZ und Ländern wie der Ukraine zu sein. Während anderswo für Veränderung gekämpft wird, kämpft die Bevölkerung hier hauptsächlich dafür, dass es bleibt wie es ist. “Wir wollen uns nicht verändern, aber wir werden verändert. Hongkong ist gut momentan, es ist gut genug für uns”, bemerkt Leung deutlich melancholisch und mit fast schon zittriger Stimme.

 

Wir fragen die beiden, wie viel Hoffnung sie haben, dass ihre Heimat so bleibt wie es ist. Die Stimmung ist betreten. Sie erzählen mir, dass sie Angst haben, dass Hongkong eine Stadt wie unzählige andere in China wird – viele Menschen, aber kein eigenes Gesicht. Das Identitätsproblem.

 

Chan findet, dass Hongkong einfach eine Sonderverwaltungszone bleiben soll. “Im Moment sind wir Kantonesisch-sprechenden Hongkonger noch die Mehrheit hier, aber die Zahl der Mandarin-sprechenden Einwanderer aus China steigt immens. Wenn es mehr Chinesen als Hongkonger hier gibt, hat China das Ziel erreicht. Wir sind dann nichts Besonderes mehr, sondern nur eine weitere Stadt in China”.

 

Die zwei Aktivisten sprechen von der angsteinflössenden Macht Chinas. Die chinesische Regierung würde nie verlieren – die Geschichte würde das bestätigen und die Hoffnung damit schwinden. Chinesen hätten sich schon immer durchgesetzt und würden sich selten anpassen. “Siehst du die Chinesen in den Vereinigten Staaten oder im Vereinigten Königreich? Haben sie sich assimiliert? Nein. Sie gründen China Town und versuchen ihre Kultur durchzusetzen!”, stellt der Projektmanager Leung leicht wütend fest. Nur die Chinesen wären so, es gäbe keine India Town oder ähnliches. Chan fügt hinzu: “Sie immigrieren aber integrieren sich nicht. Und so werden sie Hongkong zu China machen.”

 

Schwindende Hoffnung und Angst vor Zerstörung

Dass sogar die jungen und politisch aktiven Bürger keine Hoffnung haben, zeigt die ausweglose Situation sehr deutlich. Die Zeit ist knapp, die Jobs sind unsicher – es bleibt nichts mehr übrig um herauszustechen und sich zu wehren. “Es braucht Zeit, bis wir verstehen, dass wir uns gegenseitig helfen müssen und ein gemeinsames Ziel finden, um einen Unterschied zu machen. Wir haben nur keine Zeit mehr”, räumt Leung ein.

 

Wir sitzen mittlerweile seit über einer Stunde zusammen und man sieht den beiden eindeutig die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Sie sind engagierte Bürger, sind gebildet und erfahren. Sie haben viel vor in ihrem Leben. Aber mit Freude in die Zukunft zu schauen, das fällt ihnen schwer. Sie sehen, wie sich ihre Heimat in den letzten Jahren langsam aber sicher verändert und sie sind nicht mehr zufrieden mit dem Ort, an dem sie ihr ganzes Leben verbracht haben. Aber sie haben Familie, Freunde und Job in Hongkong. Aber einfach davonzulaufen und gegen China aufzugeben, das sieht ihnen nicht ähnlich. Und trotzdem wissen sie nicht, wie es weiter gehen soll. Wer die Lösung hat. Wer dafür sorgt, dass ihre Heimat so bleibt wie sie immer war. “Kannst du verstehen, dass wir traurig sind?”, fragt mich Emily Chan Kin Yin.

 

Die Stadt mit der gigantischen Skyline ist in einer Zwickmühle. Während die chinesische Regierung leise und unbemerkt die Umsetzung der Angleichung an ihr Land vornimmt, bleibt der Bevölkerung der Hafenstadt nicht viel ausser es zu beobachten. Die Angst vor individuellem Missstand ist viel zu gross, um das Risiko eines möglicherweise eskalierenden Konfliktes einzugehen. Die Veränderungen sind unerwünscht, doch jegliche Proteste zerschellen an der Abhängigkeit von der Volksrepublik. Auf der einen Seite braucht die kantonesische Metropole die guten Kontakte nach China, auf der anderen Seite sehen die meisten Bürger den immer grösser werdenden Einfluss destruktiv.

 

Der Mittelweg, den sie früher gelebt haben und unter dem auch eine allgemeine Zufriedenheit geherrscht hat, scheint nicht mehr lange möglich zu sein. Die Perspektiven für die Bürger sind unklar, die Ziele schwer zu formulieren und es braucht Zeit, bis die China-kritischen Bürger Hongkongs, die eine Mehrheit in der Bevölkerung darstellen, einen gemeinsamen Nenner finden. Zeit, die sie nicht haben. Zeit, in der China Hongkong unbeschwert zu einer weiteren chinesischen Stadt machen kann. Zeit, in der gebürtige Hongkonger wie Emily Chan Kin Yin und Kenneth Leung Yiu Hung sehen, wie ihre Heimat langsam aber unaufhaltsam ihr Gesicht verliert.

 

“Es geht uns ganz gut im Moment. Wenn du mich fragst, wonach ich suche, weiss ich das nicht wirklich. Aber ich weiss was ich nicht will und das ist der Einfluss der chinesischen Regierung«, erklärt Chan. Leung schliesst sich an: “Ich frage ob mich ob die Hongkonger Regierung – unsere Regierung – Hongkong zerstört oder Hongkong dient?”, er holt tief Luft und sagt dann “Wenn du etwas veränderst ist das okay. Mach es besser oder mach es schlechter, das ist alles okay. Aber sie zerstören es, sie verändern nicht. Das ist ein Unterschied.”