Kultur | 08.07.2014

Die Gretchenfrage der Science-Fiction

Text von David Bucheli | Bilder von zVg/pixabay
Was macht den Menschen zum Menschen? Lässt sich das Menschsein technisch imitieren? Und wenn ja: Könnten wir nicht perfekte Fälschungen unserer selbst sein? In Philip K. Dicks Science-Fiction-Klassiker "Blade Runner" ist alles möglich.
Philip K. Dicks utopische Zukunftsvisionen erscheinen retrospektiv erschreckend real.
Bild: zVg/pixabay

“Träumen Androiden von elektrischen Schafen?”, fragte der Originaltitel des visionären Science-Fiction-Romans von Philip K. Dick. Der amerikanische Schriftsteller schuf damit einen Meilenstein der Sci-Fi-Literatur und die Vorlage für Ridley Scotts kongeniale Verfilmung Blade Runner. Statt der wunderbar lakonischen Frage prangt auf den neueren Buchauflagen denn auch publikumswirksam der bekanntere, vom Film übernommene Titel Blade Runner.

 

Menschlicher als der Mensch

Dabei formulierte der ursprüngliche Titel die Gretchenfrage der Science-Fiction. Es ist die Frage nach dem Wesen der Menschlichkeit und danach, was im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit von ihr übrig bleibt. Lässt sich mit künstlicher Intelligenz die menschliche Seele simulieren? Und was, wenn diese Mensch-Maschinen plötzlich menschlicher sind als der Mensch?

 

Dick konstruierte aus diesen Fragen in den ausklingenden 60er-Jahren einen hochspannenden Thriller-Plot irgendwo zwischen Pulp-Literatur und philosophischer Prophezeihung. Angesiedelt ist die Geschichte in einer dystopischen Zukunft, die von der Gegenwart bereits eingeholt – ja sogar überholt wurde. Es ist beängstigend, in wie vielen Details Dick die gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen bereits vorausgedacht hat.

 

Die Zukunft ist Vergangenheit

1994 hat der “Letzte Weltkrieg” die Erde in eine atomare Staubwolke gehüllt. Wer es sich leisten kann, ist längst in einer der zahlreichen ausserirdischen Kolonien emigriert. Der Rest der Menschheit vegetiert in den verseuchten Ruinen der Zivilisation vor sich hin und läuft dabei Gefahr, zu einem “Sonderfall” zu degenerieren – denn die hohen Strahlendosen können im Gehirn Mutationen hervorrufen, die auf Kosten der Intelligenz gehen.

 

Organische Androiden, also Roboter aus Fleisch und Blut, dienen den Menschen in den schönen neuen Welten als Sklaven. Auf der Erde sind sie zwar verboten, doch hin und wieder gelingt einigen die Flucht in die “Alte Welt”. Dann kommen die Prämienjäger ins Spiel: Sondereinheiten der Polizeiorganisationen, die sich auf die Identifizierung und Eliminierung der biologischen Maschinen spezialisiert haben.

 

Echte Tiere, falsche Menschen – perfekte Maschinen

Die grosse Katastrophe des nuklearen Holocausts mag ausgeblieben sein, andere Elemente doch wenn Dick den religiösen Kult um sogenannte “Einswerdungsboxen” beschreibt, werden heutige Leser unweigerlich die virtuellen Welten moderner Onlinespiele assoziieren. Das stumpfsinnige Fernsehprogramm, das einige von Dicks Protagonisten eifrig mitverfolgen, könnte glatt als Blaupause gegenwärtiger RTL-Formate gedient haben.

 

Sogar aktuelle tierethische Bewegungen nimmt Blade Runner vorweg: Weil der Atomkrieg das Ökosystem irreparabel beschädigt hat, werden die selten gewordenen Tiere plötzlich zur Wertanlage und dienen als soziales Statussymbol. Das Töten von Tieren gilt als moralisch verwerflich, während sich ein ganzer Geschäftszweig der Jagd auf künstliche Menschen widmet. Sie sind von echten Menschen kaum zu unterscheiden und lassen sich nur durch einen ausgeklügelten Empathie-Test identifizieren. Denn Mitgefühl setzt Selbsterkenntnis voraus – etwas, was zu Dicks Zeiten noch als menschliches Alleinstellungsmerkmal galt.

 

Die Fälschung stellt das Original infrage

Die heutige Forschung hat die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis längst auch bei anderen Arten nachgewiesen. Seit Darwin war die Sonderstellung der menschlichen Spezies nicht mehr derart bedroht. Auch Dick lässt das Kriterium der Selbsterkenntnis nicht unhinterfragt: Während in seinem Roman die geistig zurückgebliebenen Sonderfälle beim Empathie-Test versagen, verfügt eine neue Generation von Androiden über ein trügerisches Selbstbild. Die Fälschungen halten sich dank eingepflanzter Erinnerung selbst für echt – räumt dies ihrer Existenz nicht eine neue Qualität ein? Und können wir uns überhaupt noch sicher sein, dass wir am Ende selbst nicht auch perfekte Fälschungen sind?

 

Dieser philosophische Überbau macht Dicks Roman zum zeitlosen Klassiker. Mit dem für ihn typischen sarkastischen Humor und der multiperspektivischen Erzählweise eignet sich Blade Runner hervorragend als Einstig in Dicks Gesamtwerk. Zurzeit erscheinen bei Fischer Klassik auch weniger bekannte Titel aus seiner umfangreichen Bibliographie. Ubik und Marsianischer Zeitsturz dekonstruieren brillant die physikalische Realität und ihre zeitliche Kontinuität, Das Orakel vom Berge beschreibt einen alternativen Geschichtsverlauf, in dem die Alliierten den Zweiten Weltkrieg verloren haben. Der Erzählband Total Recall Revisited präsentiert eine Sammlung von Dicks faszinierendsten Kurzgeschichten, darunter die Vorlagen für Hollywood-Blockbuster wie Paul Verhoevens Total Recall und Steven Spielbergs Minority Report.