Gesellschaft | 25.07.2014

“Alle anderen Menschen sind der Vernichtung geweiht”

Text von Verena Hurst | Bilder von Silas Bitterli
Maria* (33) kam im Alter von acht Jahren zu den Zeugen Jehovas und wuchs in der Gemeinschaft auf. Vor zwei Jahren schaffte sie den Ausstieg. Im Interview mit Tink.ch erzählt sie von ihrer Zeit bei den Zeugen Jehovas, vom Ausstieg, und dem Leben danach.
Auch heute werden noch viele Menschen in den Bann der Zeugen Jehovas gezogen.
Bild: Silas Bitterli

Tink.ch: Wer sind die Zeugen Jehovas?

Maria: Die Zeugen Jehovas sind eine christliche Religionsgemeinschaft. Sie gehen ursprünglich aus einer Bibelforscher-Vereinigung hervor, die im 19. Jahrhundert in den USA gegründet wurde. Heute sind es die Leute, die für gewöhnlich mit den Zeitschriften “Wachtturm” und “Erwachet” an den Haustüren klingeln oder auf Plätzen stehen, um Mitglieder anzuwerben.

 

Wie sieht das Weltbild eines Zeugen Jehovas aus,  woran glauben sie?

Sie glauben an Gott, den sie Jehova nennen, Jesus, und den Heiligen Geist. Zu ihrem Glaubensgebäude gehört aber auch “Harmagedon”. Das ist der Tag, an dem alle Menschen, abgesehen von den Zeugen Jehovas, vernichtet werden. Nach Harmagedon kommt das Paradies auf Erden. Dass nur sie gerettet werden bezeichnen sie als die “gute Botschaft”. Alle Zeugen Jehovas freuen sich auf den Tag, an dem sie Harmagedon überleben, weil die meisten ins Paradies auf Erden kommen wollen.

 

Kommen Andersgläubige auch ins Paradies?

Die Zeugen Jehovas nennen ihren Glauben die “alleinige Wahrheit”. Alle anderen Menschen, also auch Protestanten und Katholiken, sind der Vernichtung geweiht. Die Menschen ausserhalb der Gemeinschaft sind schlechte Gesellschaft.

 

Wie ging es dir als Kind und Jugendliche damit, dass deine Freundinnen “schlechte Gesellschaft” sind?

Ich lernte, nie Freundschaften mit ihnen zu schliessen. Liess ich mich näher auf jemanden ein, so hatte ich innerlich ein schlechtes Gewissen. Ich wurde sehr schnell zur Aussenseiterin. Mein Lehrer sagte einmal während eines Elterngesprächs zu meinen Eltern, ich sei jemand, der unter einer Käseglocke hockt. Irgendwie mittendrin, aber trotzdem nicht integriert. Ich habe damals versucht, viel durch meine Leistungen wettzumachen. Durch Leistung bekam ich Anerkennung.

 

Hast du dir manchmal gewünscht, mit anderen zu spielen, ins Kino zu gehen oder Geburtstag zu feiern?

Oh ja, sehr oft. In späteren Jahren hab ich heimlich in der Schule die Weihnachtsfeiern mitgefeiert. Ich wünschte mir oft ein ganz normales Leben, mit allem, was dazu gehört. Da meine Eltern eintraten als ich etwa 8 Jahre alt war, kannte ich Geburtstage, Weihnachten etc. von meinem Leben vor den Zeugen Jehovas. Die Zeugen Jehovas feiern nur den Tod Jesu, das so genannte “Gedächtnismahl”, und Hochzeitstage.

 

Warum sind deine Eltern damals eingetreten?

Mein Vater wurde zum damaligen Zeitpunkt sehr krank. Er war starker Raucher. Der Arzt sagte ihm, dass er sterben würde wenn er nicht aufhört zu rauchen. Meine Mutter erinnerte sich daran, dass bei ihrer Mutter eine Zeitschrift über die Zeugen Jehovas lag, die auch die Themen Krankheit und Tod behandelte. Nach dem Eintritt veränderte sich alles. Es gab von jetzt auf gleich keine Feiern mehr und mein Vater schnitt seine langen Haare ab. Sie sagten immer, diese Zeitschrift hätte ihr Leben gerettet.

 

Was gab ihnen, und vielleicht auch dir, die Gemeinschaft?

Die Gemeinschaft gibt den Menschen Halt. Alle Fragen im Leben werden plötzlich beantwortet. Man weiss, was der Sinn im Leben ist. Viele Menschen gehen genau deshalb in die Glaubensgemeinschaften. Sie sind auf der Suche nach ihrem Lebenssinn. Man schlittert durch viele Dinge, die im Leben passieren, sehr schnell in diese Gemeinschaften. Zum Beispiel durch den Tod eines Angehörigen, Arbeitslosigkeit oder Krankheit.

 

Wie denken Jugendliche bei den Zeugen Jehovas über Liebe, Sex und Besitz?

Liebe gibt es zunächst nur zu Jehova. Er wird am meisten geliebt. Sex gibt es nur in der Ehe. Wenn man jemanden gern hat und mit ihm geht, sollte immer die Absicht einer Ehe dahinterstecken. Freundschaft in “der Welt” bedeutet Feindschaft mit Gott. Freunde wird man sich immer zuerst bei den Zeugen Jehovas suchen, nicht in der Welt. Geld und Besitz sind nicht wichtig. Das was zählt, ist dein Glaube. Alles andere bezeichnen die Zeugen als ein “Haschen nach Wind.”

 

Wann bist du an dem Punkt angekommen, an dem du aussteigen wolltest?

Ich erlebte gerade meine vierte Schwangerschaft, bei der alles schief lief, was schief laufen konnte. Das Kind wurde viel zu früh geboren. Ein paar Stunden nach der Geburt stand ich am Brutkasten, sah mein Kind und wusste: “Ich könnte dich niemals sterben lassen.” Ich hörte plötzlich wieder die Stimme meines Herzens, die ich jahrelang unterdrückt hatte. In der Zeit danach traute ich mich, im Internet über die Zeugen Jehovas zu recherchieren. Was ich las, öffnete mir die Augen.

 

Wie schwer war dein Ausstieg?

Dass meine Eltern auch bei den Zeugen Jehovas sind, war ein riesen Hindernis. Denn Jehovas Zeugen dürfen keinen Kontakt mit jemandem haben, der ausgeschlossen ist. Ich hoffte Monate auf ein Herz bei meinen Eltern. Diese Hoffnung zerplatzte aber wie eine Seifenblase. Weder ehemalige “Freunde”, noch meine Eltern, noch meine Schwester reden heute mit mir. Ich werde von den Zeugen Jehovas gemieden. Trotz Allem geht es mir heute besser denn je. Ich habe echte Freunde gefunden und lerne mein Leben eigenverantwortlich zu leben. Diese Freiheit ist unwahrscheinlich schön.

 

Welche Botschaft hast du an Jugendliche, die von Zeugen Jehovas auf der Strasse angesprochen werden beziehungsweise an Jugendliche, die in der Gemeinschaft der Zeugen leben und dieses Interview lesen?

Zeugen Jehovas werden versuchen, dich einzulullen. In deren Zeitschriften wirst du immer lächelnde Menschen sehen. Dieses Lächeln ist oft unehrlich und aufgesetzt. Wenn dich jemand anspricht, dann lehne dankend ab. An die Zeugen Jehovas, die sich in der Gemeinschaft befinden: Versuche über den Tellerrand zu schauen. Nichts ist so, wie du denkst. Du lebst vielleicht in einer heilen Welt, aber sie ist nur Fassade.

 

*Name der Redaktion bekannt.