Gesellschaft | 18.06.2014

Türkische Journalistin: “Büros sind jetzt Schlafsäle”

Ece Celik ist Journalistin in der Türkei und Teil der Protestbewegung gegen ErdoÄ"Yan. Unser Partnermagazin mokant.at sprach mit ihr über Pressefreiheit, die jüngsten Ereignisse in ihrer Heimat und warum sie und ihre Kollegen seit Wochen in ihren Büros übernachten müssen.
Niemand scheint erklären zu können, warum sich Erdogan trotz anhaltender Proteste erfolgreich an der Macht halten kann.
Bild: Martin Fellner, mokant.at

Istanbul, das belebte Stadtviertel BeŠŸiktaŠŸ. In einem typischen Strassencafé bringen mehrere Kellner das Frühstück zu Tisch. Weissbrot, natürlich. Oliven, Schafkäse, Butter, Honig, Gurken und Tomaten werden vor uns aufgestellt. In der Zwischenzeit kommt Ece Celik. Wir haben uns in dem Straßencafé verabredet, um über die Arbeit von Journalisten in der heutigen Türkei zu reden.

 

Vor einem Jahr brachen in Istanbul die Proteste gegen die konservative Regierungspartei AKP aus. Die meist jungen Menschen Istanbuls protestierten gegen die Planierung des Gezi-Parks – er sollte einem Einkaufszentrum weichen – in Wahrheit aber gegen den autoritären Regierungsstil unter Recep Tayyip ErdoÄŸan. Die jungen urbanen Menschen wollten sich nicht mehr vorschreiben lassen, wie sie ihr Leben zu leben haben. Die bunte Protestbewegung am Gezi schwappte auf andere Städte über und für einen Moment sah es so aus, als würde dies ein politischer Wendepunkt der Türkei werden. Doch die Protestbewegung, so sichtbar sie auf der Straße und in den ausländischen Medien war, gewann bisher keine Wahlen.

 

Ece Celik hat Wurzeln in Mazedonien und im Süden der Türkei. Sie studiert Politikwissenschaften und arbeitet als Journalistin. Zuerst tat sie das im Kulturressort der Zeitung Radikal. Sie war allerdings immer an politischen Themen interessiert und schrieb auch darüber. Nach den Gezi-Protesten gründeten deren Unterstützer die Zeitung KarŠŸÄ±. Ece Celik begann dort zu arbeiten. Dort tummelten sich Nationalisten, Liberale und Kurden. Die einzige Gemeinsamkeit war ihre Unterstützung der Proteste.

 

Zweifelhafte Rekordhalterin

Auf dem Pressefreiheitsindex befindet sich die Türkei, laut Reporter ohne Grenzen, auf dem 154. Platz von 179 Ländern. Österreich ist aktuell auf Platz 12, die Schweiz belegt Platz 15. Der Bericht beschreibt die Türkei als “zurzeit weltgrösstes Gefängnis für Journalisten”. Besonders Journalisten, die sich kritisch gegenüber Autoritäten verhielten – zum Beispiel in der Kurdenfrage – seien betroffen.

 

“Wenn man in der Türkei Journalist ist, ist es Zufall, wenn man noch nicht verhaftet worden ist”, kommentiert Ece Celik die Pressefreiheit in ihrem Land. “Ein Kollege aus der KarŠŸÄ±-Zeitung war vorheriges Jahr im Gefängnis. Weltweit war er der jüngste Journalist, der verhaftet wurde. Er ist 22 Jahre alt.” Celik meint, dass Reporter deswegen oft die eigene Meinung zurückstellen und positiv über die Regierung schreiben, “weil sie ansonsten keine anderen Anstellungen finden können”. Celik war froh bei der oppositionellen Zeitung KarŠŸÄ± arbeiten zu können. Im Unterschied zur vorherigen Zeitung war sie diesmal sogar sozialversichert.

 

Doch dabei blieb es nicht lange. Denn KarŠŸÄ± gab es nicht lange. Nach nur zehn Wochen war es vorbei. “Danach hatte der Besitzer, Turan Ababey, sich entschlossen, die Zeitung dicht zu machen”, sagt Ece Celik. “Es war verdächtig, dass die Zeitung vor den Kommunalwahlen gegründet wurde und danach gleich wieder zugesperrt hat. Es gibt Gerüchte, dass Ababey Verbindungen zur kemalistischen Partei CHP oder Fetullah Gülen hat.” Fetullah Gülen ist ein Prediger. Er lebt zurzeit in den USA und hat ein umfangreiches Netzwerk aus Vereinen in der Türkei geschaffen. Letztes Jahr hat er mit ErdoÄŸan gebrochen und befindet sich seitdem in einem Machtkampf mit der Regierung.

