Gesellschaft | 30.07.2014

Coco Chanel auf den Fersen

Lars Buchschacher ist zukünftiger Modestudent an der "haute école d'art et de design" in Genf. Der Besuch in seinen eigenen vier Wänden gewährt einen Einblick in den von Mode geprägten Alltag des Jungdesigners. Seit seiner Kindheit inspiriert ihn die wohl bekannteste Modeschöpferin der Welt: Coco Chanel.
Inspiriert von der Modeschöpferin Chanel: Lars Buchschacher.
Bild: Nicole Rettenmund.

Mit einem Lächeln öffnet Lars Buchschacher seine Haustür. Der 18-Jährige setzt sich in den Garten und streicht sich seine Haare aus dem Gesicht. “Ich muss dringend zum Friseur”, grinst er und beginnt von seinem Leben zu erzählen, das sich vor allem um ein Thema dreht: Mode.

 

Sein grösstes Vorbild ist eine aus dem 19. Jahrhundert stammende Französin. Sie wuchs in einem Kloster für Waisenkinder auf und erlernte den Beruf der Schneiderin. Danach gründete die Stilikone ihr eigenes Modeimperium in Paris und entwarf in den 20er-Jahren erstmals das weltbekannte “Kleine Schwarze”.

 

Die wohl erfolgreichste Modedesignerin der Welt arbeitete bis ins hohe Alter an ihren nächsten Kollektionen und liegt heute auf dem Cimetière du Bois-de-Vaux in Lausanne begraben. Ihr Name ist Gabrielle Bonheur, besser bekannt als Coco Chanel.

 

Barbies als Models

Bereits seit frühster Kindheit begeisterte sich Lars Buchschacher für Mode und zeichnete leidenschaftlich gerne. Er habe als Kind mit Barbies gespielt und ihnen dabei immer wieder andere Kleider angezogen. Irgendwann wurden diese aber weniger interessant und er sehnte sich nach mehr Individualität in der Garderobe seiner Puppen.

 

“Als Viertklässler kaufte ich mir dann zum ersten Mal die Vogue und habe sie sogleich abonniert”, erzählt er. Dabei sei er auch zum ersten Mal auf eine Kollektion von Coco Chanel gestossen. An diese erinnert er sich noch sehr genau: “Die Models trugen weisse Overknee-Stiefel und vorwiegend schwarze oder weisse Kleider dazu. Jedes Outfit dieser Kollektion hat mir sofort gefallen.” Von diesem Moment an fungierte die Modepäpstin als grosses Vorbild für ihn.

 

Lars Buchschacher bringt zwei dicke Ordner zum Tisch. “Das ist meine Herbst/Winter-Kollektion”, sagt er und blättert vorsichtig von Seite zu Seite. Der modestilistische Einfluss Chanels auf diese Entwürfe ist auf den ersten Blick omnipräsent. Beim genaueren Hinsehen finden sich jedoch bei jedem Outfit viele individuelle Merkmale des Jungdesigners. Seine Mode ist leichter und wirkt weniger verspielt, ausserdem finden sich weniger spielerische oder ironische Details in seinen Entwürfen.

 

schlicht, graphisch und uni

“Ich mag vor allem geometrische Schnitte. Meine Mode ist schlicht und graphisch.” Er arbeite gerne mit Reissverschlüssen, Tweed und manchmal mit Pailletten. “Prints und auffällige Muster sagen mir nicht viel, ich benutze lieber dezentere Farben auf grossen Flächen.” Immer wieder tauchen in seinen Entwürfen aufgenähte Blumen auf, diese sind aber ebenfalls exakt angeordnet, so dass deren Verspieltheit durch eine gewisse Strenge überdeckt wird.

 

Die meisten Entwürfe sind in schwarz-weiss skizziert. Jedoch weiss Lars bei jedem einzelnen Outfit genau, welche Farbe es hat und wie sich der Stoff anfühlen muss, auch wenn er dafür manchmal keine richtige Bezeichnung im Modefachjargon findet.

 

Klare Vorstellungen

Nicht nur Chanels Mode begeistert den Jungdesigner, er bewundert auch ihren Ehrgeiz und ihr Durchsetzungsvermögen zu Lebzeiten. “Coco Chanel war eine ehrgeizige und emanzipierte Frau. Sie setzte sich mit ihren Kollektionen für die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ein, indem sie Hosen und Männerkleidungsstücke für Frauen entwarf”, erklärt er.

 

Ihr seien ausserdem Selbstständigkeit und Individualität wichtig gewesen. Diesen Ehrgeiz Chanels spürt man auch beim Jungdesigner selbst: Er hat genaue Vorstellungen, was seine Zukunft betrifft und weiss, wo seine Stärken liegen. “Meine Designs heben sich von den Werken anderer Designer dadurch ab, dass ich genaue und präzise Vorstellungen davon habe, wie das Modell konzipiert sein soll.” Damit meine er nicht nur den handwerklich-technischen Aspekt, sondern auch die optischen Verhältnisse der einzelnen Teile. “Durch die klaren Schnitte und Formgebungen kommen meine Ideen optimal zum Ausdruck.”

 

Neben der Faszination hat Lars auch Kritik für Chanel übrig. Das Label werde immer wie grösser und unübersichtlicher. Er habe den Eindruck, dass die Struktur des Unternehmens verloren gegangen ist. Grössere Shows, mehr Inszenierungen und noch mehr Stars führen dazu, dass die Kleider nicht mehr im Mittelpunkt stünden. Coco Chanel selbst habe die Eigenmarke gut verkauft und geführt. Leider verlor sie aber im Alter das Gespür, mit der Zeit zu gehen und hat seiner Meinung nach zu konservative Kollektionen designt.

 

Destination Paris

Lars Buchschacher besucht halbtags einen Vorkurs für Gestaltung und beschäftigt sich den Rest des Tages mit dem Entwerfen und Nähen seiner Kollektionen. Wenn er einmal keine Lust mehr dazu habe, nähe er in der Mansarde an den Kleidungsstücken zur Abwechslung. Damit bereitet er sich täglich auf das Modestudium ab September vor, dessen zwei letzte Masterjahre er in der Modehauptstadt Paris absolvieren möchte. “Mein Traum ist es, eines Tages für das Modehaus Chanel arbeiten zu können”, sagt er vorfreudig.

 

Im Sommer reise er passend zur Haute Couture Modeschau von Chanel in die Metropole und möchte sich dort Zutritt zu diesem grossen Event verschaffen. “Normalerweise sind an die Fashionshows von solch grossen Designern nur reiche Kunden und Prominente eingeladen. Aber ab und zu findet auch ein Modestudenten Einlass.”

 

*Was ist eine Portraitception?


Die Portraitception ist eine von Tink.ch erfundene journalistische Darstellungsform, die eine Person portraitiert, um mehr über ihr Vorbild zu erfahren. Dadurch entstehen zwei Portrait in einem. Die Idee wurde erstmals in der Redaktion Bern von Reporter Rade JevÄ‘enić zur Diskussion gebracht.