Gesellschaft | 27.09.2014

Nationalismus trotz gewollter Abhängigkeit

Schottland will Grossbritannien angehören. Nationalistisch sind die mehr als fünf Millionen Bewohner des Landes aber trotzdem. Als Tink-Reporterin Laura Rufer die Highlands besuchte, bestätigte sich dieser Fakt in all seinen Facetten.
Den Nationalismus erkennt man schon an der Vielzahl schottischer Fahnen in der Hauptstadt Edinburgh.
Bild: Laura Rufer

Rote Telefonzellen, schwarze Taxis, Fish & Chips und die blau-weiss-rote Fahne. So kennt man Grossbritannien. Trotzdem unterscheidet sich Schottland massgeblich vom Rest der Insel.

 

Blau-weiss überall

Schon bei der Ankunft am Flughafen der Hauptstadt Edinburgh sieht man überall die blaue Flagge mit dem weissen Kreuz – die schottische Flagge. Ausserdem stellt sich Schottland mit seinem Werbespruch Scotland welcomes the world (dt.: Schottland begrüsst die Welt) als unabhängiges, weltoffenes Land dar. Man merkt, die Schotten sind stolz auf ihr Land.

 

Auch in Schottland selbst wird man das Gefühl nicht los, man sei gar nicht in Grossbritannien. Nicht nur die fast schon fehlenden britischen Flaggen stechen ins Auge, sondern auch die zahlreichen Besonderheiten Schottlands.

 

Whisky, Bier und Irn-Bru

In Schottland wird so viel getrunken wie kaum sonst in Grossbritannien. Das zeigt eine Studie der britischen Gesellschaft für Gastroenterologie. Laut dieser trinken zwei Drittel der Schotten zu viel, während es im Rest von Grossbritannien merklich weniger sind.

 

Whisky und Bier gehören zu den Nationalgetränken. Diese werden auch gerne und in grossen Mengen konsumiert. In den Universitäten Schottlands gibt es am Freitag kein anderes Thema als die beste Bar für den Abend. Auch unter der Woche wird kräftig getrunken. Nicht selten trifft man am frühen Abend Betrunkene auf der Strasse. Um den Kater heil zu überstehen, haben die Schotten das Süssgetränk Irn-Bru erfunden. Dieses verkauft sich nirgends so gut wie in Schottland. Dort wurde  es sogar lange Zeit mehr verkauft als Coca-Cola, berichtete einst die schottische Tageszeitung “The Scotsman”. Mittlerweile liegen die beiden gleich auf.

 

Viel Geld für Repräsentation

Obwohl Schottland nicht wirklich viel in der transnationalen Politik zu sagen hat, haben die Schotten ein eigenes, sehr teures Parlamentsgebäude bauen lassen. Dies zeigt wie wichtig es ihnen ist, sich gegen aussen zu repräsentieren und, vor allem, mitreden und entscheiden zu können. Dies hat das Volk allein schon mit dem Aufkommen und der doch recht grossen Anzahl Ja-Stimmen (44,7%) gezeigt.

 

Antike Städte

Manchem mögen die Landschaften von Schottland und Nordengland ähnlich erscheinen. Die Städte sehen jedoch unterschiedlich aus. Schottlands Städte verfügen über sehr viele alte Gebäude, während Englands Städte eher modern sind. Vor allem die grossen Städte lassen sich untereinander kaum vergleichen. In Schottland ist vieles in den Städten traditioneller gehalten als in England, und schon allein deshalb nicht vergleichbar.

 

Unabhängig gewesen

Schon die Geschichte Schottlands zeigt, dass dieses Volk nach Unabhängigkeit und Freiheit strebt. Seit Schottland 1209 von England abhängig wurde, versuchten die Highlander immer wieder, ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen.

 

1320 wurde das Land mit der Deklaration von Arbroath, die die Unabhängigkeit Schottlands festlegte und an Papst Johannes XXII. gesandt wurde, von dem Oberhaupt der katholischen Kirche akzeptiert. Dieses trug in den Folgejahren massgeblich zu der Schlichtung zwischen England und Schottland bei. Nur wenig später, im 14. Jahrhundert, wurde Schottland wieder von den Engländern erobert.

 

Seit damals werden die beiden Königreiche gemeinsam regiert. Diese Regentschaft ist geprägt von Aufständen der Schotten. Der letzte Versuch eines Aufstands war die Abstimmung vom 18. September 2014.

 

Fragen über Fragen

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass Schottland anders ist als England. Trotzdem hat sich eine Mehrheit der Schotten für den Verbleib in Grossbritannien entschieden.

 

Einerseits warf die Unabhängigkeit viele Fragen auf. Beispielsweise jene nach der Währung, sowie jene nach dem Verbleib in der Europäischen Union. Andererseits wurden auch Zweifel laut, ob Schottlands Wirtschaft genug stabil wäre, damit das Land nicht an Wohlstand verliert. Ein anderes Diskussionsthema war die Beziehungen zu England. Mit der Unabhängigkeit hätten sich diese ziemlich verschlechtert.

 

Dennoch ist klar, dass das schottische Volk in Grossbritannien mitreden will. Ein Stück Freiheit hofft es sich zu erlangen – und vielleicht sogar ein Stück Unabhängigkeit.