Gesellschaft | 14.08.2014

Kleines Land, grosse Währung

Text von Sandro Bucher | Bilder von Sandro Bucher
In der Schweiz gibt es heute ungefähr 2500 Sammler von Geldstücken. Fabio Luraschi ist Berufsnumismatiker. Der Tessiner Münzkundler kennt die bewegte Geschichte hinter den Talern, die heute die sicherste Währung der Welt repräsentieren.
Schweizer Münzvielfalt: Heute ein Segen für Sammler, früher ein umständliches Zahlungsmittel. Einige Münzen erziehlen bei Sammlern sogar Preise bis zu neun Millionen.
Bild: Sandro Bucher

Vor 216 Jahren stand die Schweiz unter der strengen Aufsicht von Frankreich. Die fremde Herrschaft aus dem Westen wollte der Helvetischen Republik noch vor der nahenden Jahrhundertwende ein einheitliches Geldsystem aufzwingen, um die Abhängigkeit der Alpennation von Frankreich zu verstärken. Als Folge davon wurde im Jahr 1798 der Schweizer Franken als kraftlose Ergänzung zum französischen Franc in Umlauf gebracht.

 

Der von den Franzosen erhoffte Erfolg blieb allerdings aus. Die Schweizer verweigerten die Verwendung ihres neuen Zahlungsmittels. Nur ein Jahr nach der Einführung des Frankens ergriff Napoleon die Macht in Frankreich. Dieser priorisierte die Durchsetzung des Frankens nicht und liess den Schweizern wieder freie Hand bei ihrer Währungspolitik.

 

Monetärer Kantönligeist

Die Helvetische Republik zerbrach fünf Jahre später, worauf die Kantone erneut ihre kurzzeitig verlorene Münzhoheit beanspruchten. Der Schweizer Franken verschwand somit wieder für einige Jahrzehnte von der Bildfläche. Der dadurch entstandene eigenbrötlerische Modus der Geldprägung verhinderte über einen langen Zeitraum die Entstehung einer einheitlichen Schweizer Währung. Gerade deshalb ist die Schweiz für viele Münzkundler ein Schatz der Vielfalt.

 

“Bis 1850 hatte jeder Kanton eigene Münzen”, erklärt Fabio Luraschi, Berufsnumismatiker von der Erwin Dietrich AG in Zürich, “wenn man beispielsweise von Bern nach Zürich fuhr, musste man seine kantonseigenen Münzen jeweils gegen die anderen tauschen.” Das bescherte den Händlern und Reisenden nicht nur erhebliche Umstände, sondern war auch gefährlich: Besonders in den Kantonen Uri und Schwyz wurde den “Auswärtigen” an der Grenze wiederholt Münzen mit niedrigem Silbergehalt gegeben. Erst durch die Gründung des modernen Schweizer Bundesstaates wurde wieder ein einheitliches Geldsystem eingeführt, der heute bekannte Schweizer Franken.

 

Eine Münze für 9-˜000-˜000 Franken

Zu den Schweizer Seltenheiten gehört ein Münzensatz aus dem Jahr 1896, der bei der zweiten Landesausstellung in Genf in einer eigens dafür angefertigten Münzprägemaschine vor Ort produziert wurde. Luraschi weiss, dass es von diesen Exponaten heute nur noch wenige gibt und diese deshalb auch grossen Wert haben. “Für einige dieser Taler kann man bis zu 20-˜000 Franken verlangen”, erklärt der Numismatiker. Eine vergleichbare Rarität sind die Fünfliber mit dem Jahrgang 1928. Vor dem Jahr 1928 waren die Fünfliber viel grösser als die heutigen. Sie entsprachen tatsächlich dem fünffachen Gewicht eines Einfränklers. “Mitten im Jahr 1928 fand der Umbruch statt. Man stoppte die Produktion der originalen Fünfliber und begann mit der Prägung der kleineren, wie wir sie heute kennen”, erklärt Luraschi.

 

Trotz ihrer bewegten Geschichte, die Taler der Alpenregion können nicht mit den historischen Geldstücken der Grossnationen mithalten: “Der US-amerikanische Silberdollar von 1794 wurde 2013 für den weltweiten Rekordauktionspreis von umgerechnet neun Millionen Schweizer Franken verkauft”, erzählt Luraschi. Der Silberdollar ist laut amerikanischen Experten der erste seiner Art, den die US-Münzanstalt prägen liess.

 

Siegeszug des Frankens

Heute gibt es in der Schweiz nur noch eine Münzstätte, die Swissmint in Bern. Die Eidgenössische Münzprägungsstelle ist eine selbständige Einheit der Eidgenössischen Finanzverwaltung und beschäftigt gegenwärtig 20 Personen. Seit 1848 versorgt die Swissmint die Schweiz mit dem nötigen “Stutz”, der nicht zuletzt dank seiner vielseitigen Geschichte und Tradition trotz des zunehmenden bargeldlosen Zahlungsverkehrs seine Position als Zahlungsmittel behauptet.