Gesellschaft | 08.09.2014

“Für viele Leute ist der Wald Terra incognita”

Was hat Wald mit Politik, Siedlungsdruck, der Steinzeit und einem Kinderroman zu tun? Im Gespräch diskutiert Franz Hohler nur ein Thema und trotzdem die ganze Welt, und zeigt unbekannte Zusammenhänge auf.
"Ein Baum muss nicht nach fünf Jahren ersetzt werden, wie beispielsweise ein Laptop."
Bild: zVg, Christian Altorfer

Tink.ch: Wann haben Sie den Wald für sich entdeckt?

Franz Hohler: Sehr früh. Ich bin an der Reiserstrasse (in Olten, Anm. d. Red.) bei der Passerelle zur Bahn aufgewachsen. Von dort ist man rasch im Säliwald. Bereits ab der zweiten Klasse ging ich gerne in diesen Wald. Es war schon immer ein interessanter, anziehender und anregender Ort für mich.

 

Was bedeutet Ihnen der Wald heute?

(Überlegt lange.) Ich bin immer wieder überrascht, in welch andere Welt man eintritt, wenn man in einen Wald hineinkommt. Das kann mitten in der Stadt sein. In Oerlikon, wo ich wohne, hat es fünf Minuten von meinem Haus weg ein Wäldlein mit sehr alten, hohen Bäumen.

 

Der Wald ist mitten ins Quartier eingegliedert und trotzdem tritt man sogleich in eine andere Welt ein. Häufig hört man Vögel singen. Der Wald hat die Ausstrahlung einer Gegenwelt. Eine Welt ohne Taktfahrplan. Eine Welt der Langsamkeit – für mich ist der Wald ein Triumph der Langsamkeit. Es ist wie eine still stehende Zeit, obwohl der Wald nicht still steht, sondern sich entwickelt, wächst; aber – langsam, unglaublich langsam. Und diese andere Welt ist etwas Wunderbares.

 

Gibt es einen Wald, der Sie besonders beeindruckt, den Sie vielleicht sogar als Ihren Lieblingswald bezeichnen würden?

Ein Wald, der mich sehr beeindruckt hat, ist der Arvenwald von Tamangur am Rande des Nationalparks. Dieser Wald hat etwas archaisches. Er liegt in einer harten Zone an der Baumgrenze. Und es ist ersichtlich, dass die Arven jahrzehntelang ihren Platz behaupten und dafür kämpfen mussten. Doch mein Lieblingswald ist eigentlich noch immer der Wald meiner Kindheit: der Säliwald.

 

Dann gibt es noch den Traumwald, den ich jetzt unbedingt einmal besuchen muss, solange ich noch kann: Der Schwarzwald. Ich habe ihn immer nur in Eintageswanderungen erfahren. Es wäre an der Zeit, mindestens eine Woche durch diesen Wald zu laufen und nie herauszukommen.

 

Gibt es auch einen Fantasiewald in Ihren Gedanken?

Der Kindheitswald hat sich bei mir in einen Fantasiewald verwandelt. In meinem Kinderroman Tschipo in der Steinzeit träumt Tschipo so stark, dass am Morgen immer etwas von seinem Traum übrigbleibt. Ausserdem erwacht er immer an einem Ort, von dem er träumte. Einmal erwacht er in der Steinzeit. Wer dies liest und die Gegend ein wenig kennt, merkt, dass dies im Säliwald angesiedelt ist und die Steinzeithöhle, die ich beschreibe, jene beim Galgen am Rande von Olten ist. Bei der Vorstellung des Steinzeitwaldes hat mir die Erfahrung vom Säliwald sehr geholfen und das Profil des Juras, das Gesicht vom Rumpel, spielte dabei auch eine Rolle.

 

In den vielen Jahren, seit Sie Olten in Richtung Zürich verlassen haben, haben sich die Stadt und ihre Umgebung stark gewandelt. Kehren Sie genügend häufig zurück, um den Prozess als Ganzes wahrzunehmen oder waren Sie überrascht von dem, was Sie erwartete?

Ich habe den Wandel miterlebt, weil ich immer wieder hier war. Es ist ein Wachstum, das jede Stadt erfahren hat. In meiner Kindheit gab es, wenn man die Sälistrasse hinauf ging nach der Reiserstrasse, noch die Paul Brandstrasse und die Bergstrasse rechts, aber links war die Stadt fertig. Wo heute die Gartenstrasse und Pestalozzistrasse liegt, war Feld, Spielplatz – Leere. Oder auch im Schöngrund, da hob sich der Bauer Wyss noch deutlich ab. Nun wurde dies natürlich eingesogen von der “Krake Stadt”. Die Überreste der Landwirtschaft sind exotischer geworden.

 

Doch – und dies ist auch eine Qualität des Waldes – normalerweise muss der Wald nicht daran glauben. Wir haben eines der fortschrittlichsten Forstgesetze von 1902, in dem es heisst: Wenn an einem Ort Wald abgeholzt werden muss, so hat es an einem anderen Ort wieder aufgeforstet zu werden. Kürzlich las ich, dass die Waldfläche wieder am Zunehmen ist, und zwar wegen der Vergandungen der Alpen. Im Tessin ist ganz krass zu sehen, wie der Wald kommt. Das ist übrigens auch einer meiner Lieblingswälder. Tessiner Wälder im Maggiatal – diese Wildheit. Wir haben dort seit 25 Jahren einen Stall. Wenn nichts gemacht wird, nimmt der Wald die Alpwiesen ein. Langsam, aber sicher.

