Gesellschaft | 05.08.2014

Von Gaza bis auf die Philippinen

Text von Benjamin Schlegel | Bilder von Benjamin Schlegel
Einmal mit dem Aussenminister oder Entwicklungsminister Deutschlands auf Reisen zu gehen, davon träumen viele. Für Raphael Hünerfauth ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Er war ein Jahr lang als Volontär mit fünf Berufskollegen offizieller Fotograf einiger Bundesministerien.
Raphael Hünerfauth begleitete ein Jahr lang deutsche Bundesminister als Fotograf.
Bild: Benjamin Schlegel

Raphael Hünerfauth ist Fotograf. Der Schweizer hat ein Volontariat bei der Fotoagentur photothek.net in Berlin gemacht, die für einige Bundesministerien arbeitet. Zurzeit fotografiert er auf verschiedenen Events wie dem Bodenseecamp oder auf Hochzeiten. Der 29-Jährige pendelt zwischen Berlin und der Schweiz.

 

Tink.ch: Wie bist du zum Fotografieren gekommen?

Raphael Hünerfauth: Als Kind habe ich eine kleine analoge Kamera bekommen. Mit dieser Kamera habe ich jeweils während den Ferien fotografiert. Jedoch wurde mir die Bildentwicklung schnell zu teuer. Aus diesem Grund habe ich mir eine digitale Kamera gekauft. Später bin ich dann über die Schule zum Jugendmagazin youthguide.ch gekommen, dem Vorgänger von Tink.ch. 2010 kam ich nach Berlin. Dort habe ich viele Kontakte geknüpft. Die Fotoagentur photothek.net hat mich irgendwann angefragt, ob ich ein Volontariat bei ihnen machen will.

 

Du hast während deiner Zeit als Volontär viele Reisen mit Ministern gemacht. Welche war deine Interessanteste?

Die dreitägige Reise nach Israel, Westjordanland und Gaza-Stadt war sehr eindrücklich. Eine sechs Meter hohe Mauer umgibt Gaza-Stadt und dahinter befinden sich Eselswagen mit mageren Eseln. Aber auch die Leute in Israel haben es nicht einfach. Eine andere interessante Reise führte zum G20-Gipfel mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Aussenminister Guido Westerwelle in St. Petersburg. Dort war es jedoch wegen dem strengen Hausrecht kaum möglich, Bilder zu schiessen.

 

Welche Minister waren angenehm und welche unangenehm?

Ich möchte keine Namen nennen. Bei den Reisen mit dem Entwicklungsministerium hatten wir jedoch immer mehr Zeit als mit dem Aussenministerium. Der Zeitplan war nicht so vollgepackt und wir konnten auch die Kultur des Landes kennenlernen.

 

In wie vielen Ländern warst du, und gab es dabei Schwerpunkte?

Ich habe etwa zwanzig Länder bereist, wobei es Länder in Europa und dem Osten waren. Ich durfte als Volontär nur in den Osten reisen, da diese Länder Deutschland zeitlich voraus sind. So ist es in Deutschland erst Mittag, wenn es in den Philippinen bereits Abend ist. So blieb mir mehr Zeit, die Bilder zu schicken. Beim Einstieg in den Flieger habe ich immer die Uhr umgestellt und während der Reise versucht, nicht in der europäischen Zeit zu denken. Als wir auf die Philippinen geflogen sind, haben wir um neun Uhr im Flieger gefrühstückt und sind dann schlafen gegangen. Um sieben Uhr sind wir dort angekommen, haben im Hotel geduscht und waren eine Stunde später bereits unterwegs.

 

Wie hast du die Fotos nach Deutschland geschickt, wenn es kein Internet im Hotel gab?

Zum Teil habe ich die Bilder über WLAN in den Ministerien oder Konferenzräumen, teilweise über das Handynetz geschickt oder einen Verbindungsbeamten gefragt, ob er meine Bilder verschicken könne. Wir hatten auch ein Satellitentelefon.

 

Wie hast du dich nach deiner letzten Reise gefühlt?

Ich wusste nie, dass die Reise nach St. Petersburg meine letzte Reise war. Während meiner zweiten Hälfte im Volontariat arbeitete ich im Büro in Berlin.

 

Was war dein grösstes Highlight während der Zeit bei photothek.net?

Ein Porträt über einen Berliner Polizisten auf der Seite Drei in der Süddeutschen Zeitung, oder das eineinhalb  Seiten grosse Bild im Spiegel von Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Aber auch, als die Bildredaktion der Tagesschau Porträts in einem bestimmten optischen Look brauchte und eines meiner Bilder als Vorlage bezeichnete.

 

Was unterscheidet die kleine Fotoagentur photothek.net von grossen Agenturen wie Reuters, dpa oder Keystone?

Photothek.net ist nicht im tagesaktuellen Geschäft tätig. Die Bilddatenbank soll schöne, saubere Fotos, die langfristig nutzbar sind, beinhalten. Dadurch haben die Fotografen auch weniger Zeitdruck. Früher war es mein Traum, bei einer grossen Fotoagentur zu arbeiten. Das tagesaktuelle schnelle Schaffen ist jedoch nicht meine Stärke.

 

Für wen würdest du gerne arbeiten?

Für den amerikanischen Präsidenten würde ich gerne fotografieren. Die Amerikaner haben ein anderes Bewusstsein für Bilder und den Umgang mit Fotografen. Bei der Zusammenarbeit gibt es weniger Hürden. Die amerikanischen Minister werden von einem etwa fünfköpfigen Team begleitet, darunter auch ein Kameramann.

 

Wenn es Unterschiede zwischen Ländern gibt – wie ist es zwischen Deutschland und der Schweiz?

Die Schweizer sind zurückhaltender, man muss zuerst an sie herankommen, um ein gutes Bild zu schiessen. Also genau das Gegenteil von Amerika. Deutschland liegt irgendwo dazwischen.

 

Was macht ein gutes Bild aus?

Ein gutes Bild spricht an, löst Emotionen aus, überrascht. Weniger die technische Perfektion ist wichtig, sondern das Optische an sich.

 

Was würdest du jungen Fotobegeisterten mit auf den Weg geben?

Es gibt so viele Bilder wie noch nie, fast jedes Gerät hat eine Kamera drin. Wichtig ist, ein Bewusstsein für schöne Fotos zu entwickeln. Und das Wichtigste: Spass am Fotografieren zu haben.

 

Interview vom Bodenseecamp


Dieses Interview ist in einem Workshop während dem Bodenseecamp entstanden. Im Bodenseecamp erlernen Jugendliche aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gemeinsam mit anderen Medieninteressierten die Basics des Medienhandwerks in Form von vielfältigen Workshops. Mehr Interviews findest du unter www.bodenseecamp.org.