Kultur | 05.07.2014

Affären mit alten Herren

Text von Yara Gut | Bilder von Yara Gut
Wenn grossartige Ferienlektüre zu Ende ist, bricht für viele Leser eine Welt zusammen. Man fühlt sich verlassen und will eigentlich nie mehr lesen. Tink.ch-Reporterin Yara Gut hat für diese trostlose Phase eine Lösung: Hauchdünne Klassiker.
Zusammen gerade mal so hoch wie ein Flaschendeckel: Diese Klassiker passen in jedes Gepäck.
Bild: Yara Gut

Der Umschlag löst sich ab, die 700 Seiten sind gewellt und gelblich – es ist das Ende einer grossen Sommerliebe. Der Schlusssatz eines Ferienschmökers beendet die Beziehung und hinterlässt im Lesenden eine kalte, nicht enden wollende Leere. Das ist das Aus. Für den zurückgelassenen Menschen beginnt nun eine schmerzliche Zeit.

 

Zuerst will man die Tatsachen nicht akzeptieren. Vielleicht gibt’s weiter hinten einen zweiten Epilog? Auf das fruchtlose und zunehmend hektische Blättern folgt die Wut und der Entschluss, nie mehr im Leben ein Buch in die Hand zu nehmen. Aber das ist auch keine Lösung. Man könnte den Liebling ja noch einmal lesen? Äch, spannend ist das nicht mehr. Mit der Resignation tritt die grosse Depression ein. Der Rest der Ferien ist ruiniert und das Lesen kann man auch gleich bleiben lassen. Nach ein paar rastlosen und ganz und gar schwarzen Tagen dann endlich die Akzeptanz: Andere Autoren haben auch schöne Bücher geschrieben. Und alles fängt von vorne an. Mein Lesetipp soll in dieser schlimmen Phase psychologischen Beistand leisten.

 

Kurze Affären mit Weltliteratur

Ich empfehle Klassiker. Bei weitem nicht alle, natürlich. Nein, ich schlage vor, dass in jedem Reisegepäck Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel und George Orwells Animal Farm dabei sein sollten. Ersteres erschien 1888 und handelt vom frommen Bahnwärter Thiel, dessen (Innen-)Leben mit dem Tod seiner ersten Frau zunehmend entgleist. Warum dieser Satz ganz furchtbar clever ist, wisst Ihr, wenn Ihr das Buch gelesen habt. Auf alle Fälle: Hauptmann seziert die Psyche seines Protagonisten und offenbart menschliche Abgründe par excellence. Das alles auf 55 läppischen Seiten.

 

Ähnlich verhält es sich bei Animal Farm. Das Werk erschien 1945 und steht im Zeichen seiner Zeit. Orwell erzählt die Geschichte von den Tieren der Manor Farm, die ihrem Sklavenleben ein Ende bereiten und in einem revolutionären Akt den menschlichen Besitzer vertreiben. Was vorerst nach herzigem Kinderbuch klingt, ist tatsächlich eine Parabel auf die Sowjetunion und den Stalinismus. Spätestens in der Hälfte der Lektüre entlocken die sprechenden Tierchen keinem mehr ein “Jöö”, sondern veranschaulichen vielmehr die Gewalt und den Schrecken einer Diktatur. Wie der Gedanke der Solidarität dem Personenkult weichen muss hält Orwell auf insgesamt 112 Seiten fest.

 

Viel mehr will ich zum Inhalt der Werke nicht verraten, denn mein Punkt ist: Beide lesen sich unglaublich schnell. Und somit leisten sie als “Puffer” zwischen zwei monumentalen Werken wunderbare Dienste. Bevor man sich auf die nächste grosse Sommerliebe einlässt, bietet es sich an, zwei kleine Affären mit Weltliteratur zu haben.

 


Lieblingszitat der Tink.ch-Autorin:

“All animals are equal, but some animals are more equal than others.”