Gesellschaft | 25.09.2014

Die verpasste Emanzipation der Männer

In einer ergreifenden Rede appelierte die Schauspielerin Emma Watson vergangene Woche vor den Vereinten Nationen für Gleichberechtigung. Die Kampagne "He For She" soll jedoch nicht nur Frauen vom gängingen Rollenbild befreien, sondern auch Männer. Dass Männer selbst ein Idealbild zu erfüllen haben, hat Watson richtig erkannt. Doch Männer haben es bisher leider verpasst, sich selbst zu emanzipieren.
Die Männerbewegung sucht derweil all die Jahre vergebens nach ihrem Helden, denn so mutig wie die Frauen war von ihnen keiner.
Bild: zVg / UN-Women, Simon Luethi

Olympe de Gouges wurde 1748 in Frankreich geboren. Im Alter von 45 Jahren wurde sie in Paris an der Guillotine hingerichtet, nachdem sie die “Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin” verfasst hatte. Als Heldin der Frauenbewegung ging sie in die Geschichte ein. Leider war sie nicht die Letzte, die für das Ziel von gesellschaftlicher und politischer Gleichberechtigung der Geschlechter ihr Leben gelassen hat. Die Männerbewegung suchte derweil all die Jahre vergebens nach ihrem Helden, denn so mutig wie die Frauen war von ihnen keiner.

 

Pausenhofsexismus

Wenn man sich als Vertreter des männlichen Geschlechts das gesellschaftliche Idealbild eines Mannes genauer unter die Lupe nimmt, könnte man eigentlich beleidigt sein. Die Stereotypisierung fängt meistens bereits in der Grundschule an, wie durch den weitverbreiteten Pausenhof-Mythos, dass Mädchen stets drei Jahre in ihrer mentalen Entwicklung den Jungen voraus sind. In Wahrheit ist es natürlich so, dass sich Jungen und Mädchen hormonell und geistig total verschieden entwickeln. Doch ob eines der Geschlechter geschwinder ist, lässt sich medizinisch an keinem Indikator festmachen.

 

Dank der Forschung in den Gender Studien ist seit Jahren erwiesen, dass Geschlechter uns antrainiert werden. Frauen sind halt so und Männer sind halt anders. Unbedingt anders, denn bei Männern werden Abweichungen oder gar Annäherungen an das gesellschaftliche Frauenbild als feminin und unmännlich gewertet. Gefühle und Ängste gelten weiterhin als unmännlich, wie auch Emma Watson in ihrer Rede festhielt. “Bei Männern in Grossbritannien zwischen 20 und 29 ist die häufigste Todesursache Selbstmord.”, so Watson.

Die Ursache dafür ist das vorherrschende Männerbild: Männer gelten als triebgesteuert, emotional nicht ausgereift, rücksichtlos. Die handwerklichen Fähigkeiten werden Männern zwar zugeschrieben, aber denken und sprechen, das soll Sache der Frau sein. Nun, es gibt klar Fälle in welchen die Rollenbilder auf einzelne Menschen gut passen, doch für die Allgemeinheit sind sie nicht geschaffen.

 

Die Realität ist eine Andere

Beängstigend ist auch das gesellschaftliche Schönheitsideal. Während der Druck in den letzten Jahren auf Frauen massiv zugenommen hat, lässt sich auch vermehrt eine völlige Reduktion des männlichen Individuums auf äusserliche, sexuell anreizende Merkmale feststellen. In der Werbung und im Showbusiness wird diese Idealisierung seit Jahren aktiv praktiziert: durchtrainierte Arme, breite Schultern, stramme Schenkel. Das Schönheitsideal, welches die Unterhaltungsbranche suggeriert, verzeiht keine Verfehlung. Es sind Models auf Werbeplakaten, die Backgroundtänzer von Popsängerinnen und Schauspieler in Hollywood-Filmen, welche das Idealbild ins Unterbewusstsein eines jeden Mannes platzieren. Viele Frauen selbst sind grosse Fans dieser Idealbilder, ohne sich des Sexismus darin bewusst zu sein. Ein Idealbild, das die wenigsten Männer erfüllen. Zum Glück.

 

Die Realität ist eine andere. Männer sind emotional gleich sensibel wie Frauen, dürfen jedoch weniger zu ihren Gefühlen stehen, weil sie schnell als Weicheier und Memmen abgetan werden. Männer verdienen zwar in einigen Branchen noch immer besser als Frauen, aber die Regel ist es nicht. Trotzdem sollen Männer ihrer Rolle als Ernährer gerecht werden, mit einer Frau als Hauptverdienerin tun wir als Gesellschaft uns immer noch schwer.

Ausserdem werden auch schweizweit tausende Männer jedes Jahr Opfer von häuslicher Gewalt und viele trauen sich aus Scham nicht, Anzeige zu erstatten. Schliesslich sei man ja das starke Geschlecht. Männer selbst werden regelmässig Opfer von Sexismus, so etwa, wenn sie einen Nachtclub betreten wollen und Frauen von den Türstehern vorgezogen werden, weil man gerne eine hohe Frauenquote erfüllt oder wenn Männer für den Wehrdienst ins Militär eingezogen werden. Dies stört indes viele Frauen, die mit erhobener Faust nach Gleichberichtigung verlangen, nicht.

 

Emanzipation abholbereit

In vielen gesellschaftlichen Bereichen sind Männer noch nicht emanzipiert. Daran sind sie selber schuld.  Wenn wir heutzutage bereit sind für Frauen, die sich in Führungspositionen und hohen Ämtern betätigen, wieso sind dann viele Menschen nicht bereit für Männer, die sich der Kindserziehung und dem Haushalt widmen? Damit tun wir uns schwer, auch viele Männer. Wahrscheinlich, weil es nicht in unser patriarchalisches Männerbild passt. Gefragt sind weiterhin ganze Kerle. Beschützer, Ernährer, Krieger. Dagegen können Männer, die weniger verdienen als ihre Ehefrauen, dies nur mit geröteten Wangen zugeben.

 

Die Emanzipation des Mannes beginnt nicht nur mit der Distanzierung vom gängingen Männerbild, sondern auch beim Ablegen des konventionellen Frauenbilds. Dies erkennt die UN-Kampagne “He For She” zwar, jedoch geht der Auftrag an die Frauen, Männer vom Rollenbild genauso zu befreien, nur leise über die Lippen von Emma Watson. Doch wir brauchen auch “She For He”, denn nur eine der beiden Geschlechterrolle allein aufheben, funktioniert nicht. Frauen und Männer müssen sich gegenseitig von dieser Last befreien. Denn während Gleichberechtiung auf dem Papier bereits besteht, muss sich das Prinzip der Gleichheit erst noch in den Köpfen jedes und jeder Einzelnen etablieren. Damit wir endlich anfangen auch danach zu handeln.

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