Kultur | 09.08.2014

Das wildbewegte Leben der Kiki vom Montparnasse

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von Sabina Galeazzi
Längst haben Comic-Alben und Graphic Novels, illustrierte Romane im Buchformat, die ihnen zugewiesene Schmuddelecke der anspruchslosen Unterhaltung verlassen. Das Medium hat unter Beweis gestellt, dass es auch in der Lage ist, anspruchsvolle Themen zu verarbeiten. Ein Beispiel dafür ist das Werk "Kiki de Montparnasse" des Duos Catel Muller und José-Louis Bocquet.
Das Cover der Graphic Novel ist der bekannten Aufnahme "Le violon d'Ingres" von Man Ray nachempfunden.
Bild: Sabina Galeazzi

Kokett präsentiert die junge Frau mit dem charakteristischen Pagenschnitt auf dem Cover der Graphic Novel Kiki de Montparnasse dem Publikum ihren wohlgeformten, nackten Rücken. Dieser imitiert perfekt die geschwungenen Umrisslinien eines Violoncellos und wurde nachträglich mit den typischen F-förmigen Schalllöchern des Streichinstruments versehen.

 

Das Titelbild stellt ein graphische Umsetzung von Le Violon d-˜ Ingres dar, der wohl populärsten Aufnahme des surrealistischen Fotografen Man Ray. Für das Bild posierte eine Frau, deren Namen heute in der Kunstgeschichte bestenfalls am Rande Erwähnung findet, denen das Duo Muller & Bocquet nichtsdestotrotz einen eigenen illustrierten Roman widmete: Alice Prin, genannt Kiki.

 

Kurzlebiger Ruhm

Alice Prin galt als Muse einer ganzen Generation und stand diversen Künstlern der Avantgarde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Modell. Unter dem Künstlernamen “Kiki” verkehrte sie im inneren Zirkel der Pariser Bohème des Viertels Montparnasse und brachte es als Sängerin, Schauspielerin für kurze Zeit zu einer gewissen Berühmtheit. Daneben versuchte sie sich selbst als Malerin und erhielt 1927 die Möglichkeit, in der Galerie Au Sacre du Printemps eigene Werke auszustellen. 1929 veröffentlichte sie im Alter von 28 Jahren ihre pikanten Memoiren. Ihr bewegtes Leben war von rauschenden Festen, Alkoholexzessen, amourösen Eskapaden und Kokainkonsum geprägt. 1953 starb die einstmalige “Königin vom Montparnasse” allein und von den Folgen ihrer Rauschmittelsucht gezeichnet in ihrer ärmlichen Pariser Wohnung.

 

Biografie einer Muse

Dieser schillernden Persönlichkeit widmeten die Zeichnerin Catel Muller und der Schriftsteller und Drehbuchautor José-Louis Bocquet eine über 360 Seiten starke Graphic Novel. Für einmal stehen nicht die bekannten männlichen Künstlergestalten jener Epoche, die in der Kunstgeschichte als “Klassische Moderne” bezeichnet wird, im Vordergrund des Interesses, sondern ein einfaches Künstlermodell. Eine lebenslustige und freizügige Frau, die sich selbst zur Kunstfigur stilisierte, dabei jedoch ständig auf der Suche nach jener Geborgenheit war, die ihr als uneheliches Tochter einer einfachen Schriftsetzerin verwehrt blieb.

 

Von Châtillon-sur-Seine auf den Friedhof von Thiais

Ihre Biografie zeichnet der Roman kapitelweise anhand ausgewählter Stationen ihres knapp 52 jährigen Lebens nach. Die Handlung nimmt ihren Ausgang im ersten Kapitel in Alice Prins Geburtsort, dem verschlafenen Nest Châtillon-sur-Seine und endet im letzten Kapitel auf dem Friedhof von Thiais in Paris, wo die einstige Muse und Cabaretsängerin begraben liegt.

 

Im Fokus der Graphic Novel steht einerseits Alice Prins Privatleben mit ihren verschiedenen unglücklichen Beziehung zu diversen Künstlern, die sich oftmals mit der Wendung “sie küssten und sie schlugen sich” beschreiben lassen. Andererseits ist Kiki de Montparnasse die Geschichte einer Frau von bescheidener Herkunft, die in einer Gesellschaft um Akzeptanz ringt, in der Aktmodelle auf eine Stufe mit Prostituierten gestellt werden. Einen kurzen Wendepunkt in der Erzählung bildet diejenige Zeit, in der Alice Prin eine bescheidene Anerkennung in den frivolen Pariser Künstlerkreisen erfährt. Sie tritt als Cabaretsängerin oder Schauspielerin in diversen obskuren Kurzfilmen auf, um danach den Drogen zu verfallen.

 

Zeitreise in die goldenen Zwanziger

Catel Mullers schwungvoller schwarzer Federstrich fängt auf treffende Weise Aussehen und Charakter der einzelnen historisch überlieferten Figuren ein, wobei die Zeichnerin auch nicht vor expliziten Nacktdarstellungen zurückschreckt. Damit nicht genug, Kiki de Montparnasse thematisiert auch die “Années folles”. Die goldenen Zwanziger Jahre, in denen das Leben in den Pariser Künstlervierteln wie Montparnasse und Montmartre buchstäblich ein einziges rauschendes Fest war.

 

Besondere kunsthistorische Kenntnisse sind nicht nötig, um den Handlungsablauf nachzuvollziehen. Im Anhang liefert die Graphic Novel ausserdem wissenswerte Informationen über den Hintergrund diverser bedeutender Künstler und Poeten, mit denen die “Königin von Montparnasse” geselligen und sexuellen Umgang pflegte.

Kiki de Montparnasse entführt den Leser auf unterhaltsame Weise in die Vergangenheit und weist gerade deswegen grosses Potential als Ferienlektüre für “Sofareisen” auf. Also Anschnallen, Zurücklehnen und Eintauchen in die Welt der “Königin von Montparnasse”.

 

 

Lieblingszitat der Tink.ch-Autorin:


 

Kontext: Alice Prin und Man Ray diskutieren über seinen Film L’Etoile de Mer. Alice ist unzufrieden über Mans Einsatz von Filtern und Verfremdungseffekten:

Man Ray: “Mais Kiki, les personnages de ce film ne sont que des marionnettes. Ça n’a rien à  voir avec toi ou moi! Toi, tu es l’objet de mon affection!”

Alice Prin: “Objet! Voilà ! Je n-˜ existe pas pour toi. Je suis une forme. Une forme de femme…abstraite!”

Man Ray: “Où vas-tu?”

Alice Prin: “Plonger dans la réalité!”