Gesellschaft | 12.07.2014

Buntes Treiben an Festivals

Text von Vivienne Kuster | Bilder von Vivienne Kuster
An den Festivals ist die Abgabe von Gratis-Kondomen selbstverständlich. Tink.ch wollte von den Festivalbesuchern in St.Gallen wissen, wie es bei ihnen um Openair-Sex und Verhütung steht.
Ertrinkt "Minimum en Gummi drum" im Alkohol, suchen hauptsächlich Frauen Hilfe in der Festival-Apotheke.
Bild: Vivienne Kuster

Mit der Hitze und dem Alkoholpegel steigt an Festivals auch die Kontaktfreudigkeit. Neue Bekannschaften werden geschlossen. Diese laufen allerdings nicht auf langfristige Freundschaften, sondern auf schnellen Sex hinaus – Klischee oder Realität?

 

Auf dem Festivalgelände des Openairs St.Gallen erklären Jugendliche gegenüber Tink.ch, was sie von Sex an einem Festival halten, erzählen von eigenen Erfahrungen und sprechen über Verhütung.

 

“Sex gehört wie Musik und Bier an ein Openair!”

Der 21-jährige Martin aus Bern ist regelmässiger Openair-Gänger. Selten erlebt er ein Festival ohne One-Night-Stand. “Sex gehört wie Musik und Bier an ein Openair. Wenn man Single ist, geht das auch total in Ordnung”, findet er.

 

Martins Kollegin Mona (19) hingegen differenziert zwischen spontanem Sex am Openair und jenem im oder nach dem Ausgang: “An einem Festival hat jeder sein eigenes Zelt. So muss niemand zum anderen nach Hause. Es ist anonymer.”

 

Martin ergänzt, dass für ihn Sex auch im Ausgang dazugehört. Doch an einem Openair passiere das öfters. “Einen One-Night-Stand habe ich hier auf sicher im Gegensatz zu einer gewöhnlichen Party am Wochenende. Am Openair sind viele Leute nah aufeinander, man hat länger Zeit, die Person kennenzulernen und sie von sich zu überzeugen.”

 

Genau das empfindet Wanja (23) als Nachteil und widerspricht Martin: “Es ist nicht ausgeschlossen, dass du diese Person danach nochmals auf dem Gelände antriffst und das könnte unangenehm werden.” Für sie gehört schneller Sex am Openair nur dazu, wenn der Freund dabei ist. “Mit dem Freund ja. Aber wenn ich Single wäre, würde ich das nicht wollen.” Das ist für sie eine Grundsatzfrage. Sie möchte sich nicht auf jeden einlassen. Das empfindet Wanja als billig.

 

Schweiss und Schlamm als Stimmungskiller

Für Anja (18) aus Brugg AG ist spontaner Sex nicht ausgeschlossen. Sie lege es aber auch nicht darauf an. “Er müsste schon sehr gut aussehen. Denn bei all dem Dreck und Schweiss mindert die Erotik rasch.” Schweisstriefende Achselhöhlen und verschlammte Kleider sind also Stimmungskiller. Das bestätigt auch der St.Galler Nick (28): “Regen und Schlamm sind ein Stimmungskiller. Bis ich einer Frau den Regenschutz und klatschnasse Kleidung ausgezogen habe, ist die Lust verschwunden.”

 

Verhütung ist ein Thema

Am Openair St.Gallen gehen unter den Befragten die Meinungen, inwiefern Sex zu einem Openair dazugehört, auseinander. Was das Thema Verhütung betrifft, herrscht aber Einigkeit: “Minimum en Gummi drum.” Dieser Devise folgen nicht nur Martin und Nick. Auch Anja befolgt diese Regel. Doch sie vermutet, dass bei zu viel Alkohol oder Drogen, Verhütung vergessen wird.

