Kultur | 28.08.2014

“Schreibe jeden Tag, wenn auch nur einen Satz”

«Schiffbruch" heisst das aktuelle Theaterstück von Rebecca C. Schnyder. Die junge Autorin überzeugt mit intensiven Dialogen und thematischer Tiefe. Im Gespräch mit Tink.ch erzählt sie von ihren Inspirationsquellen, der Faszination des Theaters sowie den Hochs und Tiefs im Leben als Schriftstellerin.
"Der Text ist das Vorspiel und wird erst auf der Bühne vollendet.", meint Rebecca C. Schnyder.
Bild: Ursina Ghilardi Die beklemmende Beziehung zwischen den Geschwistern steht im Zentrum des Stücks. zVg

Ein Foto von Jeff Wall war der Auslöser für das Stück Schiffbruch. “Ich habe das Bild angeschaut und mich gefragt: Wie sind die Figuren in das Bild gekommen? Wer sind sie?”, erinnert sich Rebecca C. Schnyder. “Dann habe ich die Figuren in meinem Kopf sprechen lassen.” Ja, das klinge etwas verrückt, gibt sie lachend zu, aber sie lasse sich gerne von Fotos inspirieren und höre den Figuren in ihrem Kopf erstmal zu, was sie mitzuteilen hätten.

 

Ein mitreissendes Stück

Zu sagen hatten die Figuren einiges, entstanden ist daraus das aktuelle Bühnenstück von Rebecca C. Schnyder, die sich seit rund fünf Jahren “freischaffende Autorin” nennt. Das Stück handelt von Kartoffeln und einem Tattoo, einer Halskette und dem elterlichen Haus. Um diese Elemente spinnt Schnyder ihre Geschichte über Verantwortung, Ausbrechen und Abhängigkeiten.

Schiffbruch besticht durch seine Authentizität: Die Dialoge wirken aus dem Leben gegriffen, die Figuren wie alte Bekannte der Autorin: jede und jeder mit einer eigenen Vergangenheit, Verletzungen, Träumen und Traumas.

 

Die Themen werden meist nur oberflächlich angeschnitten und entfalten gerade dadurch ihre Tiefen, die Figuren möchten gar nicht so recht über sich sprechen und kommen doch immer wieder auf die gleichen Punkte zurück. Wie eine Spirale bohrt sich daher die Geschichte über zwei Schwestern und ihren behinderten Bruder immer tiefer in das Bewusstsein der Zuschauer hinein. Es ist rührend anzuschauen, wie die drei nach dem Tod ihres Vaters versuchen, einen Schritt aufeinander zuzugehen. Es macht wütend zuzusehen, wie dies nicht gelingt. Und es wird zunehmend ermüdend zuzuhören, wie sich die drei in die Haare geraten, vertragen, erneut in die Haare geraten. Doch es sind in diesem Fall keine sinnlosen Streitereien. Sie bringen das Stück, aber auch die Protagonisten weiter. Und nicht zuletzt lebt Schiffbruch vom Tempowechsel, vom emotionalen Ausbruch und dem sich Zusammenreissen.

 

Der Text ist erst das Vorspiel

Die Überzeugungskraft des Stücks liegt nicht nur an der Sprachgewalt der jungen Autorin, sondern auch an der überzeugenden Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler (Vera Bommer, Jeanne Davos, Frank Wenzel und Bruno Kocher). Die Inszenierung von Regisseur Stefan Camenzind gibt zudem den richtigen Rahmen für die Entfaltung der intensiven Dialoge. “Er hat seine Fantasie auf meinen Text draufgeworfen und das Stück stellenweise noch stärker gemacht.”, findet Rebecca C. Schnyder.

Damit spricht sie an, was sie am Schreiben für das Theater derart reizt: “Der Text ist das Vorspiel und wird erst auf der Bühne vollendet. Beim Schreibprozess habe ich stets vor Augen, dass alles von Schauspielern gesprochen wird.” Mit dem Theater fühlt sich die Ostschweizerin seit jeher verbunden. Sie hat schon in der Kantonsschule für die Theatergruppe geschrieben und am Stadttheater Bern als Regieassistentin gearbeitet.

 

“Schreibe jeden Tag, auch wenn es nur ein Satz ist.”

Rund zwei Jahre hat der Schreibprozess für Schiffbruch gedauert. Angefangen hat alles mit dem eingangs beschrieben Bild. Es folgten Dramatiker-Workshops wie der vom “Stückemarkt” in Berlin, zu dem Rebecca C. Schnyder eingeladen wurde. “Man muss sich mit dem eigenen Schreiben auseinandersetzen und auf Kritik hören.”, erklärt sie. “Auch wenn es manchmal hart ist.”

 

Um das Stück vom Papier auf die Bühne zu bringen, hat sie auf Crowdfounding gesetzt und in 45 Tagen 16-˜000 Franken gesammelt. “Die Finanzierung in der freien Szene ist nicht leicht”, sagt sie. Sowieso sei Unbeständigkeit ein Thema, mit dem sich Autoren und Autorinnen auseinandersetzten müssten. “Anfangs machte ich mir deshalb Sorgen”, gibt die 27-Jährige zu, “doch dann hat ein Freund zu mir gesagt: Was ist das Problem? Du hast ja zwei Hände, um zu arbeiten.” Sie jobbt heute noch im Service und empfiehlt es allen Schreibenden. “Man kann nicht über die Welt schreiben, wenn man sich im Zimmer versteckt”, meint sie und gibt gleich noch einen weiteren Tipp: “Schreibe jeden Tag, auch wenn es nur ein Satz ist.”

 

Ausgebucht

Schreiben, das ist für die lebensfrohe, junge Frau eine Notwendigkeit – Beruf und Berufung zugleich. “Wenn es nicht das Einzige ist, was man machen möchte, dann lässt man es lieber”, empfiehlt sie. Obwohl sie sich durch und durch als Autorin sieht, meint sie lachend über sich selbst: “Ich bin ein kleiner Bünzli, aber ich fühle mich wohl damit.” Das Erscheinen ihres Gedichtbands vor fünf Jahren war bereits ein wichtiger Schritt für Schnyder als Autorin. Als nächstes Projekt schreibt sie nun ihren ersten Stückeauftrag: ein weiterer Meilenstein. Und vermutlich nicht der letzte Auftrag dieser Art: “Einer Theatergruppe, die ebenfalls ein Stück von mir wollte, musste ich sagen: Frühestens in eineinhalb Jahren”, erzählt sie. “Ein gutes Gefühl.”

Das Stück Schiffbruch wurde mit dem “Preis für das Schreiben von Theaterstücken” der Schweizerischen Autorengesellschaft (SSA) ausgezeichnet.

 

Weitere Vorstellungen:


 

6. September 2014: Theater im Burgbachkeller Zug

11./12./13. September 2014: Tojo Theater Bern