Gesellschaft | 15.07.2014

Die Liebe soll fliessen

Familienaufstellen will familiäre Verstrickungen mit Aufstellen der handelnden Personen durch Stellvertreter lösen. Auch wenn es sich dabei nicht um eine wissenschaftlich anerkannte Methode der Psychotherapie handelt, erlebt das Familienaufstellen einen stetigen Zulauf an Experimentierfreudigen. Die Tink.ch - Reporterin Stephanie Bos war als Statistin bei einer Aufstellung dabei.
Die einen wollen es verbieten, andere lösen jahrhundertealte Konflikte damit: Familienstellen ist eine stark umstrittene Therapieform.
Bild: zVg / Flickr / Trondheim Byarkiv

In einem nach Räucherstäbchen riechenden Raum beginnt das Familienstellen, untermalt mit Yoga-Musik. Eine junge Frau, Frida (Anm. d. Red.: Name geändert), schildert der Seminarleiterin ihren Konflikt, den sie mit Hilfe des Familienstellens lösen möchte.

 

Frida ist unglücklich verheiratet, kann sich aber nicht von ihrem Ehemann trennen. Auch wenn ein neuer Mann bereits auf sie wartet. Sie ist überzeugt, dass ihr das Aufstellen der Familie helfen wird. Nun muss sie die richtigen Stellvertreter wählen, die sie selbst und ihren Mann darstellen. Eine andere junge Frau wird zu Frida während ich in die Rolle ihres Mannes schlüpfe.

 

Augen zu und durch

Obwohl ich seit meiner Pubertät mit der Esoterik flirte, macht mich die Situation doch nervös. Mein Herz klopft bis zum Hals, als Frida sich ruhig hinter mich stellt. Sie legt mir ihre Arme auf die Schultern, während ich die Augen schliesse. Mir gehen jegliche Erfahrungsberichte durch den Kopf, die ich zuvor im Internet gelesen habe. In einem Forum verlangen User sogar, dass das Familienstellen verboten wird. Es sei zu gefährlich. Doch ich werde mich voll und ganz auf die Sache einlassen. Und so lasse ich mich von Frida durch den Raum führen.

 

Schwarz-weiss Blick

Von professioneller Seite wird das Familienaufstellen kritisch betrachtet. Der deutsche Psychotherapeut H.I. Fellner ist ein ausgesprochener Gegner des Familienstellens und nimmt auch in Online-Foren immer wieder Stellung dazu. Für ihn hat das esoterische Familienstellen nichts mit fundierter Psychotherapie zu tun. Viel mehr noch warnt er davor. Denn Familienstellen sei für ernsthaft Erkrankte nicht nützlich. „Psychisch kranke Menschen müssen die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen, individuellen Gefühlswelt suchen. Die Feststellung, dass Konflikte und Probleme als Muster erblich sind, hilft den meisten wenig“, meint er gegenüber Tink.ch.

 

Rational ist das nicht

Nun steh ich da, diagonal zu meiner „Frau“, die gerade erklärt, wie sie sich in dieser Position fühlt. Ich wundere mich, wie viel sie zu sagen hat. Dann soll ich erzählen. Meine Beine sind plötzlich wie magnetisch im Boden verankert. Ich möchte mich an meiner „Frau“ festhalten, doch ich kann nicht. Das alles sage ich laut und die Seminarleiterin nickt zufrieden. Es funktioniert.

 

Als der neue Mann durch einen neuen Stellvertreter dazu geholt wird, fragt mich die Seminarleiterin: „Wie fühlst du dich jetzt?“ Ich merke, wie ich den „neuen Mann“ ansehe und ihn am liebsten beleidigen und beschimpfen möchte. Dieser Mann wird wohlbemerkt von einer älteren Dame repräsentiert, die ich in meinem Leben noch nie gesehen habe.

 

Das hypothetische Feld

Dieses Phänomen nennt sich nach Hellinger, dem Erfinder des Familienstellens, repräsentative Wahrnehmung und ist der Kern seiner Methode. Die Seminarleiterin erzählt, dass diese Erfahrung über das Rationale hinausgeht. Menschen können ohne Vorwissen die Gefühle, Gedanken und Symptome von anderen Personen nacherleben und ausdrücken. In einem hypothetischen, übermenschlichen Feld haben wir solch intensiven Zugang zu anderen, fremden Personen.

 

Erbsünden – Revival

Das Familienaufstellen ist auch durch die Herkunftsstellung bekannt, die H.I. Feller vor allem kritisiert. Das bedeutet, dass die Beziehung zu den Eltern, Grosseltern und anderen Mitgliedern unseres Stammbaumes aufgestellt wird. Das Herkunftsstellen geht davon aus, dass Leid und Schuld von Generation zu Generation weitervererbt werden. Bis sie erkannt und schliesslich gelöst werden.

 

Bei der zweiten Aufstellung an diesem Abend handelt es sich um eine solche. Es geht um fehlende Mutterliebe, die seit mehreren Generationen fehlt. Drei fremde Frauen stehen sich in dieser Aufstellung gegenüber: Grossmutter, Mutter und Tochter. Zum Ende der Aufstellungen liegen sie sich zu dritt in den Armen und können einander kaum mehr loslassen. „Die Liebe soll fliessen, spürt sie!“, sagt die Seminarleiterin leise und es stimmt für die drei Frauen und auch für die Zuschauer. Wir alle lächeln.

 

Offenheit vs. Skurrilität

Diese Szene ist wohl die eindrücklichste des Abends. Die körperliche wie auch geistige Nähe, die die Stellvertreterinnen zulassen sind gross. Derart gut sitzen die Rollen, dass aus Fremden Familie wird. Nach der Aufstellung setzen sich die drei Stellvertreterinnen an ihren angestammten Platz und schlüpfen wieder in ihre eigene Rolle. Sie sind wieder Fremde und das merkt man ihrem Verhalten einander gegenüber an. Skurril wie sich die Stimmung im Raum innerhalb von wenigen Minuten von warm und vertraut in fremd und distanziert ändert.

 


 

 

Bildnachweis: flickr.com / Trondheim Byarkiv