Gesellschaft | 27.08.2014

Ein Landkind in der Stadt

Spätestens bei der Wahl einer Universität muss sich das Landkind mit der grossen Stadt auseinandersetzen. Manchmal zieht dies gar den Umzug in den Asphaltdschungel nach sich. Aber selbst nach jahrelangem Wohnen in der Stadt vermag das Landkind gewisse Handlungsweisen nicht ablegen. Tink.ch begab sich auf Feldforschung.
Am Zebrastreifen trennt sich das Stadt- vom Landkind.
Bild: zVg, bilderheld / Flickr.

Lust auf ein Experiment? Schlendere durch eine Stadt, nimm Augenkontakt mit entgegenkommenden Passanten auf, beginne ein Starrduell. Wendet dein Kontrahent den Blick ab und verdreht womöglich die Augen? Oder aber sein Mustern deiner Wenigkeit macht klar, dass er dich als Entflohener der nächstgelegenen Klapse abstempelt? Stadtkind.

 

Das Landkind hingegen grüsst dich kleinlaut. Jawohl, es grüsst! Gedankt seis dem Grosi, das es jahrelang auf dem Schulheimweg zurechtwies. Grüssen sei eine Frage des Anstands. Weil der Dorfradius es gleichzeitig wollte, dass es sich dabei um das Grosi seines Mitschülers handelte, wurde pariert.

Hatte das Landkind Pech, lag die einzige Bildungsanstalt im Umkreis von zehn Dörfern in seinem Kaff. Das hiess elf Jahre lang, fünf Tage die Woche, ein bis zwei Mal täglich ein keifendes Grosi.  Solche Erlebnisse brauchen ihre Zeit, bis sie verarbeitet sind.

 

Akklimatisierte und Unverbesserliche

Weitere Feldstudien können im Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel betrieben werden: Hier sind Landkinder gleich mehrfach verhaltensauffällig. Akklimatisierte beschränken sich darauf, dem Chauffeur beim Aussteigen einen schönen Tag zu wünschen.

Wochenaufenthalter, Neuzuzügler oder Unverbesserliche fallen mehr aus der Reihe. Schuld ist ihre innere Uhr. Die tickt noch nicht gemäss städtischem Nachtfahrplan. Zuverlässig um elf Uhr geht der Alarm los. Der Stall ruft. Die letzte Verbindung in ihr halbstündig entferntes Kaff würde jetzt fahren. Hektik pur, denn die Länge des Fussmarsch rechtfertigt das Abwarten des ersten Zugs am nächsten Morgen. Du zückst das Taxi-Argument? Du Stadtkind, du! Mag die Aussicht auf ein “schnelles” Heimkommen auch verlockend sein. Alleine die Frage nach den ungefähren Fahrkosten stürzst dein Portemonnaie in eine tiefe Depression.

 

Verkehrshackordnung

Auch Zebrastreifen bieten ideale Versuchsanordnungen. Er trennt zuverlässig Stadtkinder von ihren ländlichen Ebenbildern. Das Stadtkind überquert mit festem Schritt, den Blick nach vorne oder unten gerichtet die Strasse. Ohne das Tempo zu drosseln geht es seines Weges. Das ist dem Landkind nicht möglich. Früh hat es gelernt, dass es in der Verkehrshackordnung den Platz gleich hinter dem Wild einnimmt. Seine einzige Chance nicht den gleichen Ausgang wie das zukünftige Strassengeschnetzelte zu nehmen: “warte – luäge – lose – laufe”. Ein Gesetz, dem es selbst in der Fremde zuverlässig Folge leistet.

Die Beweislage, nach getätigter Feldforschung, zeichnet ein unmissverständliches Bild: Selbst jahrelange Abstinenz vermag die Verhaltensauffälligkeit von Landkindern in der Stadt nicht einzudämmen. Es bleibt ungewiss, ob daran selbst starke Massnahmen wie eine lebenslängliche Stadtwohnung etwas zu ändern vermögen.

 

 


Bildnachweis: flickr.com/superzelle