Kultur | 16.07.2014

Die Träne des Zyklopen

Text von Sabina Galeazzi | Bilder von zVg/André Juchli
Am 10. Juli feierte das Spektakel "Cyclope" seine Premiere in Basel. Vor dem Hintergrund des Güterbahnhofs am Klybeckquai bespielten zwölf Artisten einen rund siebzehn Meter hohen, einäugigen Menschenkopf mit gewagten Balanceakten.
"Eine Mischung aus Cirque du Soleil und Karl-˜s kühne Gassenschau." Cyclope in Basel.
Bild: zVg/André Juchli

Die Entstehungsgeschichte des ehrgeizigen Projekts Cyclope von Philippe Böe und Markus Gfeller nahm ihren Anfang 1970 im Wald von Milly-la-Fôret, eine Stunde von Paris entfernt. Der für seine skurrilen Maschinenplastiken wohlbekannte Künstler Jean Tinguely begann dort zu jenem Zeitpunkt mit der Arbeit an seinem Werk Le Cyclop, einem kolossalen, begehbaren Kopf.

 

Der über 22 Meter hohe Zyklopenschädel mit seinem Innenleben aus mechanischem Räderwerk und der verspiegelten Oberfläche wurde erst 1991 nach Tinguelys Tod fertiggestellt. Er inspirierte die Macher des Stücks Cyclope zu einem aufwendigen Bühnenbild im Stile der Eisenschrottgebilde des Basler Hauskünstlers.

 

Das Spektakel verbindet auf eigentümliche Weise Zirkus-Artistik und Live-Musik mit Tinguelys kinetischer Kunst. Es wurde bereits 2012 mit grossem Erfolg am Ufer des Bielersees uraufgeführt. Im Frühling 2014 erfolgte seine Wiederaufnahme in der Halle 52 in Winterthur. Noch bis September wird das Stück als Freiluftproduktion in Basel gastieren.

 

Geheimnisvolle Geisterstadt

Das Bühnenbild stellt einen verlassenen Vergnügungspark dar, der an allen Orten Spuren der Verwahrlosung aufzeigt: Das Schild des Kassenhäuschens löst sich aus den Angeln, Glühbirnen flackern oder zerplatzen funkensprühend, “Harko-˜s Grill”wartet seit langer Zeit vergebens auf Kundschaft und die Elektrofahrzeuge des ehemaligen Autoscooters rosten vor sich hin.

 

In einem maroden Wohnwagen neben einem ausrangierten BVB-Tram haust einsam der letzte Bewohner jener wundersamen Geisterstadt. Der vom Pech verfolgte Clown, verkörpert von dem erfahrenen Mimen Lienhard Anz alias Linaz, kämpft erfolglos gegen den stetigen Verfall des ehemaligen Rummelplatzes an – was er anfasst, löst sich buchstäblich in seine Bestandteile auf.

 

Das Erwachen des mechanischen Riesen

Als der unglückliche Tollpatsch beschliesst, den Park zu verlassen, wird dieser urplötzlich von einer Horde exzentrischer Akrobaten in Beschlag genommen, die sich kurzerhand in seinem Wohnwagen einnisten und den einen oder anderen handfesten Scherz mit dem kauzigen Clown treiben.

 

Sie sind es auch, die das gigantische freiliegende Skelett des Zyklopen mit Einzelteilen aus den unbenutzten Schaubuden einkleiden und dem Stahlgerüst ein Gesicht mit rollendem Augapfel, beweglicher Nase, Augenbraue, Ohr, Lippe und Zunge verleihen. Plötzlich entwickelt dieser überdimensionale Kopf ein Eigenleben. Sein mechanisches Herz beginnt zu schlagen, er grollt, knurrt, singt, nimmt Anteil an der sich anbahnenden Liebesgeschichte zwischen dem Clown und einer schalkhaften Verrenkungskünstlerin und vergiesst schlussendlich sogar eine Träne der Rührung.

 

Eine Herausforderung für die Sinne

Cyclope ist ein Stück ohne gesprochenen Text, das aufgrund seiner potentiellen Offenheit Menschen jeglichen Alters und Hintergrundes anzusprechen vermag. Entsprechend bunt gemischt, zeigte sich auch das Premierenpublikum am Abend des 10. Juli. Die Produktion setzt keine grossen Kenntnisse von Tinguelys Gesamtwerk voraus und spricht weniger den Intellekt als die sinnliche Wahrnehmung der Zuschauenden an.

 

Den eigentlichen Protagonisten stellt das opulente Bühnenbild dar. Sowohl der marode Rummelplatz als auch der Zyklopenkopf weisen dermassen viele liebevoll ausgearbeitet Details auf, dass der Zuschauer gar nicht in der Lage ist, alle auf einen Blick zu erfassen. Sein Auge wird mit visuellen Reizen geradezu überflutet und bemüht sich, in den vielen gleichzeitig stattfindenden Einlagen der Artisten einen Fixpunkt zu finden.

 

In den einzelnen Szenen spielt sich schlicht zu viel auf einmal ab: Die Akrobaten wuseln im Dutzend auf der Bühne herum, hangeln sich flink an den Eisenstangen des Zyklopen in die Höhe, balancieren gleichzeitig auf dem Räderwerk, springen auf dem Trampolin, räkeln sich auf den freischwebenden blutroten Lippen des Riesen und vollführen Handstände auf wackligen Plattformen. Besondere Erwähnung verdienen auch die eigens für das Stück komponierten Lieder der fünfköpfigen Live-Band, welche das Geschehen von Cyclope mit einer erstaunlich breiten Klangpalette untermalen.

 

Wenig gnädig zeigte sich am Premierenabend das Wetter. Ein hartnäckiger Nieselregen sorgte dafür, dass die Produktion wegen Verletzungsgefahr für die Artisten nur in gekürzter Form gezeigt werden konnte. Entschädigt wurden die Zuschauer mit einem Gutschein für eine weitere Vorstellung. Eine vernünftige Entscheidung, da der Eintrittspreis bei einer erwachsenen Person doch satte 89 Franken beträgt.

 

“Eine Mischung aus Cirque du Soleil und Karl-˜s kühne Gassenschau”

Ein Zuschauer brachte die Essenz von Cyclope auf den Punkt, als er seiner Begleitung das Stück als “eine Mischung aus Cirque du Soleil und Karl-˜s kühne Gassenschau” beschrieb. Das Stück verbindet Zirkusakrobatik mit einem wandelbaren und detailverliebten Bühnenbild und bietet in erster Linie visuelle und auditive Reize. Wem dies ausreicht, den wird das Spektakel mit Sicherheit verzaubern.

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