Gesellschaft | 17.09.2014

Treue Helfer

Text von Annina Häusli | Bilder von Gian-Luca Frei
Man begegnet ihnen überall - Am Bahnhof, auf der Strasse, oder beim Einkaufen - Hunde, die ein Führgestell tragen und ihr Herrchen oder Frauchen zielstrebig durch den Verkehr führen. Viele dieser Hunde werden in Allschwil in der Nähe von Basel geboren, aufgezogen und ausgebildet. Ein Tag im Leben eines auszubildenden Blindenhundes und seinem Instruktor.
  • Pat führt Christoph sicher über die Strasse.

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  • Achtung Treppe!

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  • Auch der Verkehrskasten muss angezeigt werden.

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  • Auf dem Uebungsparcours der Schule demonstriert Pat sein Können.

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  • Banca: Brav zeigt Pat seinem Herrchen die Parkbank.

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  • Nach einem langen Tag haben die beiden sich ihr Futter redlich verdient.

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  • Pat führt Christoph sicher über die Strasse.

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  • Pat zeigt Christoph den Billettschalter.

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  • Unterwegs im Bahnhof.

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  • So gemütlich sind die Welpenboxen eingerichtet.

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  • Wenn ich gross bin, werde ich auch einmal Blindenführhund.

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Es ist neun Uhr morgens am Bahnhof Basel. Schon von weitem sind Neo und seine zwei Begleiter zu sehen. Neo, ein schwarzer, knapp zweijähriger Labrador-Retriever, befindet sich in der Ausbildung zum Blindenführhund. Seine Begleiter sind die Ausbildner Christoph und Marianne. Die beiden sind schon länger auf den Beinen. Tagwache ist um sieben Uhr früh. Dann dürfen Neo und seine Artgenossen eine halbe Stunde nach draussen, während ihre Ausbildner die Hundekabinen reinigen und das Futter vorbereiten. Nach dem Frühstück geht es auf in die Stadt.

Ohne Spass keinen Fleiss

Christoph zieht Neo sein weisses Arbeitsgewand über und sagt “Scala”. Die Hörzeichen sind alle auf Italienisch, da in dieser Sprache die Zeichen wegen der Vokale für die Hunde am leichtesten unterscheidbar sind.

Neo führt ihn zielstrebig zur nächsten Treppe. Auf der ersten Stufe bleibt er stehen und wartet, bis Christoph ihm das Zeichen zum Weitergehen gibt. “Das ist eines der wichtigsten Dinge, die ein Hund in der Ausbildung lernen muss – Hindernisse wie Treppen oder Bordsteine anzuzeigen und zu warten, bis der Halter das nächste Zeichen gibt”, erklärt Marianne, dem Zweiergespann folgend.

Neo weicht ohne Probleme den Menschen und anderen Hindernissen auf seinem Weg aus, immer darauf bedacht, dass Christoph nirgends anstösst. Auch das ist ein wichtiger Teil der Ausbildung. “Der Hund läuft immer auf der linken Seite. Das heisst, er muss, wenn ein Hindernis auf der rechten Seite auftaucht, einen extra Bogen für den Sehbehinderten machen”, sagt Marianne.

Untauglich

“Banca”. Auf direktem Weg führt Neo seinen Ausbildner zur nächsten Sitzbank. Neo legt seinen Kopf auf die Bank und wartet, bis Christoph “Brava” sagt. “Zu Beginn locken wir die Hunde mit Leckerlis und einer weichen Unterlage auf die Bank, wir gestalten die Situation möglichst positiv für die Hunde”, erklärt Marianne die Vorgehensweise. “Der nächste Schritt besteht dann darin, die Hunde nur dann zu loben, wenn sie den Kopf solange auf die Bank legen, bis sie ein weiteres Signal hören.” Doch was passiert, wenn ein Hund die Ausbildung nicht schafft? “Merkt ein Ausbildner während der Ausbildung, dass ein Hund sich nicht als Blindenführhund eignet, weil er zum Beispiel zu ängstlich ist, dann wird der Hund wieder in eine Pflegefamilie gegeben, die bereit sind mit dem Tier eine Sozialhundeausbildung zu machen”, erklärt Marianne.

Nachdem Neo genug gearbeitet hat, wird es Zeit, ihm eine Pause zu gönnen und seinen Kumpel Pat aus dem Auto zu holen. Pat stürzt sich freudig auf Christoph. “Es ist wichtig, mit den Hunden zu spielen, und nicht zu lange am Stück zu üben, sonst werden sie unkonzentriert”, sagt Christoph, während Pat schwanzwedelnd nach mehr Streicheleinheiten verlangt.

Das Prinzip des natürlichen Widerstands

Unterwegs mit Pat erscheint eine Barriere vor ihm auf dem Weg. Der Hund würde ohne Probleme unten durchgehen. Doch er weiss, dass dies nicht für Christoph gilt. Deshalb macht er einen Bogen um das Hindernis, damit Christoph nicht anstösst. “Brava”, ist deshalb seine lobende Antwort. Auf dem Rückweg zum Bahnhof erläutert Marianne die Ausbildung der Hunde. “Vieles, was wir mit den Hunden trainieren, basiert auf dem Prinzip des natürlichen Widerstandes. Den Hunden wird beigebracht, dass sie nicht vom Gehsteig abkommen dürfen, wenn sich dieser auf der Seite des Halters ist. Wir tun das indem wir versuchen, sie mit leichten Druck auf die Strasse zu drängen. Automatisch halten sie dagegen und durch Lob verinnerlichen sie dieses Prinzip, bis sie von alleine den Trottoir-Rand meiden.”

Wieder zurück im Bahnhof demonstriert Pat ein weiteres wichtiges Hörzeichen. “Billetta”, sagt Christoph, worauf Pat ihn zu den Billettschaltern führt und auf die Hinterbeine steht, um den Schalter anzuzeigen. “Das ist einer der Befehle, der ortsabhängig ist. Wenn der neue Besitzer zum Beispiel in Zürich oder Bern wohnt, muss man dem Hund den Schalter dort zuerst zeigen, damit er es beim nächsten Mal weiss”, sagt Marianne, “und dann kommt es vor, dass der Hund vordrängelt, weil er nicht weiss, dass er eigentlich hinten anstehen sollte.”

Zurück in der Schule gibt es erst mal Mittagessen für Neo und Pat. Danach werden sie zusammen mit den Hunden der anderen Betreuer für eine halbe Stunde ins Freie gelassen.

Von zwölf bis zwei Uhr ist Mittagsruhe, dann sind die Hunde in ihrer Box und können sich ausruhen, bevor es am Nachmittag noch einmal in die Stadt geht. Nach dem Abendessen und einem Bettmümpferli für die Hunde um zehn Uhr abends heisst es dann: Licht aus und Gute Nacht.