Kultur | 19.06.2014

Oma will die Scheidung

Text von Tamara Keller | Bilder von Tamara Keller
Sabine Heinrich zaubert aus ihrem Debütroman einen witzigen Road Novel mit zwei sympathischen Protagonistinnen. Dieser Roman ist ein Muss für jeden Reisekoffer und ein Tabu für Überraschungs-Junkies.
"Verlass dich auf andere und du bist verlassen."
Bild: Tamara Keller

Wer kennt das nicht? Man betritt seinen Lieblingsbuchladen und da ist sofort dieses eine Cover, das einen anspricht: Ein atmosphärisches Bild vom Meer mit einer verschlungenen Schrift, die den schönen Titel Sehnsucht ist ein Notfall ankündigt. Ob der Inhalt hält, was die Verpackung verspricht?

 

Die Story klingt wie ein 0815-Klischeeroman: Eva hat eigentlich alles, was man braucht, um glücklich zu sein. Sie liebt ihren Job als Physiotherapeutin und genauso liebt sie Johannes, mit dem sie seit sechs Jahren in einer Beziehung lebt. Doch als ihr die eng vertraute Oma am Silvesterabend erzählt, dass sie mit 79 Jahren Opa verlassen und ausziehen möchte, bringt das auch Evas Welt durcheinander. Ist sie wirklich glücklich oder schlummert in ihr doch eine Sehnsucht nach mehr?

 

Als dann auch noch Tobias in ihr Leben tritt, der ihr alles bieten kann, was sie bei Johannes vermisst, wird es Eva zu viel. Auch Oma hält es nicht mehr länger mit Opas andauernd schlechter Laune aus. Der Plan? “Komm Oma, wir fahren ans Meer!”

 

Simpel aber überzeugend

Der Roman erzeugt wider erwarten eine ganz eigene Seite von Klischee: Er überzeugt mit seiner Einfachheit.

 

“Eva, ich muss dir was sagen: Ich ziehe aus, ich will nicht mehr, ich mache Schluss und verlasse ihn.”

 

Mit diesen simplen Worten beginnt Sabine Heinrich ihren Debüt-Roman und auch im weiteren Verlauf wird alles in Alltagssprache heruntergebrochen, was für einen zügigen Lesefluss sorgt und die Geschichte zu jeder Zeit real wirken lässt. Dies untermalt die Autorin auch in der Art, wie sie von ihren beiden Protagonistinnen erzählt. Dargestellt mit all ihren Fehlern und Macken wirken diese lebendig und echt und wachsen den Lesenden schnell ans Herz.

 

Hier entlang

Die lustige, verquirlte Eva, die zwar den Weg nach Italien dank Handy-Navi findet, jedoch nicht weiss, wo lang in ihrem Leben: Der gesamte Roman wird aus ihrer Perspektive geschildert.

 

Und die herzliche aber auch direkte Oma aus dem Ruhrpott, die frei nach dem Lebensmotto “Verlass dich auf andere und du bist verlassen” lebt und mit ihrem gesammelten Wissen aus dem Fernseher up to date ist. Sie hat den Mut, trotz hohem Alter, neu anzufangen. Geschickt fügt die Autorin eine kräftige Portion Humor hinzu, die die Lesenden das eine oder andere Mal schmunzeln lassen. Etwa als Eva erklärt, wieso sie sich für den Kauf von blauer Unterwäsche entschieden hat: “Blau ist die Schweiz der Unterwäschefarben.”

 

Im Hier und Jetzt

Da der Roman sich dem Genre Gegenwartsliteratur zuordnen lässt, ist nicht nur Evas Oma bestens über aktuelle Fortschritte in allen Belangen der Technologie informiert.

 

Romane, in denen E-Mails oder SMS ausgetauscht werden sind mittlerweile zwar keine Seltenheit mehr, aber zum ersten Mal begegnet man WhatsApp und Instagram mit den dazu passenden kreativen Hashtags. Zudem gewinnt der Roman an Modernität durch das Einbauen von Liedern plus Zitaten aus deren Songtexten.

 

Dieses Phänomen könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass die Autorin hauptberuflich Radiomoderatorin ist. Der Story wird somit ihr ganz eigener Soundtrack verliehen: Von Conny Froboess Zwei kleine Italiener bis Rihannas Diamonds ist alles dabei. Aber nicht nur der alltägliche Radiomainstream findet sich im Buch. Ein paar Titelgeheimtipps tauchen auf, welche auch leicht im Internet zu finden sind. Je nach Geschmack, lohnt es sich diese in die eigene Playlist aufzunehmen.

 

Nicht makellos

Ein Schwachpunkt hat der Roman dennoch: Die Story ist oft voraussehbar, was dem Überraschungs-Junkie beim Lesen nicht gefallen wird. Ihren Glanz erhält die Geschichte durch das Alltägliche, welches mit Witz, Sympathie und Humor eine besondere Geschichte erzeugt. Deshalb tut es weh, dass die 285 Seiten einen viel zu schnell durch die Hände gleiten, da es sich zu flott lesen lässt. Als Ferienlektüre ist das Buch trotzdem tauglich: Man kann den Lesestoff mit gutem Gewissen seinen Miturlaubern in die Hand drücken.

 


Lieblingszitat der Tink.ch-Autorin:
“Verlass dich auf andere und du bist verlassen.”