Kultur | 16.07.2014

Apropos Stimmen im Kopf

Text von Olivia Borer | Bilder von Silas Bitterli
«We used to be Kings" von Stewart Foster nutzt unkonventionelle Stilmittel und erzählt eine dramatische Geschichte aus Kinderaugen. Aber nicht nur. Der wöchentliche Buchtipp in der Tink.ch-Sommerserie "Ferienlektüre".
Kam der Vater von Tom und Jack wirklich durch eine russische Rakete zu Tode?
Bild: Silas Bitterli

Fosters Erstlingswerk erzählt die Geschichte des traumatisierten 18-jährigen Tom. Er schaut zu, als sein jüngerer Bruder Jack bei lebendigem Leibe verbrennt. Auch seine Mutter kommt bei diesem Unfall ums Leben. Den Vater schon früh durch den Krieg und eine russische Rakete verloren, holt sich Tom seinen toten Bruder zurück auf die Erde.

 

Tom flüchtet sich in seine eigene Welt, in der sein Bruder noch lebt und mit ihm sprechen kann. An Jacks Beerdigung treffen die beiden Brüder zum ersten Mal in Toms Gedankenwelt aufeinander. An seinen Fingern schnüffelnd, fragt der imaginäre Jack, warum er nach verbranntem Toast rieche. Tom antwortet nicht. Trotzdem findet Jack heraus, dass er gestorben ist. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

 

Ungewöhnliche Erzählweise

Wann immer sich Jack zu Wort meldet (und das tut er oft), werden die Zeilen kursiv geschrieben. Die Lesenden verstehen, dass er und nicht Tom spricht. Zu Beginn etwas irritierend, im Verlauf der Geschichte aber höchst wirksam, da langfädige Einleitungen zu direkter Rede umgangen werden.

 

Non-verbale Kommunikation zwischen den Brüdern wird gross geschrieben – im übertragenen Sinn – und nimmt viel Platz in Anspruch. Pausen sind durch Gedankenstriche symbolisiert und füllen wie die Fragezeichen und Ausrufezeichen eine ganze Zeile im 369 Seiten langen Roman. Sollte der Leser trotzdem im fosterschen Sprachwirrwarr den Faden verlieren, helfen regelmässige Rückblenden der gegenwärtigen Geschichte und dem verwirr(warr)ten Leser auf die Sprünge.

 

Unnötiges Mädchen

Trotz tiefgründigen Dialogen zwischen den Brüdern schafft es Fosters Debüt nicht, sich inhaltlicher Kritik zu entziehen. Man fragt sich, warum in einem Roman voller Tod, Leid und Traumata ein anhängliches Mädchen auftauchen muss. Zugegeben, die Geschichte ist unterhaltsam und lustig verpackt. Dennoch ist Harriets Auftauchen unnötig und trägt inhaltlich nichts zur Geschichte bei.

 

Weil Tom in der vorpubertären Entwicklungsstufe zurzeit von Jacks Tod feststecken bleibt, erstaunt es umso mehr, dass er sich von Harriet nicht nur zum Meer fahren, sondern auch verführen lässt. Doch die Liaison hält nicht lange an. Jack meldet sich zu Wort, Harriet ist entsetzt und macht die Fliege. Zum Glück.

 

Unbeantwortete Fragen

Die Geschichte lässt viel Raum für Interpretationen. Man kann mutmassen, dass Jack und Toms Vater im Nordirland-Konflikt als Soldat kämpfte. Die Geschichte rund um seinen Einsatz als Kosmonaut für die Russen also nur erfindet, um seinen möglichen Tod den Kindern einfacher zu machen. Oder weil er selbst einen seelischen Schaden von seinem ersten militärischen Einsatz davongetragen hat und sich in die Welt der Raketen und Raumfahrer flüchtete. Denn der Vater brabbelt zuweilen leise vor sich hin (“Sporry wurry Sputnik”).

 

Auch das Ende der Geschichte ist ungewiss. Hat Tom Suizid begangen und damit auch Jack vollständig zum Schweigen gebracht? Falls Tom doch nur ein Bad im Meer nahm und noch lebt, wird er wieder zurück in die psychiatrische Anstalt gebracht, aus der er ausgebrochen ist? Was für Konsequenzen wird der Mord am Jungen in der Heilanstalt haben?

 

Unbedingt lesen

Alles in allem baut der Roman auf einer guten Idee auf, weist hier und da jedoch Schwachstellen auf – wie die schwachsinnige Rolle Harriets. Nichtsdestotrotz ist We used to be Kings eine empfehlenswerte Ferienlektüre. Insbesondere für Leute, die Mark Haddons The Curious Incident of the Dog in the Night-Time gerne gelesen haben. Fosters Roman ist all jenen ans Herz zu legen, die sich gerne in die Köpfe und Denkweisen von Kindern mit einem Handicap eindenken. Apropos Stimmen im Kopf.


Lieblingszitat der Tink.ch-Autorin:

 

“Tom?”

“What?”

“Why do I smell of burnt toast?”