Kultur | 29.07.2014

Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Werwölfe zur Paarungszeit

Text von David Bucheli | Bilder von Silas Bitterli
Die Tink.ch-Kinoredaktion hat ihre liebsten Klassiker der verunglückten Filmkunst ausgegraben und stellt diese in unregelmässigen Abständen vor. Den Anfang macht "Howling II - Stirba: Werewolf Bitch", ein fulminantes Feuerwerk des schlechten Geschmacks.
Christopher Lee ist mit dabei -“ und bleibt mit seiner Professionalität auf dem ganzen Set alleine.
Bild: Silas Bitterli

1981 lieferte Joe Dante mit The Howling einen unterschätzten Klassiker des Werwolf-Genres ab. Darin wurde eine föhnfrisierte Fernsehjournalistin mit Burnout-Symptomen den Verdacht nicht los, dass ihre Selbsthilfegruppe von Werwölfen unterwandert war. Hätte man es bei diesem einen Film belassen, würden wir heute vielleicht über ein vergessenes Kleinod des haarigen Horrors fachsimpeln. Doch im Jahre 1985 geschah das Unfassbare: Eine tollkühne Filmcrew zog los, um im osteuropäischen Outback eine Fortsetzung herunterzukurbeln.

 

Dass für dieses Unterfangen tatsächlich ein Drehbuch zur Verfügung stand, darf angesichts des Endresultats als Gerücht abgetan werden. Wer hier nach einer kohärenten Handlung sucht, wird bestenfalls mit Kopfschmerzen belohnt. Sollte nachfolgend dennoch die eine oder andere inhaltliche Anmerkung auftauchen, dann nur, weil sie für die Rekapitulation für die dargebotenen Merkwürdigkeiten unerlässlich sind.

 

Turbogeile Werwölfe kommen zur Sache

Für die Hauptrolle des pfähleschwingenden Werwolf-Jägers liess sich kein geringerer als der legendäre Dracula-Darsteller Christopher Lee verpflichten. Als Experte für nachtaktive Fabelwesen stellt er einem wollüstigen Werwolf-Zirkel nach, der in Los Angeles sein Unwesen treibt. Besagte Biester vernaschen mit Vorliebe motorradfahrende Punks auf verlassenen Industriearealen – wobei “vernaschen” durchaus wörtlich zu verstehen ist.

 

Weil Dreharbeiten auf amerikanischem Territorium mit kostspieligen Gewerkschaftsauflagen verbunden sind, katapultiert uns ein unverhoffter Filmschnitt unter falschen Vorwänden nach Transsilvanien. Hier haust die Mutter aller Werwölfe (B-Film-Luder Sybil Danning als titelgebende Werewolf Bitch) standesgemäss in einem düsteren Schloss, komplett mit Lustwäldchen und Folterkeller. Im Hintergrund stolpern Statisten in überdimensionalen Wikingerhelmen durch die Kulisse und sorgen für das passende archaische Ambiente. Ein Glück für die Komparsen, dass ihr Sichtfeld durch die monumentalen Kopfbedeckungen beeinträchtigt wird – andernfalls müssten sie schutzlos mitansehen, wie sich die Werwolf-Familie mit Fellmützen-Fetisch ausschweifenden Orgien hingibt.

 

Geballte Trash-Gewalt

Da hier auch Minderjährige mitlesen, spulen wir etwas vor. Christopher Lee kommt in der rustikalen Siedlung unweit des Werwolf-Schlosses an und hat sogar Verstärkung mitgebracht: Reb Brown, seines Zeichens stiernackiger B-Movie-Hero und Retter unzähliger Low-Budget-Fantasy-Welten, mimt den rachelustigen Bruder eines Werwolf-Opfers und Dauernebendarstellerin Annie McEnroe darf sich als pfiffige Investigativ-Journalistin Hoffnungen auf den Pulitzer-Preis, aber nicht auf den Oscar machen.

 

Mit vereinten Kräften soll den dauergeilen Pelzknäueln so richtig das Fell über die spitzen Latexohren gezogen werden. Von jetzt an wird der Zuschauer mit allem torpediert, was das Genre des 80er Horror-Trashs hergibt: Gummimasken, Monsterfratzen, Hellebarden, Jeansjacken, Dauerwellen, … Das volle Programm! Da springen tollwütige  Wookies aus dem Gebüsch und gehen beim kleinsten Kontakt mit Weihwasser in Flammen auf, Krummsäbel werden in Silikonköpfe gerammt, Augäpfel durch Energieblitze zum Platzen gebracht und die Lichteffekte im Finale verlangen nach einem Warnhinweis für Epileptiker.

 

Triumpf der Triebe

Besondere Erwähnung verdient der Abspann, der gewissermassen ein Best Of der vergangenen 90 Minuten darstellt: Im Rhythmus des fetzigen New Wave-Soundtracks werden noch einmal die denkwürdigsten Filmszenen rezykliert – darunter tatsächlich 17-mal ein und dieselbe Einstellung, wie sich Sybil Danning die Kleider vom Leib reisst. Es ist das Destillat des puren Wahnsinns, das hier als Schlussbouquet geboten wird. Die würdige Krönung eines Films, der sich seine plumpen Sexszenen und billigen Splatter-Effekte wie cineastische Jagdtrophäen an die Wand hängt.

 

Howling II – Stirba: Werewolf Bitch darf sich somit uneingeschränkt zur Speerspitze des hormongesteuerten Gammelfilms zählen. Ein Streifen, der den grösstmöglichen Abstand zur Hochkultur sucht und findet. Mittendrin: Ein radikal professioneller Christopher Lee, der selbst die debilsten Dialogzeilen mit stoischer Ernsthaftigkeit rezitiert. Vielleicht wird man das in 50 Jahren Avantgarde nennen, heute nennen wir es Schund. Und zwar von der allervortrefflichsten Sorte.