Kultur | 22.08.2014

Risikolose Gleichheit

Text von Anina Bauer | Bilder von Anina Bauer
Dass Sicherheit nicht alles ist was zählt, zeigt Lois Lowry in ihrem Roman "The Giver". Sie hat mit diesem Werk eine kritische und tiefsinnige Dystopie erschaffen, die nicht nur für Kinder und Jugendliche lesenswert ist.
Anders als auf dem Cover gibt es in der Welt von "The Giver" weder eine Schatten-, noch eine Sonnenseite.
Bild: Anina Bauer

Kein Schmerz, keine Kriege, keine Diskriminierung, keine Not und keine schweren Enttäuschungen. Das ist die scheinbar perfekte Welt von Jonas, dem 12-jährigen Protagonisten von Lois Lowrys Roman “The Giver”. The Giver ist das bekannteste Werk der US-amerikanischen Autorin, die 1937 in Honolulu, Hawaii, als Tochter eines Militärzahnarztes geboren wurde. In Jonas’ Gemeinschaft ist alles geregelt: Wie viele Babys pro Jahr zur Welt gebracht werden, welchen Lebenspartner jemand bekommt oder zu welchem Zeitpunkt die Kinder ein Fahrrad bekommen. Festgelegt und überwacht wird alles vom Ältestenkomitee, einer Gruppe von auserwählten und hoch geachteten Gemeinschaftsmitgliedern.

 

Doch der Preis, den Jonas’ Gemeinschaft für dieses Leben bezahlt, ist hoch. Denn in dieser Welt gibt es nicht nur keine schlechten Gefühle, sondern auch keine guten. Was zählt ist, dass die Menschen und die Gemeinschaft funktionieren. Am besten geht das dann, wenn alles gleich ist und sich die Menschen nicht zwischen verschiedenen Dingen entscheiden müssen. Denn müssten die Menschen wählen, könnten sie schliesslich falsch wählen. Was ein Risiko für eine einwandfrei funktionierende Gemeinschaft darstellte, wurde ausgelöscht und vergessen. Keine Farben, keine Tiere, so wenig Individualität wie möglich. Die Erinnerungen an alle diese Dinge scheinen in Jonas’ Gemeinschaft nicht zu existieren oder werden als Phantasie betrachtet. So wird beispielsweise der Begriff “Tier” lediglich als Ausdruck dafür verwendet, jemanden als unangepasst und ungezogen zu beschreiben.

 

Die Macht der Erinnerungen

In einem Vortrag der internationalen Lehrerorganisation “Facing History and Ourselves”, erzählt die Autorin, dass The Giver entstanden sei, als ihre Eltern noch gelebt hätten, aber schon sehr alt und im Pflegeheim gewesen seien. Bei einem Besuch habe ihre Mutter ihr ihre Lebensgeschichte erzählt. Die schönen Erinnerungen wie die Romanze mit Lowrys Vater, aber auch die schmerzhaften Erinnerungen wie den Tod von Lowrys älterer Schwester Helen. Dabei habe sie die ganzen Gefühle noch einmal durchlebt, sei in ihrem Bett im Pflegeheim gelegen und habe gekichert oder eben auch geweint.

 

Lowrys Vater dagegen habe sich nicht daran erinnert, was mit seiner Tochter geschehen ist. Der Schmerz ausgelöscht durch eine Krankheit namens Alzheimer. Auf ihrer Rückreise habe sich Lowry überlegt, was passieren würde, wenn man die Erinnerungen kontrollieren und manipulieren könnte. Entstanden ist The Giver.

 

Vom “Giver” zum “Receiver”

In Lowrys Roman sind die Erinnerungen aber nicht verschwunden, sondern werden aufbewahrt, und zwar in einem Menschen. Von Generation zu Generation werden diese Erinnerungen weitergegeben: Der “Giver” gibt sie weiter an den “Receiver”. Als Jonas 12 Jahre alt wird, wird er zum neuen “Receiver” gemacht, denn der Beruf wird wie alles andere nicht selbst gewählt, sondern zugeteilt. Als Receiver lernt Jonas die Welt kennen, wie sie früher einmal war: farbig, mit Gerüchen, Tieren, Schnee, Sonnenschein, eigenen Entscheidungen, Schmerz aber auch mit Liebe. Jonas will diese Erinnerungen mit seinen Freunden teilen, ihnen zeigen, wie anders, vielfältig und echt das Leben sein könnte. Doch wie, so schreibt Lowry, soll man jemandem erklären, was Sonnenschein ist, wenn er diesen noch nie gespürt hat? Zusammen mit seinem Lehrmeister, dem “Giver” sucht Jonas nach einem Weg, den  Menschen ihre Erinnerungen zurückzugeben.

 

Diesen Herbst im Kino

The Giver erschien 1993 als englische Erstversion und ein Jahr später auch in Deutsch unter dem Titel “Hüter der Erinnerung”. Für dieses Werk erhielt die Autorin Lois Lowry bereits zum zweiten Mal die Newbery Medal, in den USA eine der bedeutendsten Auszeichnungen für Kinder- und Jugendliteratur. Die erste Medaille wurde Lowry im Jahr 1990 für den Roman “Number the Stars” verliehen,  in dem die Themen Holocaust und Freundschaft im Vordergrund stehen. Obwohl Lowrys Bücher der Kinder- oder Jugendliteratur zugeordnet werden, behandeln sie also Themen, die nicht nur für diese Altersgruppe interessant sind. The Giver ist deshalb auch für Erwachsene eine empfehlenswerte Lektüre: einfach geschrieben, kurz, und zum Nachdenken anregend. Eine Verfilmung von The Giver unter der Regie von Phillip Noyce kommt am 2. Oktober in die Kinos. Die Rolle von Jonas übernimmt darin der 25-jährige Australier Brenton Thwaites, der “Giver” wird gespielt von Jeff Bridges, der aus der Komödie “The Big Lebowski” (1998) bekannt sein dürfte.

 

Lieblingszitat

“If everything’s the same, then there aren’t any choices! I want to wake up in the morning and decide things!”