Kultur | 04.08.2014

Fünf grauenhaft ungemütliche Sexszenen

Text von Vera Probst | Bilder von Silas Bitterli
Schlechte Filme gibt es viele. Aber ab und an gelingt es einem unterirdisch schlechten Film unterhaltsamer und gar sehenswerter zu sein, als so mancher Blockbuster. Denn der gebotene Wahnsinn und der Skurrilität eines abgrundtief schlechten Filmes kann der 0815 Blockbuster nichts entgegenhalten. Eine dieser Antigenistreiche ist Tommy Wiseaus The Room.
Genial oder reif fürs Irrenhaus? Tommy Wiseau ist nicht zu durchschauen.
Bild: Silas Bitterli

Im Jahre 2003 erblickte ein Film das Licht der Welt, der durch Zufälle und Glücksgriffe in ein paar Jahren zu einem Kultfilm wurde. Elf Jahre später wird der Film immer noch einmal im Monat in einem Kino in Los Angeles gezeigt. Die Plätze sind jeweils früh ausverkauft. Die sechs Millionen-Produktion rechtfertigt diese Aufmerksamkeit mit: dem gerahmten Bild eines Löffels, viel zu viel Gelächter in ernsten Situationen, die nicht zum Lachen wären, Figuren, die plötzlich auftauchen und ein paar Szenen weiter wieder verschwinden, sowie einem Psychiater, der beinahe von einem Dach geworfen wird. Und der ultimativen Frage des Filmes: Im Ernst?!

 

Das klingt schon alles relativ verwirrend, aber die wichtigsten Fragen sind: Ist dieser Film namens The Room ernst gemeint oder ist es eine geniale Parodie? Ist Hauptverantwortlicher Tommy Wiesau ein Genie oder hat er einen totalen Dachschaden? Gibt es in den Strassen von San Francisco wirklich Männer, die in Anzügen Football spielen? Fragen, die nie beantwortet werden können und die man wahrscheinlich auch nicht beantworten soll. Denn die Genialität von The Room liegt in dem Unberechenbaren und dem Wahnsinn.

 

“It’s bullshit! I did not hit her! I did not! Oh hi, Mark”

“A perfect world. A perfect life.” Mit diesen abgedroschenen Sätzen beginnt der Trailer von The Room. Darauf folgen Szenen des Ehebruchs, Waffengewalt, erlogene Schwangerschaften und weitere Lügen. Wild aneinander gewürfelt, dazwischen klischierte Dialoge wie: “I treat you like a princess and you stab me in the back” oder “YOU’RE TERRING ME APART, LISA!”.

Zum Schluss werden die besten Pressezitate eingeblendet. Darunter finden sich Prachtstücke wie: “A film with the passion of Tennessee Williams.” und “The best movie of the year!”. Leider ohne Quellenangabe – die sind doch nicht erfunden?

 

“They didn’t keep their promise, they tricked me, and I don’t care anymore.”

Tommy Wiseau – eine Allzweckwaffe, die ihresgleichen sucht: Er hat nicht nur Regie geführt, gleichzeitig war er Produzent, Drehbuchautor und die Hauptfigur des Films: Johnny. Ein Vorgehen, das in Hollywood zwar verbreitet, aber offensichtlich nicht idiotensicher ist. Als Produzent hat er auch die sechs Millionen Dollar für den Film beinahe alleine aufgetrieben. Wie genau weiss niemand. Im Internet wird aber gemunkelt, dass das Geld mit Hilfe von importierten Lederjacken verdient wurde. Wie viele Lederjacken muss man eigentlich verkaufen um The Room finanzieren?

 

“Leave your stupid comments in your pocket!”

Kommen wir zum Inhalt des Films: Männlein Johnny (Tommy Wiseau) liebt Weiblein Lisa (Juliette Daniels). Weil er in seinem Job als Banker keine Gehaltserhöhung gekriegt hat, verglüht jedoch Lisas Liebe. Wegen finanzieller Sicherheit bleibt Lisa trotzdem bei Johnny. Richtig erkannt: Ein Paradoxum, jedoch eines der kleineren, über den ganzen Film betrachtet. Lisa beginnt eine heisse Affäre mit Johnnys besten Freund Marc (Greg Sestero). Inklusive Sex auf der Wendeltreppe, heimlichen Telefonaten und viel Geheimniskrämerei. Das ist alles, was der Film an “Handlung” zu bieten hat.

 

Ausserdem gibt es ganz viele Footballbälle, die rumgeworfen werden, Menschen, die ohne Grund zu Boden fallen, fünf grauenhaft ungemütliche Sexszenen und Johnnys Lieblingsworte: “Oh, hi!”. Nicht einmal Dr. Nick Riviera aus den Simpsons sagt so viel Mal “Hi” wie Johnny in diesem Film.

 

“You not good, you… you are just chicken! Cheep, cheep, cheep, cheep, cheep, cheep!”

Schlecht gefilmt, grauenhaft gespielt, unrealistische bis wahnsinnige Dialoge, grässliche Synchronisation und ein Drehbuch mit so vielen Ungereimtheiten, dass man sie gar nicht mehr zählen kann. Aber was The Room zu DEM Klassiker der schlechten Filme macht ist Hauptdarsteller, Regisseur, Autor und Produzent Tommy Wiseau selbst. Seine Erscheinung mit den langen, schwarzgefärbten Haaren und den Augen, die  immer nur halb geöffnet sind – das Alles kann leicht irritierend wirken, doch dann beginnt er zu sprechen: Diese sanfte, eher hohe Männerstimme mit einem undefinierbarem Akzent, irgendwo zwischen Graf Dracula und Jean-Claude van Damme, ist das Pünktchen auf dem i. So viel Skurrilität auf einem Haufen hat man selten gesehen.

 

“As far as I’m concerned, you can drop off the Earth.”

Es gibt verschiedene Arten, wie man diesen Film “geniessen” kann. Was man für das gesunde Überstehen von The Room braucht, sind gute Freunde mit merkwürdigem Humor und genügend alkoholische Getränke. Die Getränke können für die Vorbereitung oder die Verarbeitung des Films gebraucht werden – ganz nach den individuellen Bedürfnissen.

 

Andere Möglichkeiten den Film einzusetzen wären: Zur Beendigung einer Freundschaft oder zur Trennung von Freund oder Freundin. Die Anwendung ist simpel: Einfach ohne Erklärung den Film laufen lassen – das wird einem auch der beste Freund nicht verzeihen.