Gesellschaft | 24.07.2014

Ehrenamtliche Arbeit: Ein Plus im Lebenslauf?

«Die Deutschen müssen gewinnen!", sagt ein Suppe essender Gast zu der jungen Frau, die ihn heute bewirtet. Trotz WM-Finale, das gerade im Fernsehen läuft, sieht hier am Floridsdorfer Bahnhof niemand so aus, als ob er etwas verpasse. Drei junge Freiwillige verteilen Essen und gute Laune an all jene, die zum Bus kommen. Die Suppe ist heiss, dazu gibt es Brot und ermunternde Gespräche. Und das alles kostenlos, auf ehrenamtlicher Basis - tagtäglich.
Der Canisibus bringt Bedürftigen in Wien dank dem Einsatz von Freiwilligenarbeit täglich eine warme Mahlzeit.
Bild: Jasmine Schuster Dieser Artikel wurde von unserem Partnermagazin mokant.at entweder für tink.ch verfasst oder zur Zweitveröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Der Canisibus ist einer der beiden Essensbusse der Caritas. Die beiden Busse verteilen in Wien Essen an Obdachlose und Bedürftige an jeweils vier Standorten – jeden Tag, 365 Tage im Jahr. Schon um 16 Uhr wird damit begonnen, Suppe zu kochen und Brot zu schneiden. Von viertel vor Acht bis Acht Uhr abends wird sie noch heiss verteilt. Täglich arbeitet ein Team aus mehreren Ehrenamtlichen und einem Zivildiener zusammen. Die Menschen verlassen sich auf den Essensbus. Und das können sie auch. Denn egal bei welchem Wetter oder welchem Event, die Suppe kommt. Für viele ist das die einzige warme Mahlzeit am Tag.

 

Einen kleinen positiven Beitrag leisten

Warum sie sich ehrenamtlich engagieren? Diese Frage scheint für die drei jungen Helfer im Canisibus nicht so leicht zu beantworten zu sein. Sie möchten eben einen kleinen positiven Beitrag leisten, sagt einer der Mitarbeiter. Es mache schliesslich Spass, sie würden das gerne machen.

 

Man könne auch einiges selbst dadurch mitnehmen, erzählen sie. Man lerne viele Menschen kennen und man lerne auch Toleranz zu leben. “Die Arbeit relativiert Unnützes, mit dem man sich manchmal beschäftigt.” Eine andere ehrenamtliche Organisation – Frei.Spiel – weist auf ihrer Website sogar darauf hin, dass ehrenamtliches Engagement ein Vorteil für den Lebenslauf sei, und somit eine “Erhöhung der Berufschancen”.

 

Ehrenamt wird von Personalverantwortlichen positiv bewertet

Martin Zeilinger vom AMS Wien bestätigt, dass Ehrenamt tatsächlich ein Vorteil bei der Jobsuche sein kann. “In vielen Bereichen, wo man ehrenamtlich tätig sein kann, gewinnt man Eindrücke, die man im normalen Berufsleben nicht hat, und das macht einen auch zu einer kompletteren Person, was von vielen Personalverantwortlichen positiv gesehen wird.”

 

Das sieht auch der Bewerbungsberater und Karriere-Coach Werner Hammerl ähnlich und fügt an, dass “in vielen sozialen beziehungsweise helfenden Berufen sowie ganz allgemein bei Jobs im Non-Profit-Bereich” ehrenamtliches Engagement im Lebenslauf sehr hilfreich sein kann.

 

Auch von den Personalverantwortlichen der Unternehmen selbst erfährt man, dass Ehrenamt im Lebenslauf keinesfalls ein Nachteil ist. Dr. Stefan Lange, bei Siemens Österreich zuständig für strategische Personalgewinnung und -entwicklung, betont, dass Ehrenamt auf jeden Fall ein Plus im Lebenslauf ist.

 

Zuerst würden aber die “Hard Facts” wie Ausbildung und Berufserfahrung zählen. Anita Jech-Walloch vom Personalmanagement bei Generali erklärt, ehrenamtliches Engagement im Lebenslauf würde zwar auf die soziale Komponente im Bewerber hinweisen, doch sei es letztendlich nicht ausschlaggebend bei der Personalauswahl.

 

Bewerbungsberater Hammerl weist auch darauf hin, dass nicht jede ehrenamtliche Erfahrung bei jedem möglichen Arbeitgeber so gut ankommen muss. “Wenn man sich in der Freizeit zum Beispiel ehrenamtlich für Friedensprojekte engagiert und sich damit bei Waffenproduzenten bewirbt, wird man seine Job-Chancen vermutlich nicht gerade steigern.” Es könne auch nachteilhaft sein, wenn man zu viele Ehrenämter anführt, da das den Eindruck erwecken kann, dass man “dadurch in seiner beruflichen Verfügbarkeit eingeschränkt sein könnte”.

 

“Insgesamt werden nach unseren Erfahrungen ehrenamtliche Tätigkeiten als Zeichen von Engagement gesehen, als Zeichen von Interesse gesehen, als Zeichen gesehen, dass jemand aktiv ist, und das wird immer positiv beziehungsweise sehr positiv bewertet”, fasst Martin Zeilinger zusammen.

 

Karrierevorteil ist kein Grund für ehrenamtliches Engagement

Doch bei der Frage nach den Gründen für ihr ehrenamtliches Engagement taucht bei keinem Freiwilligen das Wort Karriere auf. “Wenn Sie jeden Einzelnen fragen, ist das bei jedem anders. Das hat viele Gründe”, meint Andrea Sommerlechner, die seit fünfzehn Jahren beim Canisibus mithilft – ihres Zeichens Frau Univ.-Doz. Dr. Sommerlechner, wie wir später erfahren.

 

“Es ist so, dass man in der Stadt, in der man lebt, erst wirklich lebt, wenn man sie ganz kennt, wenn man auch das kennt.” Sie weiss, dass die Freiwilligen auf jeden Fall auch von ihrem Engagement profitieren: “Die positiven Erfahrungen überwiegen eindeutig, das wird Ihnen vermutlich jeder sagen. Es kommt eigentlich viel mehr zurück als man hineinsteckt.”