Gesellschaft | 26.09.2014

Bayrische Hassliebe

Man liebt es oder man hasst es: Das Oktoberfest in München zieht jährlich Millionen von Besuchern in seinen Bann. Andere können den Hype nicht verstehen und möchten mit dem ganzen Trubel nichts zu tun haben. Wer die nächsten 16 Tage einen Trip in die bayerische Landeshauptstadt plant, sollte unbedingt auf ein paar Insidertipps vertrauen - was den Besuch des Oktoberfests betrifft und wie man sich dem ganzen Aufruhr für ein paar Stunden entziehen kann.
So zünftig wie in der Ochsenbraterei geht es in jedem grösseren Zelt auf der Münchner Wiesn zu.
Bild: Maximilian Hofmann

Am Samstag um Punkt zwölf Uhr war es wieder soweit und es hiess wie jedes Jahr: «O’zapft is (hochdeutsch: «Es ist angezapft!«). Mit diesen Worten eröffnet der Münchner Oberbürgermeister jährlich das Oktoberfest (bayerisch: Wiesn) auf der Theresienwiese, indem er der Tradition nach im Schottenhamel-Festzelt das erste Bierfass ansticht. Ab dann herrscht drei Wochen lang der Ausnahmezustand in München: Die bayerische Reinkultur wird von etwa 6,5 Millionen Besuchern ausgelassen gefeiert – mit viel Bier, besten Schmankerln (hochdeutsch: Delikatessen), Blasmusik und knapp 200 traditionellen und modernen Schaustellerbetrieben.

 

Dass das Oktoberfest auch bei den Schweizerinnen und Schweizern beliebt ist, zeigen nicht nur die jährlich unzähligen Eidgenossen-Pilger zur Münchner Wiesn: Selbst in Zürich findet sich ein relativ erfolgreicher Ableger – nicht, dass er dem Original gefährlich werden könnte. Die schiere Grösse und die gelebte Tradition des Münchner Unikums sind bis heute unerreicht. Für diejenigen, die sich dem ganz eigenen Zauber des grössten Volksfestes der Welt hingeben wollen, bekommen hier die wichtigsten Insider-Tipps, damit der Besuch kein Reinfall wird:

 

Hut ab? Hut auf!

Die Tracht hat in den letzten Jahren ein beispielloses Revival erfahren. Egal ob Jung oder Alt, ob von nah oder fern, jeder trägt wieder Dirndl oder Lederhose. Komplettpakete für schicke Madln und fesche Buam (hochdeutsch: Mädchen und Jungen) gibt es vor Ort meist schon für knapp 200 Euro. Wem das allerdings zu teuer ist, kann sich auch lediglich mit ausgewählten Accessoires schmücken: Halstuch, Hut und vieles mehr sind erschwinglich und oft authentischer, als sich gezwungenermassen in ein Outfit zu werfen, in dem man sich offensichtlich nicht wohl fühlt. Gesagt werden muss aber auch: Bayerische Tracht steht (fast) jedem.

 

Tipp: Die Auswahl der richtigen Tracht ist oft eine Gradwanderung: nicht zu kitschig, nicht zu kurz. No-Go: Tracht und Turnschuhe.

 

Morgenstund-˜ hat Gold im Mund

Was selbst viele Einheimische nicht wissen: Auf der Wiesn lässt es sich herrlich frühstücken. Allen voran die kleinen Festzelte bieten das an. Von Bodos Café-Zelt bis Café Mohrenkopf, von süss bis herzhaft ist für jeden etwas dabei. Dabei sollte man ein wenig Hunger für das klassische «Münchner Weisswurstfrühstück« in einem der grossen Festzelte nebst der ersten Mass aufsparen.

 

Geheimtipp: Café Kaiserschmarrn, Frühstück ab neun Uhr morgens.

 

Nur das Wichtigste am Mann/an der Frau

Regel Nummer 1: Immer genügend Bargeld dabei haben. Ein Wiesn-Tag kann länger werden als geplant und bei Masspreisen (Mass = 1 Liter Bier) von teilweise über zehn Euro summieren sich die Ausgaben schnell auf. Geldautomaten gibt es zwar an jeder Ecke, jedoch muss man hier erfahrungsgemäss sehr lange anstehen. Wie auf allen grossen Veranstaltungen sind auch auf dem Oktoberfest Langfinger unterwegs und warten nur darauf, bis sie sich bei den ersten Betrunkenen bedienen können – deshalb: Portemonnaie immer eng am Körper tragen.

