Kultur | 01.08.2014

Zwischen den Baggern tanzen

Text von Martin Sigrist | Bilder von Martin Sigrist
Jedes Jahr versammeln sich zwischen Berlin und Leipzig die Elektrofans umgeben von gigantischen Baumaschinen aus Zeiten der Kohlgräberstimmung zum Melt Festival - dieses Jahr mit weniger musikalischem Gigantismus.
Zwischen Baumaschienen aus Zeiten des Kohleabbaus treffen sich Hipster und wahre Elektrokenner am Melt Festival.
Bild: Martin Sigrist

Die aufwändig beleuchteten Kräne als Relikte des Tagebaus vermögen jedes Jahr aufs Neue Hipster und dergleichen zu begeistern. Die gigantischen Gerätemassen lassen erahnen, dass da wo heute Menschenwogen tanzen und sich Badenixen im See abkühlen, bis in die 1980er Jahre Kohle aus dem Boden gegraben wurde. Leider wachsen zwischen den Bühnen immer weitere Aktivitäten wie Karaokecontainer, Rodeoreiten und zahlreiche DJs nahe des Ballerman-Stils, so dass für Momente Zweifel aufkommen, ob hier wirklich das hipste Festival Deutschlands sei. Ob den Ballonen und viel Glitzer wird dennoch dick die aktuellste Party- und Hipstermode aufgetragen. Hier kommt sich, wie so oft im Leben, Hip und Flopp sehr nahe. Der ewige Streitpunkt bleibt ungeklärt, was das Melt eigentlich ist: Ein abgelatschtes Schaulaufen der Hipster oder ein Stelldichein der wahren Elektrokenner.

 

Sauhitze

Bei vielen Graden über 30 schwitzte es sich am Melt heuer besonders gut und dies bis tief in die langen Morgenstunden. Denn das Programm endete, dank des «Sleepless Floor«, erst Montag-Mittag. Zum Glück gab es neu in diesem Jahr auf dem Zelt- und Konzertgelände vereinzelte Trinkwasserstellen, wo kostenlos der körperliche Wasserhaushalt aufgetankt werden konnte. Und der geflutete See lud zum Baden und somit zur Abkühlung ein. Doch auch hier war schnell klar, dass dies nicht immer eine Festivaloase war. Vereinzelte Kohlereste blieben nämlich im See und somit am Körper haften.

 

Weniger eng

Mit 20’000 Besuchern war das Festival gemäss den Veranstaltern erneut ausverkauft, was sich aber im Vergleich zu den vergangenen Jahren freier anfühlte. Ebenfalls fiel dies bei der Platzwahl auf. Denn selbst bei den spärlichen Hauptacts konnte man noch spät einen guten Platz ergattern. In dieser Hinsicht scheinen die Menschen hier sehr entspannt zu sein.

Einzige Ausnahme: die kleinen Bühnen der DJs sowie das Zirkuszelt, welches leider nur zwei kleine Eingänge hatte. Dies erschwerte den Durchgang von Mensch und Luft.

 

Weniger von der Insel

Unter den Besuchenden waren schon länger weniger Deutsche, insbesondere da sich jene aus dem Umland wohl die Preise nicht leisten können. Die wirklich alternativen deutschen Hauptstädter entschieden sich heuer öfters für das Tension Festivals, den kleinen Ableger der Fusion. Dafür wurden die flugzeugweise angereisten Briten mittlerweile durch Niederländer abgelöst.

 

Weniger Mainacts

Das weniger hochkarätige Line-Up, insbesondere gegenüber dem letzten Jahr, konnte möglicherweise die lockeren Reihen vor der Hauptbühne erklären. Es waren tatsächlich unter den 130 Acts weniger die grossen Namen an Bands als vielmehr DJs und ein paar interessante Kooperationen, welche das Festival interessant machten. Wobei das Lineup der DJs die Tanzwütigen viel mehr zu begeistern vermochte als klassische Konzerte. Hier scheint das Melt eine Lücke in der Festivallandschaft gefunden und geschlossen zu haben.

 

Besonders aufgefallen waren unter den Bands etwa Röyksopp feat. Robyn, obwohl meist getrennt auf der Bühne, dafür konnte Robyn mit den ersten neuen Songs gänzlich überzeugen; daneben Daniel Avery zusammen mit Erol Alkan sowie das Bandprojekt Darkside von Nicolas Jaar und Dave Harrington, welche mit ihrem düsteren Emo-Elektro ein nicht mehr ganz geheimes Glanzstück des Festivals boten.

 

Die Lokalmatadoren Moderat waren da und vermochten mit ihrem Lounge-Elektro die Ränge vor der Hauptbühne als fast einziges Mal vollständig zu füllen. Portishead waren ohne neues Material mal wieder auf Festivaltour und bewiesen damit, noch immer auf der Höhe der Zeit zu sein, trotz der Patina, die Triphop eigentlich schon angesetzt hat. Die wahren Entdeckungen bleib das Festival dieses Jahr leider im Vergleich zu vergangenen Jahren schuldig, wo spontanes Umherstreifen zahlreiche Juwelen entdecken liess.

 

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