Kultur | 18.09.2014

“Die Schweizermeisterschaft ist eigentlich mehr ein Klassentreffen”

Vergangenes Wochenende stand Basel ganz im Zeichen des Poetry Slams. Zum ersten Mal richtete die Kulturstadt die Schweizermeisterschaften aus. Slammer und Titelverteidiger der Königsklasse Team-Slam Valerio Moser über Non-Sense-Texte, Konkurrenzkampf und warum er einer Bekannten eine Tafel Schokolade schuldet.
"Wir Menschen sind dumm, dumm, dumm." Zitat aus Valerio Mosers Team-Slam.

Dieses Jahr holte das Team Interrobang, bestehend aus den Slammern Manuel Diener und Valerio Moser, zum zweiten Mal den Titel an der Schweizermeisterschaft des Poetry-Slams. Tink.ch traf die eine Hälfte des Teams, den 25-jährigen Valerio, bereits vor der Eröffnungsfeier zum Interview.

 

 

Trinkst du eigentlich gerne Whiskey?

(lacht) Ja, tatsächlich mittlerweile ganz gerne. Ich trinke nicht viel Alkohol und bin auch nie ein Biertrinker gewesen. Durch das Slammen bin ich ein genussvoller Whiskeytrinker geworden. Zwar nicht in grossen Massen, aber ein Schluck Whiskey auf der Slambühne gehört irgendwie dazu.

 

Woher kommt es eigentlich, dass es diesen Symbolpreis, den Whiskey, für den Slam-Gewinner gibt?

So wie ich Poetry Slam verstehe, ist der Wettbewerb eigentlich völlig egal. Auch für die Slampoeten. Im Backstage sind wir alle gute Freunde. Der Preis ist eigentlich nur da, um das Publikum auch mit einzubeziehen: Man kann abstimmen und es entsteht eine gewisse Spannung, da die Leute mit ihrem Favoriten mitfiebern. Und da ist eben der Whiskey ideal: Den öffnet man dann am Abend auf der Bühne und nimmt meistens eine leere Flasche mit nach Hause. Es ist kein Preis, an dem man sich bereichern könnte. Und das finde ich eigentlich auch schön am Charakter vom Slam.

 

Wenn sich Backstage die Poeten untereinander gut verstehen, wie ist das dann bei einer Schweizermeisterschaft? Gibt es da keinen Konkurrenzkampf?

Ich denke, für die Schweizermeisterschaften ist das natürlich etwas anders. Da geht es für viele um mehr als sonst. Aber es ist auch nicht so, dass jemand mit dem Titel «Schweizermeister oder -meisterin« ein ganzes Jahr herum posaunt und deshalb alle neidisch sind. Die Schweizermeisterschaft ist eigentlich mehr ein Klassentreffen, an dem alle Slampoeten mal am gleichen Ort sind und eine gute Zeit zusammen haben.

 

Hat man eigentlich Fans, wenn man slamt?

(lacht) Ich hatte immer das Gefühl, Poetry Slam ist eine anonyme Plattform. Man geht auf die Bühne, trägt in sechs Minuten seine Texte vor, geht ab und am nächsten Tag erinnert sich niemand. Aber im letzten Jahr musste ich feststellen, dass es doch Leute gibt, die sehr gerne an Slams gehen, die sich die Namen merken und einen auch wiedererkennen. Ich bin tatsächlich auf Leute gestossen, die wussten, wer ich bin. Eine Praktikantin, die mit mir in Langenthal gearbeitet hat, erzählte mir zum Beispiel, sie habe ihren Freunden gesagt, wo sie neuerdings arbeite. Die Reaktion darauf war: «Dort arbeitet doch Valerio Moser, der Slam Poet!« Das hab ich verrückt gefunden.

 

Wie viel Persönliches gibst du in deinen Texten Preis?

52,9 Prozent. Ich weiss es nicht. Ich versuche schon, Themen zu behandeln, die mich interessieren, die mir nahe sind und mich beschäftigen. Von dem her ist ein grosser Teil persönlich, aber es ist nicht so, dass das mein Privatleben offen legt. Dort habe ich schon eine Grenze. Es wird nicht privat-persönlich, es kommen eher meine Position und Gedanken zu gesellschaftlichen Themen in die Texte rein.

