Gesellschaft | 20.09.2014

Der Ich-bin-vielleicht-doch-blöd-Verein

Media Markt - ein roter Irrgarten, in dem unsere Reporterin Sofiya Miroshnyk Tintenpatronen sucht. Sie findet Kopfhörer, Rotkäppchen und Staubsaugerdinosaurier.
Der moderne Irrgarten findet sich nicht mehr im Schlossgarten des Königs sondern im Media Markt.
Bild: zVg / flickr, Media-Saturn Holding GmbH

Sorglos spaziere ich herein. Erhobenen Hauptes, mutig, zielbewusst. Zuversichtlich und entschlossen, Tintenpatronen zu kaufen. Das Ziel ist fixiert. Um keinen Preis ablenken lassen. Um keinen Preis ablenken lassen. Um keinen Preis… – “Ach! Was für tolle Kopfhörer!” Und nur neunundzwanzigfünfundneunzig!

 

“Wie Jubiläumsangebot ist denn das!”

Der riesige Garten erstrahlt in Signalrot. Eine seltsame Landschaft: Kopfhörer wachsen die Wände empor, Stabmixer-Rosen reihen sich aneinander, ein Wurzelgeflecht aus Kabeln zieht sich durch den ganzen Garten.  Rasen- und Beinmäher sind hier zu finden. Ein Baby-Rennauto hat mitten im Weg parkiert. Die Beleuchtung trägt dazu bei, dass manch einer sich wie im Treibhaus fühlt. Schweisstropfen auf Stirn und Nase verdeutlichen diese Empfindung.

 

Wieder einer, der sich bei den Batterien verlaufen hat. Oder macht er eine Rastpause? Dieser Irrgarten kann einen schon fertig machen. Doch gerade als man aufgeben will – siehe da: Ein Gartentopf gefüllt mit Massagegeräten. Massagegeräte zum Abnehmen- wie toll! Vergesst den schweisstreibenden, anstrengenden Sport! Vergesst die grausamen Diäten! Hier ist die Sensation: “Der Gerät” ist seit heute im Angebot, was bedeutet, dass er zehn Franken günstiger ist, als er gestern war. Was wiederrum bedeutet, dass heute wohl zehnmal mehr Geräte verkauft werden, als gestern.

“Wie Jubiläumsangebot ist denn das!” – wäre dies eine Frage, würde ich sagen “ziemlich”.  Ist es aber nicht.

 

Fünf Rappen

Neunundzwanzigfünfundneunzig. Weil sie für 30 Franken keiner kaufen würde? Ich frage mich (leise), wie viel Geld dem Laden wohl durch die Lappen geht – der fünf Rappen wegen. Ich hätte mich leiser fragen sollen, denn nun werde ich von allen Seiten her angestarrt. Zum Glück kenne ich eines der Rotkäppchen im Irrgarten. Ich fliehe zu ihr rüber und beginne, sie auszuquetschen. Nicht wortwörtlich, versteht sich. Durch eine anonyme Quelle erfahre ich, dass der Umsatz in diesem bestimmten Laden 60-˜000 bis 70-˜000 Franken am Tag beträgt. Vor Weihnachten sogar rund 250-˜000 Franken pro Tag. Und es ist vor Weihnachten, sonst müssten die Zwerge (ZWERG= Zuvorkommend, Wissend, Eifrig, Raffiniert, Gebadet) keine Käppchen tragen.

 

Annahme: Bei einem durchschnittlichen Preis pro Artikel von 20 Franken würde das bedeuten, dass der Media Markt uns 625 Schweizer Franken schenkt, weil er auf die fünf Rappen verzichtet.  An einem Tag. (Zum Mitrechnen: 250’000 durch 20 CHF= 12’500 Artikel ; 12’500 mal 5 Rappen= 62’500 Rappen; 62’500 durch 100= 625 CHF)

Ich schlucke leer und verspreche mir selbst, nie mehr einer Verkäuferin zu sagen: “Neunundzwanzigfünfundneunzig? Also dreissig Franken…”

 

Mit Saugkraftverlust

Während ich in Gedanken bei den tollen Kopfhörern hängengeblieben bin (türkisfarben mit dunkelbraun von Sony), stelle ich auf einmal fest, dass ich mich bei den Batterien verlaufen habe. Bevor ich weiterirre, schau ich mich nach einem weiteren Rotkäppchen um.

 

Am Ende der Batterien, dort wo die Staubsaugerdinosaurier zu finden sind, ist ein Rotkäppchen in ein Gespräch mit einem Kunden verwickelt. Ich nutze die Gelegenheit, um das Verkaufsgespräch mitzulauschen, bevor ich nach dem Weg frage. Das Rotkäppchen scheint den Wunsch des Kunden erkannt zu haben, doch dieser schaut zu seiner Rechten auf den Boden.  Ist es zu teuer? Es folgt ein Kratzen an der linken Schläfe und letztendlich der hastige Griff zum Billigprodukt. Autsch. Dem teuren Staubsauger ohne Saugkraftverlust ist der Entscheid wohl ein Dorn im Auge. Aber ich versteh schon. Schliesslich möchte der Herr bald wieder kommen, wenn das Teil kaputt ist und der Reparaturversand nach China teurer, als das (der) neue Gerät. Wiederkommen wollen die Besucher auch, um einen Blick auf die Neuheiten zu erhaschen. Vielleicht auch, um sich den Besuch in der Sauna zu sparen.

 

Mittlerweile hab ich die Tintenpatronen gefunden (davor hab ich mich daran zurückerinnert, dass ich der Patronen wegen überhaupt gekommen bin) und stehe vor dem Blumentopf, der meine wunderschönen Kopfhörer enthält. Seltsamerweise habe ich den einzigen Flecken im Irrgarten erwischt, an dem es zieht. Ich nehme den Schauer, der meinen Rücken durchzieht, persönlich, und entschliesse mich gegen die neuen Kopfhörer. Stattdessen suche ich im Internet nach einer Anleitung, wie ich die Alten reparieren kann. Wer weiss – vielleicht ist auch das eine Ausrede, wiederzukommen, um zu sehen, was es Neues gibt. Vielleicht aber, bin ich mittlerweile zu müde und genervt von der roten Landschaft.

 


 

Bildnachweis: flickr / Media-Saturn-Holding GmbH