Kultur | 04.06.2014

Zwischen Fellini und Freud

Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt" wurde erstmals 1920 in Deutschland aufgeführt. Kürzlich feierte das selten gespielte Werk am Theater St. Gallen Premiere. Die Oper handelt von der Trauer über den Verlust einer Geliebten und nimmt einen mit auf eine Reise voller Liebe, Emotionen, Träumen bis hin zu Wahnvorstellungen.
Stefan Vinke (Paul) und Molly Fillmore (Marietta).
Bild: Hans Jörg Michel Ensemble. Hans Jörg Michel

Die Oper basiert auf dem Roman Das tote Brügge und hätte beinahe den Titel Der Triumph des Lebens getragen – eine 180-Grad Wendung. Das Stück handelt vom verwitweten Paul – in St. Gallen interpretiert von Stefan Vinke – die Hauptfigur zieht es in seiner Trauer nach Brügge, der toten Stadt, die ihrer vergangen Bedeutung hinterhertrauert.

 

Früher war Brügge eine zentrale Handelsstadt, nun aber ist sie bedeutungslos und wie ausgestorben. Dort lebt er zurückgezogen und trauert seiner verstorbenen Ehefrau Marie nach. Eines Tages kommt er jedoch wie verwandelt nach Hause und erzählt seiner Haushälterin von der Begegnung mit einer Frau (Molly Fillmore), die seiner Marie aufs Haar gleicht. Schon bald trefft Paul erneut auf die Tänzerin, welche sinnigerweise den Namen Marietta trägt und wird von den Erinnerungen an seine tote Geliebte überwältigt.

 

Abgründige Traumvisionen

Allmählich verliert sich Paul in einer Fantasiewelt und mit ihm taucht auch der Zuschauer in eine dichte, intensive Handlungsabfolge ein, in der Schauplätze und Themen sprunghaft ändern, Gestalten plötzlich wieder auf der Bühne stehen und verschwinden. Realität und Fantasie verweben sich und die Unwirklichkeit des Traumes ist omnipräsent.

 

Cineatische Inszenierung

Das schlichte und dennoch wirkungsvolle Bühnenbild von Vincent Lemaire gibt die gespenstische und dennoch lebendige Atmosphäre gut wieder. Durch die schnittartigen Handlungsstränge wirkt die Inszenierung beinahe filmmässig, was die Unwirklichkeit eines Traumes gut wiederspiegelt.

Schmidt-Garres szenische Umsetzung ist gelungen und die psychotherapeutische Interpretation fügt sich passend in das Stück ein. Viele Elemente in der Inszenierung erinnern stark an Freud, beispielsweise das blaue Sofa auf dem Paul liegt und erzählt, sowie die Rolle seines Freundes Frank, der analytisch wie ein Therapeut agiert.

 

Triumph des Lebens

Im dritten Akt eskaliert die gesamte Situation. Paul erwürgt Marietta, weil diese mit Maries langem, blonden Zopf, dem wertvollsten Überbleibsel der Toten, spielte. Mit Mariettas Tod enden Pauls Wahnvorstellungen – er befindet sich wieder alleine in seinem Haus, die Leiche der Toten ist nicht zu finden. Am Ende der Oper erwacht Paul mit der Einsicht und Hoffnung auf einen Neubeginn. Er entschliesst sich zusammen mit seinem Jugendfreund Frank (David Maze) die tote Stadt zu verlassen. Der Triumpfzug des Lebens über den Tod.

 

Oberflächliche Tiefgründigkeit

Dass an diesem Premierenabend eine gewisse Distanz zum Publikum bleibt, mag an den oberflächlichen Charakterzügen der Hauptfiguren liegen: Paul verliebt sich bloss in das Äussere von Marietta, auch umgekehrt findet sich kein tiefgründiger Grund für Mariettas Begehren, bloss Pauls Reichtum ist ausschlaggebend. Dies macht es trotz des emotionalen Themas schwierig, sich in die Hauptfiguren hineinzuversetzten und Mitgefühl zu empfinden.

 

Die Leistung des Sinfonieorchesters St.Gallen unter der Leitung von Otto Tausk ist hingegen ausgesprochen gut und unterstützt die Handlung und die Emotionen der Figuren gezielt. Korngolds wohlklingende Musik ist stimmig und klassisch gehalten. Insbesondere die Sängerinnen und Sänger leisten Grossartiges, sie singen klar und setzten die schwierigen Stücke gekonnt um. Obwohl die Lieder lange sind und die Sängerinnen und Sänger sich nicht oft bewegen, wird es nie langweilig ihnen zuzuhören – und das Publikum zeigt seine Begeisterung mit lang anhaltendem Applaus.

 


 

 

Anmerkung der Redaktion:

Weitere Vorstellungen am Theater St. Gallen: www.theatersg.ch