 

Was war der schlimmste Auftritt, den du je hattest?

Es gibt Auftritte, bei denen man die Zielgruppe völlig verfehlt. Wenn ich zum Beispiel vor Jugendlichen auftrete, die noch nicht den Zugang zu einem gewissen Thema haben: Das kann zwar eine spannende Reibung erzeugen, aber es kann auch in die Hose gehen.

Ich habe sehr viel Gefallen daran gefunden, bewusst zu scheitern. Auf die Bühne zu gehen, eigentlich mit der Motivation, nur Verwirrung zu hinterlassen. Ich habe zum Beispiel Texte mit zufälligen Wörtern in beliebiger Reihenfolge verfasst. Auf der Bühne habe ich dann aber nicht angesagt, was für ein Text jetzt kommt. Man scheitert vielleicht aus der Sicht vom Publikum, aber für sich selber hat man trotzdem einen spannenden Effekt erzeugt. Das klingt jetzt sehr lyrisch, aber es ist in Wirklichkeit non-sense.

 

Wie bist du zum Slammen gekommen?

Ich bin sozusagen von einer Bekannten dazu gezwungen worden, Sie hat einen Poetry Slam veranstaltet und wusste, dass ich schreibe. Da hat sie mich einfach ins Line-up genommen und gesagt: «Valerio, du machst da mit!« Da hatte ich keine Wahl mehr.

 

Was hat die Freundin zum Dank dafür bekommen, dass sie dich zu so einer Leidenschaft gebracht hat?

Nichts. (lacht) Ich bin ja gezwungen worden. Ich glaube, sie weiss es nicht einmal, dass ich das immer so erzähle, wenn ich danach gefragt werde. Es ist jetzt auch nicht so, dass wir einen engen Kontakt hätten, sie hat mich einfach als Bekannte an diese Slam-Veranstaltung eingeladen. Aber vielleicht schicke ich ihr mal Schöggeli. Das ist eine sehr gute Idee!

 

2013 hast du im Team den Meistertitel geholt: Wie darf man sich als Unwissender eine Team-Perfomance vorstellen?

In der Szene nennt man den Team-Slam auch die Königskategorie, da es herausfordernd ist, im Team zu slammen und natürlich auch viel mehr Dynamik drin hat. Man kann wie beim Rap Sachen dopplen, man kann Texte hin und her geben oder es kann sein, dass der eine den Rhythmus macht und der andere darüber groovt. Es bietet also viel mehr Möglichkeiten. Das heisst aber gleichzeitig, dass der Text gut ausgearbeitet sein muss, weil man miteinander agieren muss.

 

Ist es nicht schwieriger, gemeinsam einen Text zu schreiben?

Man muss wirklich jemanden finden, mit dem man zusammen arbeiten kann. Manuel und ich haben uns gefunden, und das mit dem zusammen Schreiben funktioniert zum Glück gut. Aber wir mussten auch zuerst rausfinden, wie wir zusammen funktionieren können. Ich glaube, jedes Team schreibt seine Texte anders.

 

Was machst du als erstes, wenn du den Titel gewinnst?

Zuerst einmal lachen. Sehr freundlich lachen. Nein, ich weiss es nicht. Vermutlich werde ich meinen Manager anrufen, er soll den Backstagebereich, den ich natürlich bereits reserviert habe, herrichten und meine Champagnerflasche, die ich ebenfalls schon vorbestellt habe, öffnen. (lacht) Nein, wie gesagt, es ändert nicht viel. Ich würde sicherlich den Abend feiern, aber das werde ich so oder so machen.

 

Zur Person


Valerio Moser ist 25 Jahre alt und slamt bereits seit sieben Jahren. Er kommt ursprünglich aus Langenthal und organisiert dort, gemeinsam mit fleissigen Mitorganisierenden, auch seinen eigenen «Chrämerslam«. 2011 wurde er zudem für das Projekt Slammobil mit dem Kulturpreis der Stadt Langenthal ausgezeichnet.