Gesellschaft | 18.07.2014

Gerippe in der Berner Altstadt

Text von Tatjana Pürro | Bilder von Tatjana Pürro
Angst vor Friedhöfen kennen viele. Besonders nachts erscheinen sie uns äusserst gruselig. Unter bestimmten Umständen können Friedhöfe aber sehr faszinierend sein. Zum Beispiel wenn sie uralt sind. So wie derjenige, der bei Bauarbeiten in der Berner Zeughausgasse entdeckt wurde.
Für den beiläufigen Betrachter nur ein paar Steine, eigentlich aber viel mehr: Die Funde in der Zeughausgasse.
Bild: Tatjana Pürro

Ein fast zwei Meter tiefes Loch klafft in der Berner Zeughausgasse neben der französischen Kirche. Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine gewöhnliche Baustelle: Leitungen, die neu verlegt werden. Etwas absolut alltägliches, das keiner weiteren Aufmerksamkeit bedarf. Sieht man aber ein zweites Mal hin, dann erkennt man in dem Loch Knochen, und davon nicht eben wenige. Bei den vermeintlichen Bauarbeitern im Loch handelt es sich um Archäologen und was zuerst eine Baustelle war, ist nun auch eine Ausgrabungsstätte.

 

Barocke Grundmauern

Wie bei den meisten heutigen Ausgrabungen begann alles mit einem Baugesuch: Auf Grund von Werkleitungssanierungen sollte der Asphalt in der Zeughausgasse aufgerissen werden. Traffo-Grabungen bis in vier Meter Tiefe. Schon bevor die Grabungen begannen, wurde vermutet, dass man dort auf „historische Schichten“ stossen könnte.

 

Dies ist bei Arbeiten in alten Teilen der Stadt oft der Fall. Und tatsächlich: Nach ungefähr einem Meter finden die Arbeiter plötzlich die Grundmauern barocker Häuser. Hier beginnt die Aufgabe des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern. Sie sind dafür verantwortlich, die durch Bauarbeiten ans Tageslicht geförderten, historische Schätze zu bergen. Rettungsgrabung nennt man diesen Vorgang. Die Funde werden aus der Baustelle entfernt und alles genau notiert. Damit die Arbeiten weitergehen können und keine geschichtlich wichtigen Funde verloren gehen, wird die Grabung von nun an durch die Archäologen begleitet.

 

Passiver Archäologischer Dienst

Aus eigenem Antrieb würde der Archäologische Dienst jedoch nie Strassenbelag aufreissen, um nach versteckten Schätzen zu suchen. Sein Ziel ist es, die historischen Funde vor äusseren Einflüssen zu schützen und zu erhalten. Unter dem Asphalt sind diese fast hermetisch abgeriegelt und somit bestens geschützt.

 

Unter den barocken Grundmauern in der Zeughausgasse kamen noch ältere Schichten zum Vorschein: Knochen, die Überreste des Friedhofs. Diese letzte Ruhestätte war früher Teil der französischen Kirche und des dazugehörenden Dominikanerklosters.

 

Mittelalterliche Gebeine

Nach Schätzung des Projektleiters Pascal Zaugg stammen die Knochen aus dem Mittelalter. Eine eindeutige Datierung wird jedoch erst nach der anthropologischen Untersuchung der Gebeine möglich sein. Laut Zaugg könnte es sich um die Überreste eines Massengrabs handeln.  Einerseits lagen die Knochen in der obersten Friedhofsschicht wild durcheinander gewürfelt und müssen anhand ihrer Anzahl von mehreren Individuen stammen. Zudem war die Zeughausgasse im Mittelalter am Rand von Bern gelegen und Massengräber wurden damals üblicherweise am Stadtrand ausgehoben.

 

Auf was das Grabungsteam in grösserer Tiefe noch stossen wird, können sie noch nicht genau voraussagen. Der Archäologische Dienst hofft jedoch, durch die Grabung zu neuen Erkenntnissen über die früheren Dimensionen der Zeughausgasse zu kommen, über die bisher nur wenig bekannt ist. Es wird vermutet, dass diese im früheren Stadtbild weitaus enger war, als sie es heute ist. Dies könnte nun bestätigt werden.