 

“Sind wir mal ehrlich: Drei Viertel der Leute vergisst das, wenn sie betrunken oder bekifft sind.” Nick bestreitet das: “Wenn ich so betrunken wäre, dass ich nicht mehr daran denke, zu verhüten, dann wäre ich auch nicht mehr in der Lage, mit einer Frau zu schlafen. Kondome sind das A und O bei Sex mit wenig Bekannten. Deshalb ist es gut, dass sie hier gratis abgegeben werden.”

 

Gratiskondome und Prävention

Insgesamt wurden am Openair St.Gallen zwischen 6000 und 6500 Kondome während vier Tagen gratis am Stand für Sexualfragen der Aids-Hilfe verteilt. Die Präsenz der Aids-Hilfe an Openairs wie dem in St.Gallen sei wichtiger Bestandteil ihrer Präventionsarbeit, sagt Andrea Dörig, Leiterin des Standes.

 

Andrea Dörig und ihr Team vermitteln den Festivalbesuchern Informationen über Geschlechtskrankheiten, Verhütung und Sexualität. Die Präventionsarbeit wird immer auf das Festival und seine Besuchenden angepasst. “Wir können hier nicht trockene Vorträge halten. Deshalb gehen wir die Prävention auf spielerische Weise an. Die Leute müssen von sich aus zu uns kommen und sich interessieren”, erzählte Dörig. Mit Quiz, Grabschboxen und weiteren Spielen versucht die Aids-Hilfe, die Besuchenden aufzulockern.

 

Im Quiz werden Fragen rund um das Thema Sexualität gestellt und in den Grabschboxen können unter anderem Sexspielzeuge ertastet werden. “Die meisten, die zu uns kommen, sind zu Beginn gehemmt oder lustig drauf. Doch irgendwann spüren wir, wie sie nach einer Weile ernst werden und sich darauf einlassen”, meint Dörig.

 

Die Pille danach am Openair

Ertrinkt “Minimum en Gummi drum” im Alkohol oder begleitet das Pech den gemeinsamen Spass und das Kondom platzt, ist auch Prävention nutzlos. Und das kommt vor, wie Andrea Dörig bestätigt: “Hier am Stand für Sexualfragen hatten wir allerdings nur einen Fall”, mehr darf sie nicht erzählen.

 

Nebst dem Stand für Sexualfragen wird auch in der Apotheke des Festivalgeländes Hilfe gesucht. Das bestätigt Apothekerin Yvonne Geiger-Bischof. “Dieses Jahr hatten wir drei Fälle, in denen wir die Pille danach abgegeben haben.” Geiger-Bischof ergänzt, dass während ihrer Laufbahn als Apothekerin sowohl an Festivals, wie auch in der gewöhnlichen Apotheke die jungen Frauen meisten alleine zu ihr kommen und jeweils auch alleine mit dem emotionalen Druck klarkommen müssten.

 

“Die meisten Frauen wollen sich aber nicht am Openair mit dieser emotionalen Situation befassen. Sie schieben es auf die Zeit nach der grossen Party und gehen anschliessend in eine gewöhnliche Apotheke”, erklärt Geiger-Bischof die wenigen Fälle, in denen die Pille danach direkt am Festival abgegeben wurde.

 

Spontaner Sex mit Fremden ist eine Grundsatzfrage

Sex an einem Festival ist Realität. Der Entschluss dazu geschieht aber nicht an einem Openair. Er wird begleitet von der Grundsatzfrage, ob ein One-Night-Stand zu einem individuellen Sexleben dazugehört.

 

Die Daily Mail veröffentlichte 2013 eine Studie. Diese ergab, dass rund ein Viertel der Besucherinnen und Besucher von Freiluftkonzerten mit einer fremden Person Sex hatte. Auch 20 Minuten hat eine nicht-repräsentative Online-Umfrage gemacht, welche das Ergebnis der englischen Studie bestätigte. 25 Prozent haben mit einem Klick im Internet angegeben, dass sie an einem Openair mindestens einen One-Night-Stand hatten.

 

Sowohl bei der Studie von Daily Mail wie auch bei der Umfrage von 20 Minuten wurde die Grundsatzfragen – die individuelle Entscheidung für oder gegen spontanen Sex mit Fremden – nicht thematisiert.