 

Tipp: Nur das mitnehmen, was man für den Tag wirklich braucht: Bargeld, Ausweis, Natel, Kopfschmerztabletten.

 

Die naive Illusion

Für alle Langschläfer und Morgenmuffel ohne eine begehrte Tischreservierung: vergesst den Zeltbesuch auf der Wiesn am Wochenende. An Sams- und Sonntagen stehen sich die Menschenmassen schon ab halb sechs Uhr morgens vor den Zelten die Beine in den Bauch und warten auf den Einlass, sodass die meisten Zelte schon kurz nach Öffnungsbeginn um zehn Uhr wegen Überfüllung geschlossen werden müssen. An Fahrgeschäften und Buden sieht es da nicht viel besser aus: Lange Wartezeiten für ein paar Minuten Spass. Deshalb lohnt ein Besuch vor allem von Montag bis Donnerstag. Das ist wesentlich entspannter, die Zelte sind vormittags nicht überfüllt, man muss sich nicht durch Menschenmassen kämpfen, und es lässt sich mehr erkunden.

 

Tipp: Der Dienstag schont den Geldbeutel. Zahlreiche Stände, Fahrgeschäfte und Schausteller bieten vormittags und nachmittags Sonderkonditionen für Kinder und Familien. Zahlreiche Apps rund um die Wiesn informieren zudem in Echtzeit, wo man wann noch einen Platz findet.

 

Für jeden das Richtige

Für viele Besucher die wichtigste Frage: Welches Zelt ist das richtige für mich? Bei 14 grossen und 21 kleinen Zelten kann man auch mal schnell den Überblick verlieren. Während die kleinen Zelte zu einer Verschnaufpause einladen, herrscht in den grossen Zelten eine ausgelassene Stimmung. Vor allem für junge Leute empfehlenswert sind die unter Einheimischen beliebten Zelte Hacker, Bräurosl, Schützen und Schottenhamel. Hier ist ganztägige Partystimmung vorprogrammiert. Tagsüber etwas ruhiger geht es beispielsweise im Augustiner-Festzelt, in der Ochsenbraterei oder dem Armbrustschützen-Zelt zu. Ganz neu ist der Marstall, der nach 30 Jahren das Hippodrom-Festzelt ersetzt und sicherlich auch ein Besuch wert ist. Bei schönem Wetter bietet es sich zudem an, sich einen Platz in den Biergärten rund um die Festzelte zu sichern.

 

Tipp für die Unerschütterlichen: Wer nach 23 Uhr noch nicht genug hat, kann im Weinzelt und in Käfers Wiesnschänke bis ein Uhr nachts weiterfeiern, denn diese sind von der allgemeinen Sperrstunde ausgenommen. Immer populärer werden auch die After-Wiesn-Partys in vielen Münchner Nachtclubs – einfach immer den jungen Leuten in Tracht hinterher.

 

So jung – und schon ein Klassiker

Seit 2010 fester Bestandteil des Oktoberfests ist die Oide Wiesn (hochdeutsch: Altes Oktoberfest). Wer in die Vergangenheit eintauchen und dem ganzen Trubel etwas entkommen möchte, sollte sich auf das 3,5 Hektar grosse Areal auf dem Südteil der Festwiese begeben.  Dort findet man das Oktoberfest so vor, wie es früher einmal war. Gemütlich und zünftig geht es hier zu, mit historischen Fahrgeschäften, Festzelten und anderen Attraktionen. Der Eintritt beträgt drei Euro.

 

Tipp: Auf der Oidn Wiesn bieten den Münchner Brauereien ein gemeinsam gebrautes, dunkles Spezialbier an, das nach einer historischen Rezeptur vom Beginn des 19. Jahrhunderts an hergestellt wurde.

 

Ausflucht

Auch die hartgesottensten Fans wünschen sich nach einem ausgiebigen Wiesn-Besuch etwas Ruhe. Ganz abgesehen von denen, die hoffen, der Spuk nähme so schnell wie möglich wieder ein Ende. Man kann dem Wahnsinn in der Stadt nur schlecht entkommen: Trachten-Fetischisten bevölkern die ganze Stadt, die Schaufenster sind bis ins letzte Eck mit bayerischem Schnickschnack ausgeschmückt und aus sämtlichen Lautsprechern tönen die aktuellsten Wiesn-Schlager. Die besten Rückzugsorte sind da Hallenbäder, Museen, Theater oder Konzerte. Nicht, dass die Oktoberfest-Jünger Kulturbanausen wären – aber in den kommenden 16 Tagen haben sie sicher anderes als das im Sinn.