 

Etwas, was für mich auch zum Geheimnis des Waldes gehört, ist die Nacht. Es braucht sehr wenig, um sich in einem Wald in der Nacht sehr alleine zu fühlen und ob dem Kleinsten zu erschrecken. Ich beschrieb einmal, wie ich von Winterthur nach Oerlikon lief. Es war im Monat November, als ich an einem Nachmittag in Winterthur loszog und in die Nacht hinein kam. Ich hatte dies erwartet, trug eine Taschenlampe mit, und dennoch verlief ich mich. Überall waren Geräusche zu hören, die Autobahn, die Eisenbahn und Flugzeuge – und trotzdem war ich sackalleine. Es ist wie ein Labyrinth, mitten in der Zivilisation.

 

Es ist im Moment beängstigend und im Nachhinein befreiend?

Ich war beeindruckt darüber, wie alleine man sich fühlt. Obwohl man weiss, nirgendwo ist es mehr als eine Viertelstunde aus dem Wald hinaus, und trotzdem ist man in dieser Waldwelt drin und von ihr gefangen. Da kam mir ein Lied von Schubert in den Sinn: Die Nacht ist im Walde daheim. Da dachte ich –  ja das ist wahr: Den Wald als Heimat der Nacht zu sehen; wie sie sich am Tag dort verkriecht und in der Nacht aus dem Wald heraus verbreitet.

 

Siedlungsdruck bedroht die Waldränder – sehen Sie dies auch so?

Ja. Es gibt immer weniger Übergang von der Siedlung zum Wald. Erst am Waldrand weiss man, hier geht es nicht weiter. In meinem letzten Buch Immer höher beschreibe ich nach der Froburg den Lägerengrat von Baden aus. Beim Blick hinunter wird dies ganz klar: Es ist wie ein Gletscher aus der Eiszeit, aber es ist ein Siedlungsgletscher, der alles auffüllt, und dann kommt der Wald.

 

Stimmt Sie dies bedenklich?

Es ist einfach so, dass ich immer Freude habe, wenn ich es anders antreffe. Ich muss sagen, dass wir in der Schweiz eine sehr enge Landschaft haben. Der grössere Teil der Schweiz ist ja nicht bewohnbar. Seien es Gletscher, Berge, Alpen, Felswände und dann noch die Wälder, welche nicht berührt werden dürfen. Wenn man die nicht bewohnbaren Flächen weglässt und die bewohnbaren Flächen durch die Anzahl Einwohner teilt, sind wir dichter besiedelt als das Ruhrgebiet. Mit diesen Bedingungen müssen wir leben und sollten sicherlich eine Raumplanung haben, welche diesen Namen verdient und weniger Schlupflöcher hat. Das andere ist, dass man auf die Suche geht nach verlassenen Plätzen, denn es gibt überraschend viele solcher Plätze. Zum Beispiel staune ich immer wieder, wie wenig Leute im Wald sind, wenn ich durch den Zürichbergwald gehe. Da liegt auf der einen Seite der Zoo, wo sehr viele Leute hingehen. Manchmal denke ich, für viele Leute ist der Wald ein No-go oder etwas edler gesagt: Terra incognita.

 

Haben Sie das Gefühl, der Mensch verliert den Bezug zur Natur zusehends?

Es ist leicht, ohne Wald zu leben in unserer Welt. Vom Lebensgefühl her, in einer Stadt, kann man gut leben, ohne in den Wald zu gehen, ohne in die Bergen zu gehen, ohne Wandern zu gehen. Es muss alles nicht sein. Die Präsenz der virtuellen Welt hat in den letzten zehn bis zwanzig Jahren enorm zugenommen. Man kann alles auch künstlich haben.

 

Spüren Sie auch Ihres Cellos wegen eine spezielle Beziehung zum Holz, zum Wald?

Streichinstrumente machen auf die Langlebigkeit des Holzes aufmerksam. Bei der Alten Brücke (in Olten Anm. d. Red) hat es zum Teil noch dieselben Brückenpfeiler, wie jene die 1805 eingesetzt wurden. Diese Gelassenheit der Bäume ist etwas, das in irgendeiner Art auf die Stimmung wirkt, man kommt mit einem anderen Zeitbegriff in Berührung.

 

Ein Baum muss nicht nach fünf Jahren ersetzt werden, wie beispielsweise ein Laptop. Jeder, der sein Laptop länger als fünf Jahre hat, wird mit der Tatsache konfrontiert, ein Greisenmodell zu haben. Die Kurzlebigkeit der Technologie von heute ist etwas, was mich immer wieder irritiert. Auch bei Telefongeräten: Ein analoges Wandtelefon hält 50 Jahre, die neuen Kistlein müssen bloss einmal zu Boden fallen. Alle Bäume würden nur lachen über so etwas. Sie würden ihre Kronen schütteln und sagen: «”Jesses Gott, dir heit jo kei Ahnig, dir heit kei Ahnig vom würkliche Läbe.”

 

 

Interessensbindung des Autors


Das Interview mit Franz Hohler wurde im Rahmen der ersten Solothurner Waldtage 2014 von Mitorganisator Yann Schlegel durchgeführt. Schlegel ist ehemaliger Reporter bei Tink.ch und freier Journalist.