Kultur | 12.08.2014

Von Begegnungen und Illusionen

Text von Milena Wiget | Bilder von Milena Wiget
Mann begegnet schöner Frau und spricht sie an. Was nach dem Beginn einer seichten Liebesgeschichte klingt, ist alles andere als das. Emmanuel Boves Erzählungen im Werk "Begegnung" haben eines gemeinsam: Sie handeln von Begegnungen, die grosse Träume hervorrufen und sich in der Wirklichkeit meist als leere Hoffnungen entpuppen.-¨
Auch für Daheimgebliebene bestens geeignet: Kurzgeschichten von Emmanuel Bove.
Bild: Milena Wiget

Sommerzeit, Ferienzeit. Es ist die Zeit, wo viele Menschen sich auf eine Reise begeben, die ihnen bestenfalls neue Horizonte und Erkenntnisse eröffnet. Die Lektüre eines guten Buches kann dasselbe ebenfalls bewirken – und dies unabhängig von Zeit und Ort.

Beispielhaft dafür sind die Erzählungen des französischen Schriftstellers Emmanuel Bove, vereint in einem Buch mit dem Titel Begegnung. Seine darin enthaltenen 24 Kurzgeschichten entstanden zwischen den Jahren 1929 und 1945. Ihre Gültigkeit haben sie jedoch keinesfalls verloren, denn Bove versteht es Situationen zu beschreiben, die viele von uns auch heutzutage noch durchleben.

 

Illusionäre Beziehungen

Der einsame Junggeselle Max erblickt Madeleine auf der Strasse in Paris, mitten in einer Menschenmenge. Madeleine zieht ihn dermassen in ihren Bann, dass er ihr folgen muss. Ein starkes Gefühl drängt ihn dazu, sie anzusprechen. Der Anfang einer grossen Liebesgeschichte? Weit gefehlt. Vielmehr ist es der Anfang einer Beziehung, deren Realität sich nach und nach als trügerisch erweist: “Ich glaubte, Sie zu kennen, und muss nun feststellen, dass Sie mir ein Fremder sind.”-¨ – “Was habe ich denn getan?” – -¨”Nichts. Nichts haben Sie getan. Alles hat sich in mir abgespielt.” Illusion ist denn auch der passende Titel für diese Kurzgeschichte Boves.

 

Gesellschaftskritischer Unterton

Dann und wann übt Bove auch Gesellschaftskritik. Eine weitere Kurzgeschichte mit dem Titel Eine Kränkung handelt vom Sohn eines berühmten Generals, dessen Herkunft vor allem in seinem Berufsalltag immer wieder Thema ist. Die Geschichte zeigt auf, wie seine Mitmenschen aufgrund dieser Tatsache mit ihm umgehen: heuchlerisch. Und doch sei der Mensch im Grunde träge und nur selten darauf aus, dort näher hinzuschauen, wo er zu weiterem Denken genötigt sein könnte, bemerkt der Protagonist.

 

Die Kraft der Worte

Emmanuel Bove gelingt es mit seiner subtilen Erzählweise eine dichte und gar berührende Atmosphäre zu schaffen. Sein Gespür für treffende Details, aber auch seine scharfe Beobachtungsgabe sind bemerkenswert und eindrücklich, weil sie mitten aus dem Leben gegriffen sind. Sie erinnern uns teilweise an eigene Erlebnisse und regen zum Nachdenken an. Nicht zuletzt ist diese Lektüre deshalb auch eine Begegnung mit einem grossen französischen Schriftsteller, der einen mit seinen Erzählungen auf eine bereichernde Reise entführt, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen.

 

 

Das Lieblingszitat der Tink.ch-Autorin:


“Zu meiner Linken ging die Sonne auf. Ihre Strahlen legten sich auf mich. Sie waren kalt und trotzdem denen so ähnlich, die warm sind.”