Gesellschaft | 23.08.2014

Single-Wellness-Hotel-Paranoia

In der Kolumne UND ÜBERHAUPT schreibt sich die Kultur-Chefin von unserem Partnermagazin mokant.at Sabrina regelmässig ihre Gedanken von der Seele.
"Wird man am Käsebuffet nach dem Weichkäsemesser gefragt, fürchtet man perverse Übergriffe."
Bild: zVg, flickr.com/Michael Dieser Artikel wurde von unserem Partnermagazin mokant.at entweder für tink.ch verfasst oder zur Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Die Augen sind leer, trüb. Alles dröhnt. Alles schwitzt. Was der schlammige Aquakultur-Pangasius der Meeresdelikatessen ist, ist der Single-Wellness-Hotel-DJ unter den Disc Jockeys. Verbraucht und am Ende einer zusammenbrechenden Ökologie fristet er sein letztes Dasein. Aber er ist, zusammen mit dem Zumba-Trainer, nur eine der hier ansässigen Lebensformen.

 

Die Aquakultur nennt sich hier Wellness. Statt Zuchtfisch tummeln sich erfolgreiche Geschäftsmänner und Friseurmeisterinnen ab 46, die nach der ersten Scheidung und Matura der Kinder nun für ein paar Tage Stress und Hemmungen ablegen wollen. Aber aalig bleibt aalig: statt in antibiotikaverseuchten Käfigen zwängt man sich hier in den libidogetränkten Whirlpool. Vonstatten geht das Ganze in einem aus dem Nichts gestanzten Gebäudekomplex in der Pampa. Wo auch sonst? Denn so versammelt einsam wie hier, bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als mit den anwesenden Menschen zu kommunizieren. Als Alleinreisende/r wird man zusätzlich beim abendlichen 5-Gänge-Menü mit Fremden an einen Tisch gesetzt, damit die Kommunikation im warmen, gut genährten Klima floriert.

 

Als Freunde- oder Freundinnen-Gruppe darf man auch kommen (nur nicht als bei Anreise existierendes Pärchen oder Kind). Die Freundinnen kommen meist tatsächlich zum Wellness-en. Aber vor allem kommen sie zum -essen. Was die auf Aufriss gepeilten Mädels am Kuchenbuffettisch übrig lassen, wird von den Freundinnen verschlungen. Hier trumpft die Gier. Und ebenso die Paranoia.

 

Wird man am Käsebuffet nach dem Weichkäsemesser gefragt, fürchtet man perverse Übergriffe. Wird man im Sportpool zum Wetter angelabert, überlegt man, wie man im ersten Satz erwähnen soll, dass man vergeben ist. Der Whirlpool wird zur Haibucht, die hoteleigenen Clubs zu ethanolgelockerten Landungsstellen der Firmenaudi-Angereisten. Und wenn man den Drink zur Linken abstellt, sieht das wohlmöglich jemand als ein Zeichen.

 

Überhaupt paart sich die Paranoia mit grandioser Selbstüberschätzung. Der Typ wollte wahrscheinlich tatsächlich nur das Käsemesser lokalisieren – du wirst es ja wahrscheinlich wissen, gierig wie du dir die Bries und Camemberts mit Trauben-Walnuss-Deko reingeschoben hast.

Und überhaupt ist das Wetter ja wirklich zum Kotzen.

 


 

Bildnachweis: flickr.com/Michael