Kultur | 10.09.2014

Eine Million Kakerlaken weniger

Überlebende des ruandischen Genozids stehen im Theaterstück von Milo Rau auf der Bühne. Nicht immer ertragen die Schauspieler die Reise in ihre eigene Vergangenheit.
Wenn Menschen als Kakerlaken bezeichnet werden: Die Macht der Propaganda während dem ruandischen Genozid.
Bild: zVg, International Institue of Policital Murder / Daniel Seiffert

Genf, das Radio läuft. Die Frequenz beträgt 98.1 MHz: “Ja, die Kakerlaken haben Gott vergewaltigt und sie würden sogar den Teufel vergewaltigen, wenn er es zulassen würde”, schallt es aus den Kopfhörern. Kakerlaken mag niemand. Doch es sind nicht die kleinen Ungeziefer gemeint, sondern Menschen. Schockierend. Jedes einzelne Wort ist grausam anzuhören: “Die Grausamkeit der Kakerlaken kann nur durch ihre vollständige Auslöschung geheilt werden.”

 

“Hate Radio”

Die Szene ist echt. Wir sitzen zwar in einem Theatersaal, doch die Szene hat sich genau so zugetragen. Vor gerade mal zwanzig Jahren. Der Schweizer Autor und Regisseur Milo Rau bringt das Studio des ruandischen Senders RTLM und das, was dort drin passierte, auf die Bühne. Der Sender, auch bekannt als “Hate Radio”, gilt heute als einer der wichtigsten Katalysatoren für den Völkermord 1994 in Ruanda.

 

“… ihre endgültige Vernichtung”, krächzt die Moderatorin ins Mikrofon. Kurz darauf erklingt ein Riff von Nirvanas Song Rape Me. Gewidmet sei er den Kakerlaken, deklariert Moderator Joseph. Und Bill Clinton. Die rote Lampe erlischt, die junge Valérie lehnt sich zufrieden in ihrem Sessel zurück. Auf ihrer Brust prangt deutlich sichtbar das Abbild Nelson Mandelas. Die Ironie dahinter scheint sie nicht zu verstehen. Ihr Kollege schenkt sich noch ein Bier ein und die Sendung geht weiter, der Hass wird fortgeführt.

 

Ignorierter Völkermord

Während dem Ruandischen Völkermord kamen 1994 knapp eine Million Menschen ums Leben. Viele davon gehörten zur Volksgruppe der Tutsi, abgeschlachtet von der anderen grossen Volksgruppe in diesem Land, den Hutu. Nach rund hundert Tagen sind die Grausamkeiten zu Ende, eine Rebellen-Miliz der Tutsi hatte gesiegt – während die Weltgemeinschaft wegschaute. Namhaften Politikern wie etwa dem damaligen französischen Präsidenten François Mitterand oder dem Friedensnobelpreisträger Kofi Annan wird vorgeworfen, sie hätten einfach weggeschaut.

 

Trotz der Grausamkeiten ging der Völkermord in weiten Teilen an der europäischen Bevölkerung vorbei. Kaum ein Kind erfährt davon in der Schule. Auch die Gedenkfeiern zum zwanzigsten Jahrestag Anfang dieses Jahres fanden kaum Erwähnung in den Medien oder beim Stammtischgespräch.

 

Ihn interessiere vor allem die Tatsache, dass dieser Völkermord so anders als viele andere dieser Art war, erklärt Milo Rau. Noch nie habe es in der Geschichte solch offene Kämpfe zweier Volksgruppen innerhalb eines Staates gegeben. Vielfach seien diese Aggressionen mehr nach aussen gerichtet gewesen.

 

Schauspieler aus Ruanda

Der Weg zur Aufführung von “Hate Radio” war ein steiniger: Dann etwa, wenn der strammstehende Wachmann schon zum zweiten Mal auf der Bühne kollabiert. Oder dann, wenn das Schauspiel beim ruandischen Darsteller zu hart mit der eigenen Vergangenheit kollidiert und dieser den Hut nimmt. Auf der Bühne stehen viele Überlebende des Genozids.

 

In “Hate Radio” schafft es Milo Rau, dem Betrachter auf eine sehr authentische Art und Weise ganz andere Seiten eines Völkermordes aufzuzeigen. Inmitten des Abschlachtens wird moderne Pop-Musik gespielt, gelacht und getrunken. Der Schmerz sticht einen gerade deshalb in den Kopf und ins Herz, weil sich die Moderatoren so richtig fühlen. So, als ob sie in einer guten Mission handeln würden. Den Irrsinn ihrer Produktion nehmen sie nicht wahr. Und das stimmt nachdenklich.