Gesellschaft | 05.08.2014

Sommerfigur um jeden Preis

Text von Nicole Rettenmund | Bilder von Nicole Rettenmund
Sommer, Sonne, Strand und Meer - in der wärmsten Jahreszeit sind die Gedanken an einen gut aussehenden Körper nicht weit. Man möchte ja im Badeanzug eine gute Figur abgeben. Bereits im Frühling nehmen viele Menschen ein intensives Sporttraining auf und quälen sich mit den kuriosesten Diäten.
Obst und Gemüse oder doch mit Wunderpillen zum Zielgewicht?
Bild: Nicole Rettenmund

Dukan, Atkins, Low-Fat, Fasten, Trennkost oder Low-Carb. Das sind nur einige der bekanntesten und populärsten Diäten. Viele Erwachsene haben schon einmal die eine oder andere ausprobiert und sich dabei ein anstrengendes Duell mit dem inneren Schweinehund geliefert. Schlankheitskuren sind eine Neuzeiterscheinung und Folge der immer grösser werdenden Übergewichtsproblematik der Bevölkerung.

 

Radikale Diäten sind nur kurzfristig erfolgreich und werden schnell vom Jo-Jo-Effekt abgelöst, denn eine gesunde erwachsene Frau benötigt je nach sportlicher Aktivität und Bewegung täglich um die 1-˜600 bis 2-˜400 Kilokalorien, ein erwachsener Mann zwischen 2-˜000 und 3-˜000.

Mit absurden Diäten wird Abnehmwilligen eine Traumfigur versprochen. Dabei setzen viele leichtsinnig ihre Gesundheit aufs Spiel.

 

Wie die Superstars

Die sogenannte Hollywood-Diät ist genauso glamourös wie deren Anhängerinnen und Anhänger aus der Traumfabrik. Die Diät gehört in die Kategorie der Trennkost- und Low-Carb-Diäten. Bei einer Low-Carb-Diät werden kohlenhydrat-haltige Lebensmittel wie Brot, Teigwaren oder Reis reduziert oder kurzfristig ganz ausgelassen. Das Kohlenhydrat-Defizit wird dann durch die vermehrte Zufuhr von Fetten und Eiweissen in Form von Gemüse, Milchprodukten, Fisch und Fleisch ausgeglichen, um so Gewicht zu reduzieren. Auf dem Speiseplan stehen teure Delikatessen wie Hummer und exotische Früchte, also Kokosnuss, Ananas, Papaya oder Mango. Früher glaubten Mediziner nämlich, dass Enzyme exotischer Früchte schlank machen würden. Steffi Schlüchter, diplomierte Ernährungsberaterin von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung, korrigiert diese Annahme: «Es gibt keine Lebensmittel, die den Stoffwechsel ankurbeln und dadurch wie Minuskalorien wirken. Das ist Unsinn!”

 

Verboten ist an allen Tagen Salz, Zucker und Fett. An einigen Tagen dürfen bestimmte Lebensmittel nicht miteinander kombiniert werden. Es gilt ein strenges Nährwertlimit von 600 bis 800 Kilokalorien pro Tag.

 

Die Energiezufuhr bei dieser Diät ist eindeutig zu gering. Nährstoff-, Vitaminmangel und schlechte Laune sind vorprogrammiert. Die Hungerkur schlägt nicht nur auf den leeren Magen, sondern mit der Zeit auch aufs Portemonnaie.

 

Top-Figur dank Buttermilch

Ein weiterer kurioser Trend ist die Buttermilch-Diät, die sich in zwei Varianten ausführen lässt: Bei der strengeren Alternative nimmt man ausschliesslich Buttermilch und Früchtepüree zu sich. Dies lässt die überschüssigen Kilos relativ schnell purzeln, führt aber nach wenigen Tagen zu Mangelernährung und überlastet kranke Nieren. Bei der etwas lockereren Variante isst man kalorienarme Gerichte. die mit Buttermilch zubereitet wurden. Buttermilch kann in verschiedene Saucen,  Pfannkuchen, Suppen oder Müsli integriert werden. Dazu soll möglichst viel Wasser getrunken werden, denn die Milch selbst gilt nicht als Getränk.

 

Die Milch ist nicht wie vermutet eine butterlastige Kalorienbombe, sondern das eiweissreiche Nebenprodukt bei der Butterproduktion. Der wässrige Abnehm-Drink ist das kalorien- und fettärmste Milchprodukt überhaupt. Die Entwickler dieser Diät stützen sich auf ihre Annahme, der hohe Kalziumgehalt in der Buttermilch sei der Schlankmacher schlechthin. «Solche Aussagen sind wissenschaftlich nicht haltbar”, meint Steffi Schlüchter. Studien widerlegen im Nachhinein ein Schlankheitseffekt von Kalzium.

 

Schlank statt schwanger

Ein paar Spritzen und die Kilos purzeln. Geht das wirklich mit dem Schwangerschaftshormon HCG (humanes Choriongonadotropin)? Während der Schwangerschaft fungiert HCG sozusagen als Schutzhormon für das Kind: In Hungerzeiten lässt es den Körper die eigenen Fettreserven abbauen, um die Nahrungsversorgung des Ungeborenen sicherzustellen. Bereits kleine Mengen des Hormons sollen die Fettverbrennung ankurbeln und Hungergefühle dämpfen. In Kombination mit einer stark kalorienreduzierten Nahrungsaufnahme verspricht die Diät einen Gewichtsverlust von fünf Kilo in nur drei Wochen.

 

Am Anfang der Diät darf der Abnehmwillige noch einmal richtig zugreifen und essen, was er will: Je fett- und zuckerreicher desto besser. Der Stoffwechsel soll damit noch einmal hochgefahren werden, denn ab dem zweiten Tag wird es hart. Nur gerade 500 Kilokalorien täglich sind erlaubt. Dazu soll täglich Sport getrieben und das Hormon injiziert werden. Zusätzlich werden Tabletten geschluckt.

 

Steffi Schlüchter weiss von den Gefahren dieser Diät: «Neben den Injektionen, manchmal auch als Tropfen verabreicht, muss ein sehr strenger und stark kalorienreduzierter Diätplan eingehalten werden. Das kann langfristig zu massiven Nährstoffdefiziten führen. Eine langfristige Verhaltensänderung wird ausserdem nicht erreicht, was beim Absetzen zum Jo-Jo-Effekt führen kann.”

 

Auch die Versprechungen vom Metabolismus-antreibenden Schwangerschaftshormon seien nicht haltbar: «Die Wirkungen von HCG, beispielsweise verbesserte Fettverbrennung, sind wissenschaftlich nicht bewiesen und haltlos. Hier wird Betroffenen mit fadenscheinigen und unwissenschaftlichen Argumenten sehr viel Geld aus der Tasche gezogen.”

 

Viele wissen, wie viel Disziplin und Nerven eine Diät kostet. Viele wissen auch, dass der Jo-Jo-Effekt oft ein Denkmal der misslungenen Diät in Form von Fettpölsterchen setzt. Und eigentlich kennen die meisten Menschen auch die Regeln eines gesunden und ausgewogenen Essverhaltens: Regelmässige Mahlzeiten, wenige Fertigprodukte und öfters frisch verarbeitete Lebensmittel, viel Obst und Gemüse, genügend Kohlenhydrate, wenig Zucker und Fett und schlussendlich ausreichend Bewegung im Alltag. So werden langsam und langfristig überschüssige Pfunde reduziert. Der Körper passt sich seiner neuen Form an, und das Gewicht wird gehalten. Und dann darf auch ab und zu mal ohne schlechtes Gewissen geschlemmt werden.