Kultur | 11.09.2014

Papierblumen, Flugmaschinen und ein frischer Wind zum Abschied

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von zVg
Vergangenes Wochenende öffneten die Badener Kinos zum zwölften Mal Tür und Tor für das internationale Animationsfilmfestival "Fantoche". Tink.ch hat sich dort mit dem Abschiedsfilm des Altmeisters der japanischen Animationskunst Hayao Miyazaki auseinandergesetzt.
Schon in jungen Jahren trifft der Flugzeugbauer Jiro Horikoshi in seinen Träumen immer wieder auf sein grossen Vorbild, den Luftfahrtingenieur Giovanni Battista Caproni.
Bild: zVg

Dass der Länderfokus des diesjährigen Fantoche dem japanischen Animationsfilm oder Anime seine ganze Aufmerksamkeit widmete, liess sich bereits an der eigentümlichen Dekoration der Bäume vor dem Kinokomplex Trafo beobachten. Leuchtend rote und purpurfarbene Origami, im Stil der japanischen Kunst des Papierfaltens zu Blüten geformt, kontrastierten mit den bereits herbstlich verfärbten Blättern.

 

Der letzte Film eines Altmeisters

Seit der Gründung des renommierten japanischen Animationsstudios Ghibli im Jahr 1985 stehen die Namen Miyazaki und Ghibli für inhaltlich anspruchsvolle und qualitativ hochwertige japanische Animationskunst jenseits des Mainstreams. Über Jahrzehnte hat Hayao Miyazaki, Regisseur, Comiczeichner und Mitgründer des besagten Studios die Filmlandschaft mit anrührenden und phantasievollen Werken wie My Neighbour Totoro, Princess Mononoke oder Spirited Away bereichert.

 

Letztes Jahr trat der Regisseur definitiv in den Ruhestand. Sein Abschiedsfilm, ein gut zweistündiger Anime mit dem Titel “The Wind Rises” von 2013, war auch im allgemeinen Langfilmprogramm des Fantoche vertreten. Die Handlung basiert lose auf der Autobiografie des japanischen Flugzeugingenieurs Jiro Horikoshi, der zwischen den beiden Weltkriegen massgeblich an der Konstruktion von Jagdflugzeugen für die kaiserlichen Marineluftstreitkräfte beteiligt war. Der Film behandelt jedoch nur den ersten Lebensabschnitt des Flugzeugbauers und endet mit dem Testflug des von ihm konzipierten Jagdbombers Mitsubishi A5M im Jahr 1935.

 

Von den Träumen eines Flugzeugbauers

Der bekennende Flugzeugliebhaber Miyazaki zeichnet in seinem Abschiedsfilm das Bild eines sensiblen Träumers und Idealisten, dessen dringlichster Wunsch der Bau möglichst ästhetischer und technisch ausgefeilter Flugmaschinen ist. Dass die Funktion “seiner” Flugzeuge in erster Linie in der effektiven Tötung potentieller Gegner des Kaiserreiches liegt, ist dem Ingenieur dabei bis zu einem gewissen Grad bewusst. Die Erkenntnis hindert ihn jedoch nicht daran, seinen Beruf auszuüben.

 

Die Hingabe, mit der er sich dem Entwurf einer verbesserten Tragfläche widmet, lässt sich mit dem Eifer eines passionierten Künstlers vergleichen, der nur für die Vollendung seines nächsten Meisterwerkes lebt und sich nicht darum kümmert, was mit seinem Oeuvre nach der Fertigstellung geschieht.

 

In seinen Träumen wird der gewissenhafte, junge Mann des Öfteren von Visionen des nahenden Krieges heimgesucht: Mal steht er in einem Regen von explodierten Flugzeugteilen, mal spaziert er über ein verbranntes Feld, das mit Wracks der von ihm konstruierten Bomber übersät ist. In den gezielt eingestreuten Traumsequenzen trifft Jiro jedoch auch immer wieder auf sein grosses Vorbild, den italienischen Luftfahrtingenieur Giovanni Battista Caproni, der den Japaner dazu anhält, unbeirrt den eigenen Weg zu verfolgen, obwohl seine Mitmenschen immer wieder danach streben werden, Flugzeuge als tödliche Waffen zu missbrauchen.