 

Occupy auf Türkisch

Die Gefeuerten liessen sich aber nicht auf die Strasse setzen, sondern besetzten kurzerhand das Redaktionsgebäude. Celik: “Sie haben uns nicht bezahlt, also haben wir die Redaktion besetzt. Wir leben dort seit dreizehn Tagen. Alle Büros sind jetzt wie Schlafsäle.” Für die Besetzer ist es eine ganz neue und andere Erfahrung. Die junge Journalistin erzählt stolz: “Normalerweise akzeptieren gefeuerte Journalisten ihre Situation und gründen gegebenenfalls eine eigene Zeitung. Niemand widersetzt sich wie wir.”

 

Einige Wochen später wird das Redaktionsgebäude weiterhin besetzt gehalten. Über Facebook schreibt Celik Ende Mai wie sich die Besitznahme der Redaktion entwickelt hat. In der Türkei würden Proteste “länger dauern, wenn man wirklich etwas erreichen möchte”, sagt sie. Dennoch ist sie optimistisch, dass die Leute noch ihr offenes Gehalt bekommen werden. Ece Celik lässt wissen, dass diese Art von Protest weltweit erst zum zweiten Mal geschehen sei. Die erste Besetzung einer Redaktion fand ironischerweise beim früheren Erzfeind Griechenland statt – zwei Nachbarländer mit einer ziemlich konfliktreichen Vergangenheit.

 

Kein Erfolg für die Opposition

Der Unmut der jungen Menschen hat bisher jedoch noch nicht zu einer politischen Wende geführt. Die AKP sitzt fest im Sattel der Macht. Trotz andauernder Proteste, wie zum Jahrestag von Gezi oder dem Bergwerksunglück in Soma. “Der Besitzer der Mine in Soma ist grosser Unterstützer der AKP. Die AKP ist für dieses Desaster verantwortlich!”, nimmt Celik zum jüngsten Ereignis Stellung.

 

Die Politik unter der AKP sei deshalb verantwortlich, weil sie von den Missständen wusste und sie verdeckte. Nach wie vor ist jedoch die Mehrheit der Türken pro-ErdoÄŸan. “Trotz all der Vorkomnisse, unterstützen die meisten die Regierung. Jetzt glauben sie das Minenunglück war nur ein Unfall und die Regierung tat alles Mögliche, um den Familien zu helfen und die Bergarbeiter zu retten.”

 

Welche Aussichten hat das Land?

Der politische Status Quo scheint trotzdem nicht besiegelt zu sein. Es hat sich einiges geändert in der türkischen Gesellschaft. Eine Aktion wie die der Redaktionsbesetzung wäre vor einem Jahr noch undenkbar gewesen. “Ich denke, das ist auch ein Ergebnis der Gezi-Proteste. Nach den Protesten im letzten Jahr fängt jeder an, wegen irgendetwas zu protestieren”, meint Celik.

 

Warum Erdogan noch immer so erfolgreich ist: “Keiner weiss es!”, lacht die junge Journalistin, gibt dann aber doch eine ausführlichere Antwort: “Als Kemal Atatürk die türkische Republik gründete, waren die Leute konservativ und sie wurden durch diese Politik unterdrückt. Das ging 60 Jahre lang so. Seit es das Mehrparteiensystem gibt, wählt die Mehrheit rechte Parteien. Die Leute wollen zwar nicht wie im Iran sein, aber sie bevorzugen die Politik der AKP. Diese ist zwar konservativ, aber nicht so extrem. Sie sind wirtschaftlich erfolgreich und das ist das, was die Leute wollen. Ein anderer Grund ist das Versagen der Opposition. Das Verhalten der Oppositionsparteien ist immer elitär und sie sind weit davon entfernt, die Probleme der Menschen zu verstehen.”

 


Update vom 11. Juni 2014: Ece Celik hat uns berichtet, dass die Besetzung der Redaktion zu Ende ist. Die Journalisten haben sich mit dem Besitzer auf die Auszahlung der Hälfte des noch ausständigen Lohns geeinigt. Frau Celik ist glücklich, dass sie zumindest soviel erhalten hat. Einen neuen Job hat sie allerdings immer noch nicht.

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