 

Schicksalshafte Winde

Ein Zitat aus der letzten Strophe des Gedichts Le Cimetière marin des französischen Schriftstellers Paul Valéry bildet nicht nur die Grundlage für den Titel des Films, sondern gleichzeitig auch dessen Leitmotiv: “Le vent se lève!…Il faut tenter de vivre!” – “Der Wind hebt sich…! Wir müssen versuchen, zu leben!”

 

Der Wind als Symbol ist in dem Anime allgegenwärtig. In der Form der Metapher vom heraufziehenden Sturm steht er stellvertretend für den nahenden Krieg. Einer kräftigen Brise verdankt Jiro jedoch auch die Bekanntschaft mit seiner späteren Ehefrau Naoko Satomi: Sie ist es, die im Verlauf einer windigen Zugfahrt seinen Strohhut auffängt während er im Gegenzug einige Jahre später heroisch ihren Sonnenschirm vor dem Davonfliegen bewahrt.

 

The Wind Rises oder Kaze Tachinu, wie der japanische Originaltitel lautet, verarbeitet einerseits historische Ereignisse wie die Entwicklung der japanischen Flugzeugindustrie oder das grosse Erdbeben von 1923 sowie genuin japanische Werte wie Aufopferungswille und die Bereitschaft, grosses Leid schweigend zu ertragen. Andererseits liess sich Miyazaki für die geheimnisvolle Figur des regimekritischen Deutschen Castorp vom gleichnamigen Held aus Thomas Manns Der Zauberberg inspirieren.

 

Erinnerung an die gute alte Zeit

Insgesamt überzeugt The Wind Rises jedoch nur zum Teil. Es scheint, als habe der Regisseur den Animationsfilm in erster Linie für sich selbst und nicht für ein grösseres Publikum geschaffen. Ohne in einen krassen Nationalstolz zu verfallen, atmet Miyazakis letzter Film den nostalgiegeschwängerten Duft der guten alten Pionierzeit der Luftfahrt, als die japanische Flugzeugindustrie noch in den Kinderschuhen steckte, Flugzeugmotoren per Handkurbel gestartet und die Maschinen von Ochsen auf die Startbahn gezogen werden mussten.

 

Flugmaschinen, ob historisch akkurat nachgezeichnet oder frei erfunden, spielen in diversen Filmen Miyazakis eine Rolle, überschatten jedoch niemals die menschlichen Charaktere. Genau an der Charakterzeichnung krankt jedoch The Wind Rises. So wirkt die Beziehung zwischen Jiro und der an Tuberkulose erkrankten Naoko unnötig sentimental und schrammt hart an der Grenze zum Kitsch.

 

Auch wird Jiros Verhalten jene Zuschauer, die mit der japanischen Kultur nicht vertraut sind, an vielen Stellen befremden. Dies obwohl Miyazaki seinen Protagonisten sonst über Gebühr mit guten Eigenschaften wie Fleiss, Hilfsbereitschaft und Fantasie ausgestattet hat. Besonders stark zeigt sich diese Diskrepanz, als der Ingenieur mit dem Gedanken spielt, seiner bettlägerigen Frau zuliebe die Stelle beim Mitsubishi-Konzern aufzugeben, sich jedoch trotz des Wissens, dass Naoko nicht mehr viel Zeit bleibt, dagegen entscheidet.

 

Ob Miyazaki mit The Wind Rises an den Erfolg seiner Vorgängerfilme anknüpfen kann, ist aufgrund seiner spezifisch japanischen Thematik eher fraglich. Zwar verharmlost der Anime an keiner Stelle den Krieg, blendet dessen Folgen jedoch weitgehend aus. Die menschlichen Hauptfiguren verblassen zunehmend hinter den minutiös ausgearbeiteten Flugzeugen. Diese sind allerdings tatsächlich eine Augenweide, nicht nur für Zuschauer mit einer Affinität zu Aviatik.